Brit Mila I


Brith Milah vs. Brith Shalom:
Ein alttestamentarisches Ritual in der Gegenwart

I.

Mit zwei kurzen und klar formulierten Artikeln beginnt unsere „Verfassung“.  So heißt es in Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Und in Artikel 2,2: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“

Was heißt das für die Religionen, denn diese Sätze sind nicht alttestamentarisch und gehören merkwürdigerweise nicht zu den Geboten die Moses auf dem Berg Sinai von G’tt diktiert bekam, aber vielleicht sind sie aber auch im Trubel so vieler Gebote (613 Mitzwot) von Moses einfach überhört worden. G’tt erkannte das und dann hat ER diese Gebote tausende von Jahren später, als Antwort auf Auschwitz & Treblinka, den Müttern und Vätern des GG zu geflüstert. Das war gut so.

Leider sind die drei monotheistischen Religionen keine leuchtenden Vorbilder in Sachen Anwalt für die Menschenrechte, sie mußten und müssen immer wieder mit aller Nachdrücklichkeit in ihre Schranken gewiesen werden. In der aktuellen Diskussion um das Urteil von Köln und seine Folgen, irritieren mich insbesondere die Positionen derer die ansonsten als vehemente Anwälte für die Einhaltung der Menschenrechte auftreten und sich gegen jede leichtfertige Relativierung dieser aussprechen, wie z.B. der wortgewaltige Michel Friedmann (Focus) aus Frankfurt, Volker Beck aus Köln oder Jurij Vogt (Jüdische Allgemeine) aus Freiburg. Das Landgericht in Köln belichtet eine Realität von kleinen Jungen, die wir nicht religiösen Ritualen überlassen dürfen.

Die körperliche Unversehrtheit eines Neugeborenen, darf nicht aufgrund von religiösen Ritualen irreversibel beschädigt werden. Die Beantwortung der Frage, ob ich meinen neugeborenen Sohn beschneiden lasse (einer nicht schmerzfreien Zirkumzision unterziehe), um damit seine Verbundenheit mit meinem Glauben und Gott zum Ausdruck zu bringen, hat mir klar gemacht, dass ich das mit meinem Selbstverständnis, über das Selbstbestimmungsrechts meines Sohnes, nicht vereinbaren kann. Mein Sohn wird dies für sich selbst entscheiden dürfen, so wie ich das für mich in Anspruch nehme. Das Urteil von Köln ist gut und ich begrüße es, denn es setzt notwendige Grenzen elterlicher Fürsorge, die auch Religionen zu achten haben.

II.

Die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts waren noch eine zu tiefst kinderfeindliche Welt. Kinderrechte waren ein Tabu, nicht nur innerhalb von Religionen, sondern auch in den Parteien der Weimarer Republik. Der Kinderarzt Janusz Korczak (eigentlich Henryk Goldszmit) lebte und arbeitet in Warschau, seine Schriften, wie das Buch Wie man ein Kind lieben soll (poln. Erstausgabe Jak kochać dziecko 1919)  und Das Recht des Kindes auf Achtung (poln. Erstausgabe Prawo dziecka do szacunku 1928) waren über Polen hinaus noch gänzlich unbekannt. Doch in Polen war er ein gefeierter Kinderbuchautor und seine Radiosendung überaus poplär, er machte sich einen großen Namen als Kinderarzt und Pädagoge. Er sah das Kind nicht mehr als Objekt erwachsener Fürsorge, sondern anerkannte seine Subjektstellung und vertrat jene Geisteshaltung, die erst in den 80iger und späten 90iger Jahren (Kindschaftsrechtsreform 1998) auch Eingang in die deutsche Rechtsprechung fand.

Im Nazideutschland waren Kinder Objekt für einen kalkulierten Feldzug für ein Menschenbild das insbesondere jüdisches Leben, jüdische Kultur in Deutschland und Europa vernichten wollte und unwiederbringlich zerstörte. Das Verbot der jüdischen Beschneidung war Mittel zum Zweck, eine Schikane gegen das Wirken und Leben innerhalb der jüdischen Gemeinden.

Doch heute ist die Argumentation eine gänzlich andere, denn es geht zentral um die Frage des Kindeswohl. Der Europäische Rat der Juden weißt das und die Argumentation, dass das Urteil von Köln die Existenz jüdischer Gemeinden bedrohe, wie damals die Administration Hitlers greift hier objektiv nicht. Es geht eben nicht um die Frage, ob jüdische Kultur in Deutschland neben anderen existieren kann.

Hier findet ein Perspektivenwechsel statt, die Objektstellung wird zu Gunsten der Subjektstellung im Recht verändert und somit sind eben auch Kinder nicht mehr bloß Objekt elterlicher Fürsorge, sondern eben auch mit unveräußerlichen, subjektiven Rechten ausgestattet, die die Eltern zu respektieren haben. In der Folge schränkt dies eben auch die Freiheit der religiösen Erziehung der Eltern ein.

Nochmals, es geht bei dieser Diskussion allein um die Stärkung das Selbstbestimmungsrecht des Kindes (Subjektstellung des Kindes im BGB) und die Grenzen elterlicher Fürsorge. Hitlers Administration zielte mit Ihrem Verbot der Brit Mila auf das Alltagsleben der deutschen Juden, das LG Köln entschied entlang der Kinderrechtskonvention der UN.

III.

Das Urteil des Landgerichts in Köln verknüpft das BGB mit der UN Kinderrechtskonventon und stellt die Reformfähigkeit religiöse Anschauungen auf den Prüfstand. Wir haben die blutigen Opferrituale, die noch im AT vorgeschrieben sind, auch schon lange überwunden und die Gemeinden leben! Wenn Rabbiner jetzt die Weiterexistenz der Gemeinde an diese Frage knüpfen, folgen sie einem Reflex und ignorieren einen Wandel unserer Rechtsauffassung, der nach Auschwitz und den Kriegsverbrecherprozessen von Nürnberg begonnen hat. Die UN Kinderrechtskonvention hat auch ihre Wurzeln im europäischen Judentum (Janusz Korczak). Der Perspektivenwechsels, der im Urteil von Köln zum Ausdruck kommt und die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt rückt, trägt diesem Rechnung und ist nur folgerichtig.

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