Zigeunerleben: Emanuel Geibel


Mythenbildung zum Leben von Sinti,
Roma und Jenisch

Korbmacher und Scherenschleifer, Travellers und fahrendes Volk. Was weiß ich vom Alltagsleben der sog. Zigeuner? Nichts -, denn woher sollte ich es auch wissen? Die Lebenswelt der Sinti, Roma und Jenisch wird weder in Schulen, noch im Geschichtsunterricht, noch in den Medien vorgestellt. Der Ursprung des Wortes Zigeuner ist uns fremd, auch ist die Benutzung strittig. Für die einen ist es Ausdruck des latenten Antiziganismus und für die anderen Ausdruck eigener Identität. Wird das Wort von „ziehenden Gaunern“ abgeleitet oder ist es eine Transkription aus dem Sanskrit?

Das sog. „unstete, wilde und fahrende“ Volk kreuzt nicht meine Lebenswirklichkeit, ist kein Thema in meinem Alltags- und Berufsleben. Anlässlich der Einweihung des Holocaust Mahnmals wurden mir meine eigenen Vorurteile bewusst und auf eine drastische Weise vor Augen geführt. In 12 Jahren Barbarei hat die Administration Hitlers Millionen von Menschen ermordet, u.a. auch eine halbe Million Sinti & Roma. Der israelische Bildhauer Dani Karavan hat das nationale Monument zur Erinnerung an die ermordeten Roma Europas gestaltet. Anlässlich dieser Einweihung habe ich mich selbst befragt und damit begonnen Informationen und Hintergründe zum Thema abzuklären. Dabei stieß ich auf eine sehr ergiebige Datenbank (ROMBAS), der Universität Graz im Netzt, die ich jedem weiter empfehle. Auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft gypsy-Research gibt es ausführliche Infos zu den verschiedenen Ethnien, der Geschichte, der Sprachen und die Kultur der „Zigeuner“. Das unten zitierte Gedicht hat der Romantiker Emanuel Geibel geschrieben und wurde von Robert Schumann (Opus 29,3) vertont. Der Text offenbart ein Bild, wie wir es romantisiert vom Zigeunerleben meinen zu kennen. Ob es den Tatsachen entspricht, sollten wir jeder für sich an der eigenen Lebenswirklichkeit überprüfen. Was sind die Fakten? Was wissen wir über die Wanderer, die einst aus Indien nach Europa gekommen sind? Was sind die Mythen wert, die wir kennen und was ist das Eigentliche, was wir von unseren Mitbürgern kennen sollten? Entspricht das Schwärmen vom freien Leben, vom wild tanzenden und gebräunten, schwarzäugigen Mädchen, mit dem wallendem Haar, der Realität? 

Zigeunerleben

Im Schatten des Waldes, im Buchengezweig,
Da regt sich’s und raschelt’s und flüstert zugleich;
Es flackern die Flammen, es gaukelt der Schein
Um bunte Gestalten, um Laub und Gestein.

Das ist der Zigeuner bewegliche Schar,
Mit blitzendem Aug‘ und mit wallendem Haar,
Gesäugt an des Niles geheiligter Flut,
Gebräunt von Hispaniens südlicher Glut.

Ums lodernde Feuer im schwellenden Grün,
Da lagern die Männer verwildert und kühn,
Da kauern die Weiber und rüsten das Mahl
Und füllen geschäftig den alten Pokal.

Und Sagen und Lieder ertönen im Rund,
Wie Spaniens Gärten so blühend und bunt,
Und magische Sprüche für Not und Gefahr
Verkündet die Alte der horchenden Schar.

Schwarzäugige Mädchen beginnen den Tanz;
Da sprühen die Fackeln im rötlichen Glanz,
Heiß lockt die Gitarre, die Zimbel erklingt,
Wie wilder und wilder der Reigen sich schlingt.

Dann ruhn sie ermüdet vom nächtlichen Reihn;
Es rauschen die Wipfel in Schlummer sie ein,
Und die aus der sonnigen Heimat verbannt,
Sie schauen im Traum das gesegnete Land.

Doch wie nun im Osten der Morgen erwacht,
Verlöschen die schönen Gebilde der Nacht;
Laut scharret das Maultier bei Tagesbeginn,
Fort ziehn die Gestalten. – Wer sagt dir, wohin?

Emanuel Geibel via Sammlung Lübeck und Bonn

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