Brit Mila & die FAZ


Die FAZ & Jacobs Beschneidung

Montagmorgen, der 3.September und die FAZ hat erneut das Thema der religiösen Beschneidung auf die Agenda gesetzt. Die Journalistin FRIEDERIKE HAUPT nimmt sich das Auftreten von Herrn Dr. med Latasch im Ethikrat vor und dokumentiert seine Argumentation und seinen Versuch der Aufklärung, über eine religiöse Praxis, die seiner Ansicht nach, unauflöslich mit dem Judentum verbunden ist. Bis zum frühen Abend, des 4. September haben sich 350 Lesermeinungen dazu angesammelt und sind ein Beleg für die lebendige und kontroverse Diskussion der FAZ Leser.

Brit Mila 2000 Jahren, Kirchenfenster im Kölner Dom via Carmen Treulieb/FfM

Der Artikel beginnt mit:

„Ein Video zeigt, wie ein winziger Junge beschnitten wird. In einem anderen Film ist zu sehen, wie einem kleinen Mädchen Ohrlöcher geschossen werden. Beide Videos zeigte der Arzt Latasch auf einer Sitzung des Ethikrates. Die Reaktionen waren unerwartet.“ [„The Circumcision of Jacob Chai“ (uncut cut version)]

Die Argumente zum Thema sind ausgetauscht, die Ursache der Kontroverse das Urteil des Landgerichts Köln, in dem ein Arzt angezeigt worden ist, nach dem ein kleiner Junge, den er beschnitten hatte, mit heftigen Nachblutungen in eine Kölner Klinik eingeliefert wurde.

Jetzt möchte man meinen das Thema hätte inzwischen an Relevanz verloren und würde niemanden mehr hinterm Sofa herholen, insbesondere auch, weil die öffentlich rechtlichen Medienanstalten und die Mehrheit der deutschen Medien das Thema ignorieren. Doch das ist nicht so, mit erstaunen stelle ich im Laufe des Vormittags bzw. des weiteren Tagesverlaufs fest, mit welchem Engagement die Leser der FAZ den Artikel kommentieren. In weniger als 3 Stunden hatten 63 Leser Kommentare hinterlassen, tagsüber sammelten sich bis um 16 Uhr/16o, um 17 Uhr/ 200 und am frühen Abend 230 Lesermeinung an, wo man doch meinen würde die Mehrheit der Leser der FAZ sind viel beschäftigte Business Leute, die kaum Zeit haben zwischen durch Leserkommentare zu verfassen. Ich zitiere eine Lesermeinung, weil sie meiner Ansicht nach das Problem benennt und in den Mentions durch die Leser dementsprechend hoch bewertet wird.

Der Leser HORST DELMEN (DR.DELMEN) schreibt 08:37 Uhr folgenden Kommentar:

An diesem Beispiel wird das Problem deutlich

Der vortragende Arzt wollte mit dem Video zeigen, dass Beschneidung harmlos ist. Gezeigt hat er hingegen, wie sehr ihn seine religiös geprägte Wahrnehmung von Mitgefühl abgeschnitten hat. Ich bin sicher, er sieht wirklich nicht, was da geschieht.

Festgehalten werden damit andere einem weh tun können ist eine der schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann – noch schlimmer für ein Baby oder ein Kleinkind, dass in keinster Weise begreifen kann, was da geschieht.

Mir ist sehr wichtig, dass mein Kommentar nicht als antireligiös verstanden wird. Ich kritisiere die Beschneidung Minderjähriger nicht, weil sie eine religiöse Praxis ist. Ich lehne sie grundsätzlich ab – egal aus welchem Grund.

(…)  Wenn es darum geht, Leid zu vermeiden ist Empathie zur Entscheidungsfindung wichtig – dafür braucht es Emotion! Schon mal was von Spiegelneuronen gehört? Die machen Mitgefühl erst möglich. Wenn es um Schmerzen und psychische Verletzung geht dürfen Emotionen nicht außen vor bleiben.

Ich empfehle über den Artikel hinaus, eben auch die vielen klugen Lesermeinung durchzulesen.

Kommunikationsforscher werden diesen Hyp von Lesermeinungen schon mit einem Fachausdruck bedienen. Ich nenne es einen regelrechten Sturm von Lesermeinungen, der sich da in kürzester Zeit aufgebaut hat.

Das Thema ist hot und seine Karriere hat wohl auch noch nicht den Zenit erreicht. Die Leser der FAZ sind angetriggert, während andere Medien das Thema ignorieren. Ich staune.

Ja, Aufklärung tut not und Dr. Latasch hat gut angefangen, aber ihm ergeht es, wie den Generälen im zweiten Weltkrieg, wie Dwight D. Eisenhower suffisant meinte: „nach dem ersten Schuss, wird jeder Plan des Generalstabs Makulatur, weil er vom Geschehen auf dem Feld, Mann gegen Mann eingeholt wird.“

Latasch wollte aufklären und hat aufgeklärt. Jetzt weiß, wer es nicht wusste, wie die Beschneidung vollzogen wird und das Publikum ist nicht beruhigt. Die Mehrheit des Publikums versagt dem Aufklärer den Applaus. Auch Religionen unterliegen den Prozessen der Veränderung u. werden sich über kurz oder lang, diesen Wandlungen gegenüber anpassen müssen, es sei denn sie schotten sich ab.

Um eine Diskussion innerhalb der Religionsgemeinschaften, über das Selbstbestimmungsrecht von Kindern, werden weder die christlichen Kirchen, noch die anderen beiden abrahamitischen Religionen,um hin kommen.

Der Artikel der FAZ ist ein Beitrag zur Aufklärung, insbesondere auch weil er nicht darauf verzichtet, auf die entsprechenden Links hinzuweisen, mit denen der Arzt Latasch sein Plädoyer für die Beschneidung visuell untermauert.

Advertisements

7 Gedanken zu “Brit Mila & die FAZ

  1. LOB 2012/09/03 / 9:35 PM

    Die Stimme einer Frau:
    ELLEN WILD (PAULTHE…) – 03.09.2012 07:16 Uhr
    Jacobs Beschneidung
    Ich habe den Film auf eine Empfehlung hin schon vor Wochen angeklickt, aber nur bis zum Ansetzen des Messers geschafft, weil ich das entsetzliche, existenzielle Schreien des Kindes nicht ertragen habe. Ich bin Mutter von zwei Söhnen und habe inzwischen Enkel, Nichten, Neffen und Großnichten. Ich weiß, wie Kinder wann schreien. Ein solches Schreien habe ich noch niemals gehört und will es niemals mehr hören. Eine Geistlichkeit, die Eltern dazu bringt, ihre Kinder so sinnlos quälen zu dürfen, mißbraucht ihre Macht über Menschen.

  2. LOB 2012/09/03 / 9:37 PM

    GERD HALFPAP (HALFPAP) – 03.09.2012 07:56 Uhr
    Wüstenblumen in Deutschland
    Die Diskussion um Beschneidungen ist nötig, sie ist wichtig und sie ist richtig. Das Gerichtsurteil ist mutig und konsequent. Konsequent auf die rechte des Kindes abzielend. Ich stelle mir eh seit einiger Zeit die Frage, welchen Stellenwert die Möglichkeit hat, alle paar Jahre die Stimme einer Partei zu geben, die sich von den anderen zur Wahl stehenden nur marginal unterscheidet. Ist eine unabhängige Justiz, ein funktionierendes Rechtssystem nicht viel wesentlicher. Die Frage ist halt, ob Rechtssicherheit ohne demokratische Wahlen möglich ist. Wie dem auch sei: der Roll-Back des politischen Diskurses über die Sinnhaftigkeit religiösen Einflusses auf die Willensbildung der Bürger ist evident. Die Geldeintreibermentalität des Staates in Sachen Kirchensteuer wird nicht einmal diskutiert. Mir ist völlig gleichgültig, welcher Aberglauben bevorzugt wird. Mir ist auch völlig egal, welche Selbstkasteiungen Erwachsene auf sich nehmen. Aber: HÄNDE WEG VON WEHRLOSEN KINDERN!!! No Pasaran !!!

  3. LOB 2012/09/03 / 9:56 PM

    PETER MÜLLER (PMUELLE…) – 03.09.2012 08:57 Uhr
    Medizinischer „Experte“ im Interessenkonflikt
    Ich bin erfreut, dass das Impulsreferat von Herrn Latasch hier noch einmal mediale Aufmerksamkeit findet. Es sind sicherlich keine Einwände dagegen zu erheben, dass Herr Latasch im Ethikrat die Bedeutung der Beschneidung aus jüdischer Sicht erläutert. Problematisch ist allerdings, wenn er dort – trotz eines offensichtlichen Interessenkonflikts – als medizinischer Experte zum Thema auftritt. Leider wurden in dieser Hinsicht die schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Neben einer ganzen Reihe kritikwürdiger Aussagen fällt vor allem die Unkenntnis der aktuellen medizinischen Fachliteratur zum Thema Beschneidung ins Auge (selbst wenn es darum geht, die positiven Aspekte der Beschneidung hervorzuheben!). Mit solchen „Experten“ wie Herrn Latasch wird der Ethikrat zur bloßen Farce.

  4. LOB 2012/09/03 / 9:57 PM

    MICHAEL WÄSER (WAESER) – 03.09.2012 08:51 Uhr
    Das geleugnete Trauma macht blind
    Zuerst: Die FAZ berichtet vorbildlich über das Thema und weicht auch vor schmerzhaften Wahrheiten wie in diesem Artikel nicht zurück. Offensichtlich wird, dass das Gerede von religiösen Funktionären, die Beschneidung habe weder sie selbst noch irgendeinen anderen Jungen traumatisiert, symptomatisch für das Trauma selbst ist. Die (verdrängten) seelischen Verletzungen müssen so tief sein, dass sie die Wahrnehmung des Schmerzes bei anderen Kindern unmöglich machen. Das ist bei Traumatisierten nicht ungewöhnlich. Dass Menschen, die davon nicht betroffen sind, beim Anblick solcher Szenen ohnmächtig werden oder anders emotional reagieren, zeigt, dass ihre Empathiefähigkeit in diesem Punkt nicht beschädigt ist, sehr wohl aber, punktuell, bei Betroffenen. Das erklärt auch, warum der beschnittete Mann von der Reaktion Unbeschnittener überrascht war. Andere haben nicht einmal hinschauen können, was auch nachvollziehbar ist, weil ihre Empathiefähigkeit in dem Bereich nicht beschädigt ist.

  5. LOB 2012/09/03 / 10:01 PM

    ROLF-DIRK MAEHLER (RDMAEHLER1) – 03.09.2012 11:38 Uhr
    Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen wie zurückhaltend die ö.r. Fernsehanstalten mit …
    … dem Thema „Beschneidung“ umgehen. Wenn ein Staat sich ein Meinungs- und Informations-Monopol zueignet, dann ist es mindestens grob fahrlässig die Aufsichtsgremien mit verschiedenen Religionsgemeinschaften zu besetzen. Und da in Deutschland aufgrund der jüngeren Geschichte eine große Willfährigkeit besonders gegenüber einer Religionsgemeinschaft zu beobachten ist, darf man annehmen, daß diese hier ihren Einfluß geltend macht. Und so etwas ist bei einem ö.r. System unakzeptabel. Übrigens hat dieses Prinzip auch etwas mit der Auswahl der Diskussionsteilnehmer bei den zahllosen „Talkshows“ zu tun, und über die jeweilige Moderation braucht man in diesem Zusammenhang kein Wort zu verlieren. Gut daß es wenigstens noch eine unabhängige Presse gibt.

  6. LOB 2012/09/03 / 10:17 PM

    JOCHEN WAGNER (JOCHENW…) – 03.09.2012 13:15 Uhr
    Es ist mit Wut nur unzureichend beschrieben, wie ich auf so etwas wie das Beschneiden reagiere
    Mir dreht sich alles um, wenn ich bloß davon höre, dass an Menschen operiert wird. Die seit Wochen tobende Diskussion wie auch diesen Text, verfolge ich somit so gut wie gar nicht. Ich kann es nicht. Das mag meiner besonderen Sensibilität geschuldet sein, ist vielleicht auch eine Eigenart, aber es geht bei mir eben über Eingeweideumdrehen weit hinaus, wenn ich, wie nun hier, durch Zufall über eine Abbildung wie die einer Vorrichtung zum Beschneiden falle. Es befördert das Gefühl hervor, ich würde gerade kastriert werden. Ein Gefühl so widerlich, dass es mir als Mensch, der in Einheit mit seinem Körper leben will, absolut unerträglich ist. Dieser Abscheu scheint auf dem Gräuel vor Verstümmelung zu beruhen, die, in wessen Namen auch immer; in der Tat aber ohne Vorlage einer medizinischen Indikation betrieben, einzig dazu geeignet ist, ein Ohnmachtsgefühl über Generationen hinweg in die Menschen zu pflanzen, um, ja um sie wohl durch ebenjenes besser disziplinieren zu können. Weg damit.

  7. LOB 2012/09/04 / 6:39 PM

    Erik Mustermann (chianti90) chianti90 – 03.09.2012 10:31 Uhr
    uneingeschränkte „Leistungsfähigkeit“

    ist auch bei einer genitalverstümmelten Frau gegeben, sie kann ja Kinder empfangen und gebären. Auch jemand, dem beide Ohrmuschen abgeschnitten wurden (hat ja hygienische und praktische Vorteile, was das Waschen angeht), kann noch den kompletten Frequenzgang hören. Trotzdem entspricht beides nicht dem Kindeswohl und ist Eltern darum verboten. Genauso muss es bei der Zirkumzision sein, schließlich ist der Sexual- und Intimbereich eines Menschen im Rahmen der Menschenwürde grundgesetzlich geschützt (Bundesverfassungsgericht, 21. Dezember 1977) und das gilt auch für Kinder, die „nicht nur Objekt staatlicher und elterlicher Erziehung sind“. Die Beschneidung degradiert sie aber zum Objekt einer Handlung, die ausschließlich den Eltern und ihrem sozialen Ansehen in der Gruppe nutzt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s