Unterwerfung


Making a Difference:
„Wir glauben, Erfahrungen zu machen,
aber die Erfahrungen machen uns.“

Inspiriert von folgender Aussage der Philosophin Judith Butler, die gestern, unter Protest des Zentralrates der Juden in Deutschland, den Adorno Preis der Stadt Frankfurt, in der Paulskirche erhalten hat, habe ich anschließend an das Zitat folgende Betrachtung formuliert.

„Bestimmte Menschenleben werden in hohem Maße vor Verletzung geschützt, und die Nichtachtung ihrer Ansprüche auf Unversehrtheit reicht aus, um Kriegsgewalten zu entfesseln. Andere Menschenleben werden nicht so schnell und entschlossen Unterstützung finden und werden nicht einmal als „betrauernswert“ gelten.“ ( Judith Butler: Gewalt, Trauer, Politik)

Die Geschichte der Menschheit ist angefüllt mit Beispielen, wie Gesellschaften ihre Mitglieder ihren Gesetzen und Regularien unterwerfen. Für die Gesellschaften ist dieses Verfahren konstituierend, darauf zu verzichten würde gleich bedeuten sein, mit dem Verzicht auf Existenz der Gemeinschaft.

Die sicherlich effektivste Form der Unterwerfung ist die, der körperlichen Verletzung. Positiv formuliert, ist es ein Initiationsritus, ein Branding – ein Aufnahme- und Anerkennungsverfahren. „Ich verletze Dich und sage dir, du gehörst zu mir/ zu uns“, und im weiteren sage ich dir: „ich bin wählerisch, du bist von mir auserwählt, hiermit nehm ich dich auf in unseren Kreis, du darfst dich geehrt und auserwählt fühlen!“

Wie werde ich eine Marke? Ich lege mir eine Corporate Identity zu,verstehe mich als eine Organisation, mein Sein wird nicht mehr nur, als das Sein meines ICHs verstanden, sondern als ein Gesamtkunstwerk meines Daseins. Alle meine Organe sind diesem „CI“ unterworfen. Ich kleide mich in Magenta, von oben bis unter. Magentafarbend sind  die Schuhe von Nike, die Hose, das Shirt, die Tasche, die Uhr am Arm, die Kette um den Hals, die Spange im Haar, das Portmonnaie in der Tasche, die Farbe meiner Haare – alles ist Ton in Ton!

Kein Branding, kein Zeichen ist so unwiderruflich, wie das körperliche Zeichen. Ein Markieren, welches nur oberflächlich zum Ausdruck kommt, nicht unter die Haut geht, ist wechselbar. Ziel ist es: die unwiderrufliche Kennzeichnung, vorzugsweise mit dem Wort Schmuck beschrieben. Ein Tattoo, ein Nasenring, eine Lippenspange. Der Akt wird verharmlost und mit einem Initiationsritus begangen, es ist ein gesellschaftliches Ereignis, ein Meilenstein in der Biographie des Individuums.

Einen Jungen zu beschneiden, soll mit Nichten harmlos und schmerzfrei sein. Es ist radikal, schonungslos und eindeutig. Hier wächst nichts nach und verwischt mit der Zeit. In aller Radikalität wird, nearly totaly die Vorhaut entfernt, um den Jüngling lebenslang zu zeichnen.

Der Vorgang als solches wird gesellschaftlich überhöht, damit im Keim jeder Zweifel an diesem Ritus erstickt wird. Religionsfreiheit wird als Freiheit zur Unterwerfung verstanden, im Namen der Gemeinschaft. Die Sehnsucht und das Verlangen nach Selbstbestimmung und Autonomie, als ein die Gemeinschaft bedrohendes Verhalten gebrandmarkt. Wir unterscheiden in unseren Bestimmungen, um uns abzusetzen und um uns zu vergewissern – das Delta macht den Unterschied!

„Jakob oder die Unterwerfung..“, von Eugène Ionesco zieht dies wunderbar ins lächerliche…

„Ich liebe Bratkartoffeln mit Speck”, so lautet das Credo der Familie Jakob. Doch der rebellische Sohn lehnt die Wertvorstellungen der Familie ab. Erst als seine Schwester Jakobine ihm erklärt, dass er chronometrierbar sei, unterworfen dem Gesetz der Zeit und der Uhr, bricht er zusammen und stimmt in den Familienchor ein. Nach der bürgerlicher Tradition ist er jetzt reif für eine Heirat. Schon erscheint die Familie Robert mit Tochter Roberta. Doch dieses Mädchen mit den zwei Nasen ist Jakob nicht häßlich genug. Er will eine Braut mit drei Nasen. Zufälligerweise haben die Roberts eine zweite einzige Tochter mit drei Nasen.

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