Wem gehören unsere Kinder?


Bergisch Gladbach im Sommer 1986, mit Blick auf den Dom.
Who will own the children? Der Chefarzt der katholischen Klinik stellte mir damals diese Frage, obwohl er nicht wirklich von mir eine Antwort erwartete, die Frage war eher als ein Statement gemeint.

Der charismatische Mann hatte sich einen Namen in der Region gemacht, weil er die sanfte Geburt nach Frédérich Leboyer propagierte. Die Mütter der Region pilgerten zu ihm hinauf, nahmen den weiten Weg auf sich und die damit verbundenen Risiken, vielleicht ihre Kinder im Auto, im Stau, auf einer der fünf Rheinbrücken zur Welt zu bringen. Die Mütter standen schlange vor dem Kreißsaal.  Die umliegenden Geburtskliniken bekamen es zu spüren, ihre jährlichen Geburtszahlen gingen zurück und so dauerte es nicht lange bis auch diese Kliniken ihre Geburtskonzepte änderten.

Allen Eltern gemeinsam war der tiefe Wunsch, ihre Kinder nicht mehr mit dem obligatorischen und aufmunternden Klatsch auf den Hintern in diese Welt zu entlassen, die Nabelschnur sollte auspulsieren und die Kinder sanft empfangen werden. Auch wir hatten uns entschieden die Geburt der Zwillinge von seinem Hebammenteam begleiten zu lassen. Seine Frage hatte mich damals verstört, zu erst dachte ich daran, dass ja in der Tat, neben den eigenen Eltern der Staat als erstes an die Tür klopft, um den neuen Erdenbürger in seine Reihen aufzunehmen.

Denn der neue Bürger braucht eine Nation, eine Nationalität und er muss registriert sein, mit Geburtsstunde, Tag und Jahr. So will es das Gesetzt, es ist profan und frei von jedem Pathos. In 6 Jahren wird das Kind schulpflichtig sein und in 18 Jahren wäre der Junge dienstpflichtig. Werte für die Statistik, die Planungssicherheit schaffen soll. Noch hat das Kind keine Sonnenaufgang und kein Untergang erlebt, aber es ist ein Wert im großen Getriebe der Gemeinschaft. Noch bevor die Eltern sich an den neuen Gesellen gewöhnt haben, hat der Staat seine Aufwartung gemacht, er ist nicht mit Gaben gekommen, sondern mit seinen Ansprüchen.

Mich inspirierte die Frage damals, wie sie mir auch heute noch wichtig erscheint. Ein oft und gern zitiertes Gedicht aus The Prophet von Kahlil Gibran, greift diesen Gedanken auf und zeigt, wie alt diese Frage ist und das Generationen vor uns, diese Frage auf ihre Weise beantwortet haben.

Your children are not your children.
They are the sons and daughters of Life’s longing for itself.
They come through you but not from you,
And though they are with you yet they belong not to you.
You may give them your love but not your thoughts,
For they have their own thoughts.
You may house their bodies but not their souls,
For their souls dwell in the house of tomorrow, which you cannot visit, not even in your dreams.
You may strive to be like them, but seek not to make them like you.
For life goes not backward nor tarries with yesterday.
You are the bows from which your children as living arrows are sent forth.

Auch der umtriebige und geschäftstüchtige Familientherapeut Jesper Juul, nimmt sich dieser Frage an und thematisiert unsere aktuelle Diskussion, um die Kinderbetreuung in seinem neuen Buch. Qui bono? Was ist im Sinne der Kinder wichtig? Welche Interessen haben die Eltern? Welche der Staat und wenn ja, wieso? Da kollidieren zwei Lager, die einen unterstellen die Bevormundung der Eltern und die anderen die Vernachlässigung der Kinder.

Ich teile die Meinung des Dänen:»Die Kinderbetreuung ist zu wichtig, um sie allein den Politikern zu überlassen.« Ja, wir müssen ehrlicher über die zu Grunde liegenden Fragen und Konsequenzen, die mit der Kampagne »Jedem Kind einen Krippenplatz« verbunden sind, diskutieren. Wie sieht der Lebensalltag der Eltern und Kinder heute aus? Mit welchen Anforderungen müssen sowohl die Eltern, als auch die Kinder zurecht kommen?

Was bedeutet das Credo der Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Was müssen Betreuungseinrichtungen leisten, um den Übergang in die Fremdbetreuung kindgerecht zu gestalten? Was müssen die handelnden Personen beachten? Wann sind Kinder überfordert? Wann nutzt ihnen die Fremdbetreuung?

Es gibt Modelle, die den Übergang in die Krippe gestaltet sollen, doch sind diese im Alltag der Krippen wirklich zu realisieren? Das Berliner- bzw. Münchnereingewöhnungsmodell ist eine Anleitung für die Fachkräfte, setzt aber voraus, das auch genügend Fachkräfte den Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Doch die personelle Besetzung ist nicht handlungs-, nicht kompetenz- und nicht prozessorientiert, wie es nötig wäre.

Es gibt keine Garantie, das den Kinder selbst der Übergang gelingt, so wie es sich die Eltern wünschen. Nota bene, müssen sich die Kinder ja gleichzeitig auch von den bekannten Bezugspersonen entwöhnen. Ist das ein schmerzlicher Prozess oder ein Gewinn?

Die Möglichkeit der Betreuung ist für viele Eltern heute in vielerlei Hinsicht eine zwingende Notwendigkeit.Was für den einen gut ist, muss nicht auch für den anderen gelten.

Wie achtsam und reflektiert sind die Fachkräfte? Wie ehrlich und nachhaltig die Politik? Stellt sie wirklich alle Ressourcen für die Kinder zur Verfügung? Findet nicht doch ein mieses Geschacher um die Finanzierung, zwischen dem Bund, den Ländern und Gemeinden statt?

Passen wir auf, dass wir nicht dauernd von Qualität nur reden, aber gleichzeitig die Finanzierung vernachlässigen. Ich hoffe das Buch wird von den Mitgliedern der Jugendhilfeausschüsse der Gemeinden gelesen.

„You are the bows from which your children as living arrows are sent forth“

Wem gehört das Kind, ist eine wunderbare und  auch heute noch verstörende Frage! Das Gedicht von Kahlil Gibran ist eine Wucht, es erschlägt alle jene, die so gerne sagen „mein zu allen Dingen die geduldig sind“ –  mein Kind und nicht differenzieren, das die Kinder uns nicht gehören, sondern uns anvertraut sind. Aber auch ich habe immer wieder gesagt, mein Kind, meine Tochter und mein Sohn. Es ist eine dauernde Auseinandersetzung mit diesem Besitzergreifen und dem Loslassen. Ja, die Kinder sagen meine Mutter, mein Vater und bald nach 12 Jahren mein Leben, meine Entscheidung.

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