Brit Mila V


Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit

Hier mein Beitrag iSienceBlogs zur Diskussion zu einem Artikel von Christian Reinboth, Was dürfen Ärzte?, vom 31.08.2012,mit über 580 Kommentaren.
Mehr zur aktuellen Diskussion in den beiden Leitmedien FAZ & SZ

Worum geht es eigentlich bei diesem Diskurs? 

1. Es sollte jedem vernünftigen Menschen klar sein, dass neu  geborene Knaben nicht aus hygenischen Gründen beschnitten werden müssen, damit ihre zukünftigen Sexualpartner gesund bleiben.

2. Die Zirkumzision hat für das Judentum und den Islam eine konstituierende Relevanz, wie für die Katholiken die Taufe von Neugeborenen.

3. Es gibt keine Auschwitz-Keule! Das was in Auschwitz und Treblinka passiert ist, ist so ungeheuerlich, das wir Nachgeborenen, mit Demut den Blick zurück wagen sollten. Die Nachgeborenen der Überlebenden haben alles Recht immer wieder daran zu erinnern-, wer wen nicht sie, hätte sonst das Recht dazu?

Wer Auschwitz als Kind überlebte und zusehen musste, wie die eigenen Eltern brutal ermordet wurden, ist in einer Weise traumatisiert, wie wir es uns nicht vorstellen können. Und allein deshalb, weil die Eltern einem Volk angehörten, dem die Nazis im Besonderen den Krieg erklärten. Ein Trauma das Bände füllt und manch einer nicht überlebte und manch einer sich deshalb aus dem dritten Stock in den Tod stürzte -, wie Primo Levi, in stillem Gedenken.

Und hier komme ich zu dem Punkt, der mir bei dieser Diskussion zu kurz kommt. Die Traumafrage: ICH stimme als Therapeut und Arzt uneingeschränkt dem Grundsatz, primum nihil nocere zu. D.h. für mich ist selbstverständlich, dass jedes Kind, in jedem Alter ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit hat und das wir Erwachsenen dies vorrangig zu schützen haben.

Babys und Knaben die Vorhaut ohne Betäubung zu beschneiden traumatisiert und das Ritual hinterlässt Spuren im unterbewussten Erleben des Menschen. Dies wussten auch die Vorväter vor uns und deshalb betteten sie das ganze Ereignis in einen festlichen Kontext ein, um die Folgen abzufedern,  denn auch ihnen war klar: „wir machen nicht Erfahrungen, sondern Erfahrungen machen uns.“ Es ist völlig legitim, diese Erfahrung mit einem fulminanten Fest zu überhöhen, wir wissen, dass das Menschen hilft, im Positiven die schmerzhaften Erfahrung zu verarbeiten. Wir können sagen, die Inszenierung der Festlichkeit ist eine Form der Wiedergutmachung, gegenüber dem neuen Mitglied der Gemeinschaft, ob man dies nun nach vollziehen kann, will und gut findet oder nicht.

Die Zirkumzision, wie ich es verstehe, ist im Judentum eine Überlebensstrategie. Sie ist die notwendige Antwort auf eine Bedrohung. Sie wird als konstituierend beschrieben, sie besiegelt die Zugehörigkeit des Neugeborenen zu seinem Volk, wie auch immer der Hintergrund der Bedrohung erlebt wird. Moses Frau Zippora retten ihren Sohn, weil sie die Beschneidung nachholt, wo der  Vater – Moses – sich selbst vor der Verantwortung gedrückt hat dies zu tun. Nachzulesen in Exodus 4,25.

Ich möchte mit meinem heutigen Beitrag den Blick auf diese Strategie schärfen, denn ich denke, dem Dialog, den wir hier exemplarisch führen, fehlt die nötige Gelassenheit. Wir sind behaftet und in diesem Zustand ist es schwierig zu zuhören, was mein Gegenüber wirklich meint. Keiner im Islam oder Judentum will das Wohl der Kinder verletzen. Das suggerierte Unterwerfungsritual ist bei weitem nicht von solch einer Brutalität gezeichnet, wie es mit den Worten von Verstümmelung und Amputation unterstellt wird.

Ich will auch nicht die reale Belastung der Kinder, mit dem Einen und dem Anderen Erlebnis vergleichen. Mein Vergleich bezieht sich auf den Kontext, in dem sich das Eine ereignet und wie es eingebettet wird. Das was die Kinder in Auschwitz erlebten bleibt unvergleichlich, ihre Ohnmacht, als sie zusehen mussten, wie ihre Eltern unterworfen wurden, bleibt eine Mahnung – unauslöschlich in die Menschheitsgeschichte eingebrannt. Die Infragestellung der Praxis der Beschneidung wird von jüdischer Seite als ein Menetekel verstanden und so ist auch die Aufregung in den jüdischen Gemeinden verständlich.

Rembrandt H.v.Rijn Belsazar National Gallery London
Rembrandt H.v.Rijn Belsazar National Gallery London

Die Überlebenden dieser Generation tragen dieses Trauma der Unterwerfung ihres Volkes in ihren Herzen. Ihnen deshalb mangelnde Empathie zu unterstellen ist ein al zu einfacher Versuch die Stagnation in der Diskussion zu erklären. Wem das konstituierende Moment dieses Rituals fremd und unverständlich ist, wird auch das Trauma welches dieses begründet nicht verstehen. Wem der Schmerz des Säuglings fremd und unverständlich ist, wird auch das Trauma der Kinder nicht verstehen, die mit ihren Schmerzen allein gelassen werden. Nochmals: „wir machen keine Erfahrungen, Erfahrungen machen uns!“

Es ist meiner Ansicht nach auch unerheblich, wie alt dieses Ritual ist, ob es nun seit 4000 Jahren oder seit 1200 Jahren praktiziert wird. Es ist eine Antwort der Gemeinschaft auf ein Bedrohungsszenarium und soll die Reihen innerhalb des Volkes stärken. Mit Auschwitz hat das europäische und insbesondere das deutsche Judentum in dieser Hinsicht zu Recht die Gelassenheit verloren. Die Bedrohung des Judentums in Deutschland war real und ist auch nach 1945 weiterhin ganz real, es wurden Juden auf offener Straße diffamiert und sogar erschossen.

Die Deutsche Zivilgesellschaft hat nach 1945 die Aufarbeitung der Schreckensherrschaft nur zögerlich begonnen. Der Film die Shoa von Claude Lanzmann, hat eine breite Diskussion eröffnet. Sicher im Vergleich mit Japan hat die Zivilgesellschaft der Bundesrepublik geradezu offensiv die eigene Verantwortung für den europäischen Teil des zweiten Weltkriegs diskutiert und erforscht. Doch die Art, wie insbesondere in der Adenauerära mit dem Erbe des Nationalsozialismus umgegangen wurde, hat die Wunden nicht kleiner, sondern die Skepsis und Bedenken eher größer werden lassen.

Doch das aus meiner Sicht Entscheidende, wird weiterhin klein geredet. Es ist die Dimension des Schadens, den die Naziherrschaft, durch die nahezu vollständige Vernichtung der deutsch-jüdischen Kultur bewirkte. Die aufklärerische und insbesondere intellektuelle Gelassenheit des deutschen Judentums ausgehend von Moses Mendelsohn, Martin Buber, Franz Rosenzweig bis hin zu Viktor Frankel ist zerstört. Sigmund Freud konnte ganz gelassen darauf verzichten seine Söhne zu beschneiden, ohne das er deshalb des Verrates an seinem Judentum bezichtigt wurde. Diese verlorene Gelassenheit können die intellektuellen Beiträge von Micha Brumlik oder Michael Wolffsohn initiieren, bleiben aber vor dem Hintergrund der Geschichte eine Ausnahme.

Ich wünsche mir die Renaissance der Gelassenheit, auf beiden Seiten. Sicher sollen wir nicht Neugeborene mit unnötigen Schmerzerfahrungen belästigen, andererseits dürfen wir nicht das Trauma, in Folge der totale Vernichtung des deutschen Judentums in den Öfen von Auschwitz und Treblinka, und die davon ausgehende Bedrohung des Judentums in Deutschland ignorieren. Die Bedrohung war und ist real-, und die Beschneidung von Knaben, wie immer man dazu steht, eine Überlebensstrategie für das jüdische Volk. Die aktuelle Diskussion kann fruchtbar sein, der echte Dialog im Sinne Bubers Neues erbringen – insofern bin ich sehr optimistisch – so kann einer Kultur der Brit shalom statt einer Brit mila bereitet werden – in aller Achtsamkeit und in allem Gleichmut.

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8 Gedanken zu “Brit Mila V

  1. LOB 2012/09/27 / 8:12 AM

    Markus Termin

    September 26, 2012
    @ Be`Ruben: zu Ihrem interessanten Beitrag möchte ich hinzufügen vor allem die Frage:

    welches Bedrohungsszenario meinen Sie, wer wird von wem warum bedroht und warum hilft das Abschneiden der Vorhaut dagegen?

    Wichtig erscheint mir auch, dass Verstümmelung nicht konstitutiv für das Judentum ist, denn es ist ja nicht automatisch jeder Beschnittene auch Jude – das Ritual kann also nicht identitätsstiftend sein, weder für Juden noch Moslems – die Bibel spricht hier (Jos. 5.9) von der “Schmach Ägyptens” – man holte also in Folge des Exodus nach, was in Ägypten für Sklaven offenbar nicht erlaubt war: die Beschneidung, um eben die “Schmach Ägyptens” abzuschütteln.

    Jedoch ist auch Ägypten nicht der letzte Ursprung der Genitalverstümmelungen: verstümmelt wurde auch in Peru, Mittelamerika, Australien (dort besonders zerstörerisch und schmerzhaft an Männern).

    “Vor allem die Gleichsetzung der bestialischen, funktionsvernichtenden Genitalverstümmelung bei Mädchen mit der rituellen Beschneidung bei jüdischen Jungen sind unterträglich”, schreibt Gil Bachrach in der ZEIT (13. September).

    Folgt man jedoch der Literatur zum Thema (Helga Ettengruber), findet man Hinweise, dass “Im alten Israel neben den Jungen auch die Mädchen beschnitten wurden.” (Conny Hermann, Hg. “Das Recht auf Weiblichkeit – Hoffnung im Kampf gegen die Genitalverstümmelung”) – die Gleichsetzung zu FGM liegt zumindest historisch nicht nur nahe, sondern ist sogar geboten.

    Wie weit davon entfernt ist Kenntnisstand und Selbstverständnis von Gil Bachrach – und: kann es eine Begründung für ein Nicht-wissen-wollen geben?

    Es gilt also festzustellen:

    1. Gentalverstümmelungen beider Geschlechter fallen historisch zusammen.

    2. Für Israel ist die Beschneidung ein Fremd-Ritual, welches von einer anderen Nation/Gruppe übernommen wurde und das daher nicht konstitutiv sein kann.

    3. Es ist deshalb, so meine ich, für eine heutige Entscheidung nicht unerheblich, ob das Ritual 1000 oder 4000 Jahre alt ist (es ist viel älter) –
    hier tut Aufklärung not: gerade und auch für Israel – “Warum tun wir das eigentlich” – in der ganzen Diskussion hier und andernorts gibt es dazu nicht eine Stimme der Befürworter, die im Sinne der Aufklärung weiterhelfen könnte: daher – erst, wenn man und frau wissen, woher es wirklich kommt, kann man sich ein Urteil erlauben.

  2. LOB 2012/09/27 / 8:14 AM

    Be‘ Ruben

    September 26, 2012
    @Markus Termin

    Alle Betrachtungen zu diesem Thema sind abhängig von den jeweiligen Modellinterpretationen. Ich habe mit meinem Beitrag versucht eine bestimmte Ebene, ein psychologisches Momentum in den Blickwinkel zurücken.
    Inwieweit sich heute noch logische Kausalität nachweisen lassen, bezweifele ich. Rein rational sind diese Überlegungen oft genug nicht. Wer glaubt Hitlers Hass auf die Juden hätte einen realen Hintergrund, idealisiert menschliche Verhaltensweisen, die ja doch eher von Irrationalitäten geprägt sind.

    Sicherlich sind nur multifaktorielle Erklärungsmodelle für das Verständnis des Wie und Warum einigermaßen belastbar. Es wird nicht einen einzigen Grund geben für die Tradition der Beschneidung. Ich finde das was im AT als Begründungen heran gezogen wird, eher fragwürdig und in vielerlei Hinsicht halte ich die Begründungen auch für absurd. Dennoch gibt es ein psychologisches Momentum, welche Überlebensstrategien benutzen einzelne Menschen und Kollektive, um ihr überleben zu sichern?

    Ich bin kein Kulturwissenschaftler, insofern kann ich selber auch keine logische Stringenz ableiten, die das Verhalten kulturhistorisch erklärt. Ich denke es ist auch nicht nötig, hier wird die Kausalität überbewertet, denn die überlieferten Daten sind doch recht dünne – oder?

    Auch in Dänemark würde die existentielle Angst jüdischer Gemeinden überwiegen, wenn nicht gleichzeitig eine Gelassenheit bestehen würde, die Ausdruck des Vertrauens zur dänischen Zivilgesellschaft ist. Sie fühle sich durch diese nicht bedroht.

    Auch wenn es nervt, so ist das mit dem Nationalsozialismus, er nervt. Er nervt, weil seine Furchen tiefer unsere Gesellschaft prägen, als wir es uns eingestehen wollen. Insbesondere das Lebensgefühl in diesem Land ist durch die Barbarei zu tiefst erschüttert, wir misstrauen und wir sind im höchsten Maße skeptisch.

    Ohne den Nationalsozialismus und seine Barbarei gebe es in D, große, selbstbewusste jüdische Gemeinden. Es wäre sehr wahrscheinlich, das diese Gemeinden, geprägt von großem Selbstvertrauen ihren Umgang mit den nicht jüdischen Teilen der Gesellschaft im Sinne von Kooperation gestalten würden und nicht wie heute reflexartige Ängste den Umgang miteinander bestimmen.

    Es gibt keine Alternative zum notwendigen Dialog, wir sind erst am Anfang und die jüdischen Gemeinden sind skeptisch ob diese Diskussion überhaupt sinnvoll ist. Das Urteil von Köln hat aufgerüttelt und Interesse am Anderen geweckt. Was wollen wir, was können wir und wie wollen wir unser Verhältnis zu einander organisieren? Das ist schon sehr spannend.

  3. LOB 2012/09/27 / 8:18 AM

    michaela

    September 25, 2012
    Zitat aus:
    http://www.aerzteblatt.de/pdf/PP/8/1/s32.pdf

    “Bereits Säuglinge und Kleinkinder können auf traumatische Ereignisse reagieren und in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Bis zu 30 Prozent der Säuglinge und Kleinkinder sind aktuell aufgrund von Brandverletzungen, Gasexplosionen, Verkehrsunfällen, medizinischen Prozeduren oder häuslicher Gewalt traumatisiert und zeigen Symptome wie Wiedererleben, Vermeidungsverhalten und Übererregung.”

    der Artikel dazu:
    http://www.aerzteblatt.de/archiv/65894/Posttraumatische-Belastungsstoerung-Ausmass-bei-Kindern-unterschaetzt

    “Zu den klassischen Traumasymptomen bei Kindern und Jugendlichen zählen emotionale Taubheit, autonome Übererregung und Wiedererleben.”

    “Emotionale Taubheit zeigt sich durch Entfremdungsgefühle, Emotionslosigkeit und vermindertes Interesse an zuvor bedeutsamen Dingen. ”

    “Eine erhöhte autonome Erregung führt zu übermäßiger Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und Aggressivität. Es stellen sich Schlaf-, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten ein. Bestehende Leistungsstörungen werden verstärkt, Schulleistungen lassen nach.”

    “Das Wiedererleben des traumatischen Geschehens im Wachen oder Schlafen (Intrusionen) oder die Konfrontation mit traumaassoziierten Dingen, Personen oder Situationen kann sehr belasten. ” (…) “Typische Reaktionen sind starkes Klammern an die Bezugspersonen, auffällige Aggressivität, Angst vor Dunkelheit oder dem Alleinsein und häufige Bauch- oder Kopfschmerzen.”

    und dann wie das Behandelt wird:

    “Letztendlich soll das traumatische Erlebnis als Teil eines neuen, konstruktiven Selbst- und Weltbildes gesehen werden.”

    Das wäre das die Erklärung, warum viele verstümmelte Menschen sich nicht mehr so fühlen. Sie denken solange darüber nach, bis es ihnen als etwas Gutes erscheint. Dann brauchen sie auch keine Therapie mehr.

  4. LOB 2012/09/27 / 11:20 AM

    Markus Termin

    September 27, 2012
    @ Be´Ruben: Sie zweifeln – aber wie mir scheint, ohne Grund. So schnell sollte man die Suche nach Ursachen nicht aufgeben – denn so schlecht ist die Faktenlage auch nicht – man muss nur nach den Quellen suchen; wenn Sie mehr wissen wollen, schauen Sie mal in meinem Blog unter “Auge” – es besteht auch die Hoffnung, dass die Menschheit in Zukunft komplexere Fragen wird begreifen können.

    Ihrer Antwort an StefanW. schließe ich mich an: “Insbesondere das Lebensgefühl in diesem Land ist durch die Barbarei zu tiefst erschüttert.” – Selbst wenn man nicht von Verantwortlichkeit im Rahmen der Seele sprechen will, die ja auch das Volk hat – bleibt uns doch gar nichts anderes übrig, als die Beschädigungen von Geist und Psyche zu verkraften und zu verwandeln, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben: dazu gehört zum Beispiel auch – um kulturell zu bleiben – der ruinierte Geschmack und der universelle Kitsch-Charakter, der sich über die “Kultur” des einfachen Volks gelegt hat, wie eine hermetische Deckelung von Schönheit und Wahrhheit.

  5. LOB 2012/09/28 / 4:49 PM

    Berlin, 28. September 2012

    Expertenanhörung im Bundesjustizministerium zur geplanten Regelung zu Beschneidungen:
    Verfassungswidriges Sondergesetz

    Die Deutsche Kinderhilfe nimmt heute an der Expertenanhörung im Bundesjustizministerium zum Eckpunktepapier für eine Beschneidungsregelung für Jungen teil. Sie wird dort nachdrücklich gegen diesen gesetzlichen Schnellschuss argumentieren. Es liegt nun eine Regelung auf dem Tisch, die dazu führt, dass medizinische Laien an Jungen unter 6 Monaten operative Eingriffe durchführen dürfen. Dabei soll im „Einzelfall die gebotene Schmerzbehandlung“ durchgeführt werden. Im Gegensatz zum ausdrücklich in dem Papier erklärten Willen, es solle keine Sonderregelung für religiös motivierte Beschneidungen geschaffen werden, wird hier mit dem Privileg der Religionsgemeinschaften, Nichtmediziner benennen zu dürfen, ein Sondergesetz geschaffen – es geht konkret um Mohels, die nach dem Willen des Gesetzgebers Vorhautamputationen durchführen sollen.

    Die größte Schwachstelle ist die dem Entwurf zugrundeliegende Annahme, Säuglinge hätten nur ein geringes Schmerzempfinden. Dazu der Leiter des Deutschen Kinderschmerzzentrums Prof. Dr. Zernikow: „Es ist das Gegenteil von der Meinung, es gäbe ein nur geringes Schmerzempfinden, der Fall: Das schmerzunterdrückende System ist erst einige Monate nach der Geburt funktionstüchtig. Sie empfinden mehr Schmerz als Erwachsene.“ Gleiches publiziert die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin in ihrer Stellungnahme vom Juli 2012, die als Anlage beigefügt ist.

    Es ist ein Irrglaube, mit Zäpfchen oder einer Salbe diese erheblichen Schmerzen und ihre Auswirkungen auf das Schmerzempfinden im späteren Leben lindern zu können. Dazu reicht nicht einmal eine generelle Narkose, die an sich ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist. Darüber hinaus müssen mit einer betäubenden Spritze die vom Penis ins Gehirn führenden Nervenbahnen direkt blockiert werden. In Kliniken, so Prof. Dr. Zernikow, gelingt dies selbst guten Anästhesisten in 5 bis 10 % der Fälle nicht ausreichend. Auch die hohe Komplikationsrate von 6 % verbietet den Einsatz von medizinischen Laien. Die Deutsche Kinderhilfe bringt den Kölner Fall in Erinnerung: Dieser Junge wurde fachgerecht und ärztlich beschnitten; es folgten schwere Nachblutungen, mehrere Nachoperationen und ein Aufenthalt auf der Intensivstation.

    Die Deutsche Kinderhilfe lehnt Beschneidungen im Säuglingsalter ebenso wie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte als unzumutbare Körperverletzung ab. Es scheint aber der erklärte Wille des Gesetzgebers zu sein, eine gesetzliche Regelung „durchpeitschen“ zu wollen.
    Wenn es denn schon ein Gesetz geben wird, dann ein solches, welches den Einstieg in den Ausstieg bedeutet. Ein Gesetz, das sicherstellt, dass Beschneidungen nur noch von Fachärzten und unter qualifizierter Anästhesie in Kliniken durchgeführt werden dürfen. Ein Gesetz, das die Altersschwelle für die Zulässigkeit des Eingriffs hochsetzt und ein Gesetz, in dem eine objektive und umfassende Aufklärung der Eltern verbindlich vorgeschrieben wird.

    Bei allem Respekt vor der jüdischen Tradition und in Anbetracht der Problematik, dass der Umgang damit gerade vor der deutschen Vergangenheit ausgesprochen belastet ist und sensibel zu sein hat: Es geht bei diesem Gesetz konkret um die Frage, ob das Justizministerium einen Gesetzesvorschlag einbringt, der ein Sondergesetz für die Legitimierung einer religiösen Tradition darstellt. Sehenden Auges soll die erhebliche Körperverletzung von Säuglingen legitimiert werden und zwar gegen das Grundgesetz. Die Würde des Menschen und damit auch die des Säuglings wird hier für unantastbar erklärt, Art 2 schützt die körperliche Unversehrtheit und Art 6 konstituiert das staatliche Wächteramt zum Schutz der Kinder vor ihren Eltern. Ferner geht es um die Frage, ob ein derartiges Gesetz vor der in Deutschland rechtsverbindlich geltenden UN Kinderrechtskonvention, die bestimmt, diejenigen Bräuche zu überwinden, die Kindern schaden, aber auch im Kontext der bestehenden Gesetzessystematik, wer in Deutschland unter welchen Voraussetzungen medizinische Eingriffe vornehmen darf, in Kraft treten darf.

    Die Deutsche Kinderhilfe erneuert ihren Appell, diese wirklich schwierige und nicht in Wochen lösbare Problematik – wie lange wurde um das Recht auf gewaltfreie Erziehung und dessen Festschreibung im BGB gerungen – gründlich in einem Dialog an einem Runden Tisch zu diskutieren. Ein Schnellschuss und dieser Entwurf bestätigt die schlimmsten Befürchtungen, bringt unter Umständen, was die Politik verständlicherweise ja möchte: Ruhe in die Debatte und besänftigt die Religionslobbyisten sowie die aus dem Ausland artikulierte Kritik. Der Preis aber ist hoch: Zum einen werden weiter Kinder täglich in Deutschland in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt, zum anderen würde ein solches, die Körperverletzung von Kindern legitimierendes Sondergesetz, die Bemühungen um die Stärkung der Kinderrechte in Deutschland um Jahrzehnte zurückwerfen.

    Für Rückfragen steht Ihnen der Vorstandsvorsitzende, Georg Ehrmann, unter der Rufnummer 0160 3645685 zur Verfügung.

  6. LOB 2012/09/28 / 4:50 PM

    Markus Termin

    September 27, 2012
    Be`Ruben: Dialog kann aber nicht bedeuten, wie Gil Bachrach es formuliert, dass man “schon ein paar tausend Jahre lang beschneidet”, und nun gedenkt, noch ein “paar tausend Jahre lang Säuglinge zu beschneiden”.

    Begründung: Familienbande, Liebe.

    Die historischen Beschneidungsszenen aus Ägypten – Quellen sind hier offen – zeigen junge Erwachsene, die sich gegenseitig beschneiden, keine Babys.

    Es kann auch von Dialog keine Rede sein, wenn der Gesetzesentwurf der Bundesregierung die Kindsrechte ausblendet.

    Gerade die Rücksicht auf den Ritualcharakter kann die Ritualgemeinschaft von Außenstehenden nicht unbedingt erwarten. Wir hingegen schon, dass man sich innerhalb der Ritualgemeinschaft damit auseinandersetzt – wo, bitte, passiert das?

  7. LOB 2012/09/28 / 4:51 PM

    Stefan W.

    September 27, 2012
    @Be’ Ruben:

    Da die Schulpflicht kein Eingriff in die körperliche Integrität der Schüler ist nehme ich an, Sie beziehen sich auf das Recht mancher Eltern die Kinder vom Schulunterricht aus religiösen Gründen zu befreien, damit sie dort nichts abweichendes zur Bibel lernen müssen?

    Das lehne ich ab.
    Das kann ich aber nicht auf die körperl. Unversehrtheit stützen, oder die Menschenwürde. Ich bin auch kein Jurist und sehe auch die Relevanz für die aktuelle Diskussion nicht.

    Manchmal kann ein Beispiel aus einem bekannten Bereich Fragen in einem weniger bekannten zu beantworten helfen. Wenn das Beispiel aber so weit weg ist, und es in dem Bereich auch kein allgemein verbreitetes Wissen über die Grundrechtslage gibt dient es doch mehr der Vernebelung.

    Wollen Sie denn einen Dialog mit den jüdischen und islamischen Gemeinden?

    Ich persönlich will keinen Dialog mit irgendeiner Religion, weil ich keine Fragen an die Religion habe. Zusammen mit Marx möchte ich sagen, dass ich mit dem Gegenstand der Kritik im Reinen bin.

    Bezüglich der Riten kann es meines Erachtens keinen Dialog mit der Religion geben. Wenn eine religiöse Gruppe eine Moschee oder Synagoge bauen will oder eine Kirche, dann kann die Stadt mit den Religionsvertretern in einen Dialog treten, etwa in der Frage, ob eine U-Bahnstation einen Zugang in der Nähe mit Aufzug gebaut wird.

    Aber die Vorhautentfernung ist ein Verstoß gegen ein Menschenrecht – da gibt es keinen Verhandlungsspielraum für einen Dialog. Natürlich – wenn die Juden etwa stattdessen die Brit Shalom – soweit ich verstanden habe eine symbolische Beschneidung ohne Körperverletzung – praktizieren wollen; das können die Juden ab sofort ohne Rückfrage, ohne Dialog tun.

    Es gibt ja keine staatlichen Zertifikate für religiöse Bräuche. Man tun und lassen was man will, solange man nicht unzulässig in die Rechte anderer eingreift.

    Also welche staatliche Stelle sollte mit welcher jüdischen in einen Dialog treten? Man kann den Bundespräsidenten zu einer solchen symbolischen Beschneidung schicken, wo er mit großem Medienauftrieb noch mal unterstreicht, dass Juden, die ihren Glauben praktizieren, hier sehr willkommen sind – das kann, und soll man dann ruhig machen, um mögliche Zweifel auszuräumen. Auch wenn ich selbst gegen Religionen bin sollte man sowas wirklich machen, wenn es möglich ist, einflussreiche Sprecher der jüdischen Gemeinden für eine solche Haltung zu gewinnen, weil ja viele einfach gestrickte Naturen offenbar die aktuelle Debatte als Signal verstehen ihre Vorurteile zur Schau zu stellen.

    Dass man gegen Religion sein kann, aber für das Recht des einzelnen eine Religion zu haben überfordert ja manch einen, und denen sagt man es besser 3x als 1x.

    ich sehe auch keine Raum für einen Veränderungsprozess, sondern nur die Möglichkeit des Bruchs mit alten Traditionen.

    Der Rechtsstaat kann nicht sagen: “Die Abtrennung der Vorhaut ist ein so schwerer Eingriff in das Recht des jungen Jungen, dass er nicht mit religiösem Brauch toleriert werden kann” und dann zu sagen “Wir erlauben es aber für ein weiteres Jahr, und dann darf nur noch … praktiziert werden, und in 2 Jahren … und in 3 Jahren dann gar nicht mehr beschnitten.”

    Wenn man das Recht des Kindes ernst nimmt, und es ist ja ein Recht jedes einzelnen Kindes, dann kann es auch nicht der Staatsraison unterworfen werden und als Kompromiss geopfert werden.

  8. LOB 2012/10/08 / 8:33 PM

    STEFAN GRUNER (SGRUNER2)
    30.09.2012 15:25 Uhr

    Wenn man im Alten Testament blaettert…

    … auf welches sich die Beschneider ja berufen, dann wird einem bei der Lektuere sehr schnell klar, dass der antike Judaismus eine voelkische Ideologie war, in welcher der Einzelne (sofern er nicht eben als Prophet fungierte) keinerlei Rolle spielte.

    Es gibt in den Schriften des AT im wesentlichen nur 2 Agenten: Gott, sowie das Volk Israel als Kollektivsubjekt. Und in all diesen AT-Geschichten laesst Gott es auch oft geschehen, dass viele Einzelne „draufgehen“, so lange eben nur das „Haus Israel“ als Kollektivsubjekt erhalten bleibt – im Grunde also den Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts gar nicht mal so unaehnlich, abgesehen von deren Atheismus.

    Der hohe Wert, dem wir heute dem Recht des Einzelmenschen beimessen, ist ein langfristiges Ergebnis der im Wesentlichen englisch-franzoesisch-deutschen Aufklaerung, welche von den Beschneidern noch nicht verinnerlicht wurde. Wenn ich mir die Argumente der Beschneider anschaue: stets sind sie voelkisch-kollektivistisch, wie im AT.

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