Gauck vs. Wulff


Gauck & Wulff, wie Tünnes & Schäl

blick-ch
Mein politisches Statement zum Aschermittwoch 2012:  Ich will an dieser Stelle auf eine sehr instruktiven Diskussion, die Anatol Stefanowisch in seinem Blog (SprachLog) ins Rollen gebracht hat, aufmerksam machen. 

Wäre ich doch Lehrer, ich würde z.B. meinen Deutschkurs auf fordern, an Hand des Textes, von Anatol Stefanowich: ‚Der „böse“ Gauck und das Netzt‘, Stellung zu beziehen. Ich würde von meinen Schülern eine Begründung erwarten, wieso wir unbedingt im 21 Jahrhundert noch einen Bundespräsidenten brauchen und im weiteren fragen, ob dies ein klassischer Männerberuf ist, wie der des Straßenbaumeister? Und ich würde des weiter fragen: Welchen Umgang wir mit Texten unserer Zeitgenossen im Netz pflegen sollen? Mich würde dabei insbesondere Interessieren, wie die Schüler selbst die Entwicklung dieser Diskussion in diesem Blog bewerten?

Seit Sonntagabend streiten wir über die Nominierung eines Kandidaten, der uns noch vor 20 Monaten, als die gute Alternative zu dem, uns von der Regierungskoalition vorgesetzten Kandidaten Christian Wulff erschienen ist. Im Vergleich punktete Joachim Gauck  – „Lichtgestalt“ – unzweifelhaft. Und heute, können wir mangels Gegenkandidaten, bis dato nur Gauck mit sich selbst vergleichen und da glänzt er, für mich, lange nicht mehr so, wie vor 20 Monaten. Jetzt sind wir auf ihn selbst konzentriert, auf das was und wie er denkt. Ich lese sein Nachwort  zur Westgrenze Polens, im Schwarzbuch des Kommunismus (1998) und zu weiteren Themenkomplexen, wie u.a. die Occupy-Bewegung – „albern“. Die einen sagen, er sei bisweilen reaktionär, die anderen sagen, „ihr wollt ihn nicht verstehen“ und attestieren ihm, er sei ein Vorzeige-Demokrat, gar ein Demokratielehrer (Merkel).
Andere sagen lasst ihm Zeit, seid nicht so vorschnell (Hajo Schuhmacher), er wird ein guter Präsident.

Aber brauchen wir einen BP, der als Demokratielehrer durch die Republik fährt? Wer hat die Deutungshoheit über seine politischen Statements? Ist die Nominierung Gaucks alternativlos? Macht ihn die Nominierung der 5 Parteienkoalition schon unantastbar?

Und über die Person hinaus stellt sich die Frage wie (modal) im Netz kommuniziert werden darf! Oder anders gefragt: Darf es jenseits des Autors oder des Rezipienten eine sich selbst generierende III. Realität geben? Gibt es Benimregeln für’s Zitieren im Netz und wenn ja welche (akademischer Diskurs?) , wie sie Mr. SocialMedia 2.0,  Sascha Lobo fordert? Wie treu am Kontext dürfen u. müssen wir zitieren?

Für mich ist Twitter, nicht mehr und nicht weniger, als ein virtueller Stammtisch, wo argumentiert, gebrüllt, geholzt, geschmunzelt, getrollt und hin und wieder auch durch Nachdenkliches Kontemplation erzeugt wird. Polemik und Sarkasmus heißt dann „bashing“, es gibt Pro & Contra, Exoten und Leute die sich gelangweilt abwenden. Ich habe die deftigen Festszene  (Carneval vs. Fasten) eines Peter Breughels vor Augen, aber leider sitzen wir alle abgeschirmt und isoliert in unseren eigenen Klausen, reduziert auf ein digitalisiertes Fenster starrend.

Ich kann, dem für Joachim Gauck überschwänglich schwärmenden Jürgen Trittin , an einer Stelle zu stimmen, der Kandidat Gauck polarisiert und wird allen, hier und da, Schmerzen bereiten. Die Kombination vor 20 Monaten, von Wulff und Gauck, erweckte damals, für den Zweiten, Wellen der Sympathie, die jähe Trennung dieses Duos, nach dem Sturz des Ersten und die Alleinstellung von Gauck heute,  erweckt eine  neue, lebendige und kontroverse Diskussion.

Es gibt einen dramaturgischen Moment, hier liegt der Reiz in dem Duo Wulff und Gauck, wie bei dem Kölschen Duo ‚Tünnes & Schäl‘ oder Dick & Doof. In welchem Licht wird die zweite Besetzung, nach dem Abtritt von Christian Wulff, stehen? Er, der Mann aus Rostock, nun allein auf der Bühne, wird zum Hauptdarsteller. Wer wird seinen Charakter steigern, wer Ergänzung oder Gegenentwurf? Kommentatoren rechnen mit einem Duell zwischen den beiden Verfassungsorganen, dem  Präsidenten und der Kanzlerin.

Kritiker beschreiben den Kandidaten als monothematisch,seine pointierten Positionen treten heute Wogen lebendiger Diskussion los, wollen wir hoffen das es keine Lawinen sind. Sein Vater war Kapitän zur See, für ihn galt wohl, wie für viele die zur See fahren, dass sie immer hart am Wind segeln wollen. Ist es das, was Joachim im tiefsten Inneren treibt, weswegen er nun, mit 72 Jahren der Berufung folgt, statt einer Frau den Vortritt zu lassen? Ist dieser Mann wirklich frei, oder doch auch wieder nur ein getriebener, der das Amt braucht?

Was bleibt mir an Erkenntnisgewinn?

  1. Das Amt ist überflüssig und könnte eingespart werden. (mehr dazu H.Däuble und H.H.v.Arnim)
  2. Ich brauche keinen Demokratielehrer.
  3. Ein Kandidat für das Amt des BP, der die Geschichte der Westgrenze Polens, als Ergebnis kommunistischer Diktatur reduziert oder relativiert, ist für das Amt des Bundespräsidenten zweite Wahl.
  4. Es gibt Alternativen zu Joachim Gauck, ich nenne nur eine Auswahl:
    Prof. Christiane Nüsslein-Volhard, Petra Roth (OB FfM), Renate Schmitt und Beate Klarsfeld.

(Lesenswerter Kommentar zur Kandidatur von Joachim Gauck von Augstein Junior bei Spiegel-Online.)

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