Zwei Richterinnen, zwei Urteile


Sicherungsverwahrung ist nicht gleich Gefängnis:
zwei unvergleichliche Urteile

Auf der nördlichen Halbkugel sind in der vorletzten Woche, des Ferienmonats August d.J. zwei beispiellose Urteile gefällt worden. Eins in Moskau und eins in Oslo. Ersteres, gilt Vielen als zu drastisch und letzteres, halten viele, insbesondere in der angelsächsischen Welt,  für all zu liberal.

Zwei Richterinnen, zwei gegensätzliche Urteile im Namen des Volkes. Eine verließt 3 Stunden stehend ihr Urteil, die andere 7 Stunden sitzend. Die eine ist, schmucklos und ungeschminkt, für die Weltöffentlichkeit visuell greifbar, die andere ist, mit Gold beringten und rot lackierten Fingern, zu ihrem Schutz für die Weltöffentlichkeit unsichtbar.  Beide sind in den 60iger Jahren aufgewachsen und in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts ausgebildet worden. Beide Urteile wollen die geschundenen Seelen der Öffentlichkeit befriedet und heilen.

In einem werden die Täterinnen, für 30 Sekunden Unsinn im Kirchenraum, mit 2 Jahren Lagerhaft und im anderen Urteil der Täter, für 77 politisch motivierte Morde mit 21 Jahren Haft bestraft. (Der Bundesstaat New York würde den Verurteilte, bei der Bemessung der Strafe zu mindestens 77 x 21= 1617 Jahren Haft verurteilen!)

Beide Urteile gehen im Prinzip davon aus, dass nach Ablauf der Strafe die Taten damit gesühnt sind. In beiden Fällen leiden die Verurteilten unter einer narzisstischen, dissozialen Persönlichkeitsstörung. Im Prinzip haben die Verurteilten, nach Verbüßung der Strafe, das Recht auf Resozialisierung und eine zweite Chance.

Für die Einen mag das zu recht gelten. Doch für den Anderen, verhöhnt nicht das Urteil von Oslo und die damit implizierte Möglichkeit der Freiheit, für den Verurteilten, die Ermordeten und überlebenden Opfer? Sicherungsverwahrung heißt nicht Gefängnis. Wie wird diese in 20 Jahren ausgestaltet sein? Die Überlebenden, werden dann 20 Jahre älter und von den Folgen ihres nicht enden wollenden Leidens gezeichnet sein, manche nicht mehr leben, manche an den Folgen zerbrochen, weil sie unter Umständen den Freitod gewählt haben und für die überwiegende Mehrheit, wird das Leiden bis in die nächste Generation fort dauern. Das Urteil beendet allein die juristische Auseinandersetzung und seine heilende Wirkung wird zeitlich begrenzt sein.

Der, für immer wieder im Zyklus von fünf Jahren, in Verwahrung genommene, kann für sich in Anspruch nehmen, human behandelt zu werden. Er kann und darf vor dem europäischen Gerichtshof dies einklagen. Wenn er vorgibt geläutert zu sein, wird er auf sein Menschenrecht pochen, um eine humane Chance auf Resozialisierung zu bekommen, immerhin ist der Täter dann im 60igsten Lebensjahrzehnt! Aber das ist dann eine andere Geschichte! Ist es das, was die norwegische Gesellschaft wirklich will? Die Tat vom 22. Juli 2011 hat Norwegen die Grenzen seiner liberalen und humanen Gesellschaft und seines Strafrechts offenbart. Der wahnsinnige Täter, so paradox, so pervers und so absurd es erscheint, hat eines seiner politischen Ziele erreicht. Ein weiterer trauriger Tag für Norwegen.

Für die weitere Lektüre empfehle ich die ausgesprochen lesenswerten Artikel des SZ Korrespondenten Gunnar Herrmann (hier) und den Artikel in der FAZ, vom 29.08.d.J. von Sebastian Baltzer, der die politische Aufarbeitung im norwegischen Parlament kommentiert (hier)

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