Praxis Schule: Das Klassenzimmer der Zukunft I


Der Raum – der Dritte Pädagoge

Frankfurt, den 15. November 2012, ein trüber Herbsttag über der Rhein-Main-Ebene. Über Tisch und Bänke realisiert sich das Chaos. Schüler fühlen sich eingeladen oder abgewiesen. Räume regen an oder stören. Langeweile ruft nach Ersatz; Störungen provozieren Widerstände. Wieso sollten sich Schüler in Schulen wohlfühlen? Qui bono? Ist das wieder so eine der vielen endlosen Diskussionen über die Zukunft des deutschen Bildungssystems? Allerorts melden sich Experten zu Wort und was ist neu? Der Hirnforscher Gerald Huether aus Göttingen sagt: „Wir haben kein Problem mit der Erkenntnis, sondern mit der Umsetzung!“

Albert Anker Die Dorfschule um 1848 Kunstmuseum Basel

Blicken wir auf das bundesdeutsche Schulsystem, dann schauen wir nicht in die Zukunft, sondern ins 19. und 20. Jahrhundert. Gegenüber dem Philosophen Richard David Precht sagt Gerald Huether voraus, dass sich unser Schulsystem in den kommen 5 – 6 Jahren grundlegend ändern wird. (Macht lernen dumm?) Ist das so? Wer beißt hier wen? Der Mann den Hund, oder vice versa?

Bei den global Playern, der Telekommunikation oder der Autoindustrie ist es usus, jeden Tag Projekte und System weltweit zu synchronisieren, d.h. überflüssige Redundanzen zu verringern, ohne dabei die Diversität zu nivellieren, um die Efficiency zu steigern. Mit Unterstützung der Algorithmen von  SAP aus Walldorf sind Systeme kompatibel. Es gibt keinen Bereich des Wirtschaftsleben wo Efficiency nicht gefragt ist, denn Aufwand und Ertrag stehen im Fokus. Im deutschen Bildungssystem versteht man unter der Steigerung der Efficiency, nicht die Verbesserung der Statik des Bildungssystems, sondern, wie im Bologna-Prozess geschehen, die Angleichung der Studienzeiten, weil parteipolitisch motivierte  Bildungspolitiker meinen die Vergleichbarkeit von Abschlüssen müsse die Zielrichtung der Reform sein. Doch was nehmen wir wahr, eine Nivellierung auf Kosten der Qualität und eine steigende Anzahl von Lernenden, die im System entmutigt werden.

Als ob ein Orchester besser spielt, wenn alle Instrumente, aus dem gleichen Holz geschnitzt werden. Statt die Kompatibilität der Strukturen zu verbessern, wird an der Zeitschraube gedreht, als ob die Leistung eines Orchester gesteigert wird, wenn die Partituren gekürzt und schneller abgespielt werden. Wer beißt hier wen? Die Statik und Struktur des Bildungssystems wird vernachlässig. Bei der Finanzierung der Ausstattung des Bildungssystem herrscht eine Discounter Mentalität.

Heute wird eine durchschnittliche Küche in Deutschland hochwertiger ausgestattet, als ein deutsches Klassenzimmer. Die Einrichtung eines kompletten Klassenzimmer für 30 Schüler kostet um die € 8,000 und ist auf 10 Jahre angelegt. Die Ausstattung der Bildungsräume wird vernachlässigt, weil der politische Wille fehlt an dieser Stelle hochwertig und nachhaltig zu handeln. Krippen werden mit Obstkisten und billig Möbeln eines schwedischen Möbelhauses bestückt und so geht es weiter bis hinauf zu den Hochschulen. Das was heute technisch und methodisch möglich ist finden wir nicht an der Standorten unseres Bildungssystems wieder gespiegelt.

In keinem Wahlprogramm einer deutschen Partei finden sich konkrete Zahlen darüber, wie viel Euro pro Schüler im Jahr an Ausstattung investiert werden sollen. Jedem Schüler ein iPad, jedem ein ergonomischer Schülerarbeitsplatz? Wieso sollte sich eine dynamische Gesellschaft, wie unsere das nicht leisten können?

Was soll ein Schüler können, wenn er die Schule verlässt und in einem Berufsfeld tätig sein soll, dass auf seine Sachverstand, seine Kreativität, seine Lösungskompetenz und seine Teamfähigkeit setzt? Schulen, Klassenzimmer sind Orte der Entdeckung und Weiterentwicklung von Fähigkeiten und Kulturräume, Werkstätten unterschiedlich lernender Menschen. Von der Krippe bis hin zur Hochschulen weiß die rechte Hand nicht was die Linke tut. Die Übergänge von einem zum anderen sind nicht geschmeidig, sondern reich an Hindernissen und Grund für elterlichen bzw. kindlichen Frust.

Heute ist lebenslanges Lernen in aller Munde. Moderne Unternehmen werden als lernenden Organisation verstanden und betreiben ein anspruchsvolle Wissensmanagement, um das Know-how zu fördern. Ob nun die Pisastudien oder andere vergleichende Studien der OECD, das deutsche Bildungssystem gilt nicht als Beispielhaft.

Lernen und kooperieren ist uns angeboren, wir können nicht Nichtlernen. Was wir brauchen sind geeignete Räume, Oberflächen zum Üben. Mit der Lust am Lernen sagt Leonardo da Vinci, ist es wie mit dem Appetit, man kann den Geschmack daran verderben.

Ein Hausbesuch reicht, ein Blick in die Flure und Klassenzimmer, in die Anordnung der Tische und Stuhlreihen, um sich ein Bild zu machen, unter welchen Umständen Schüler lernen und Lehrer/innen arbeiten müssen. Hier gelten die Erkenntnis und auch all die deutschen Arbeitsplatz-Richtlinien nicht, die in jedem Büro eingehalten werden müssen.

Der Arbeitsplatz des Lehrers, das Lernumfeld der Schüler genügt keinen ergonomischen Standards.Die Berufsunfallversicherungen vernachlässigen hier die Kontrolle der staatlich geführten Schulen. Die Schüler werden vor die Lehrer platziert, wie Hühner in einer Legebatterie, ungeachtet ihrer individuellen Körpermaße, sie sitzen stundenlang  auf und an falschem Mobiliar. Die Rückenmuskulatur wird geschwächt statt gestärkt und die Warnungen von Orthopäden werden überhört.  Die robusten Tische stehen wie Hindernisse zwischen dem Lehrenden und Lernenden, die Verkehrswege sind Fluchtwege und nicht die Verbindungswege zum Austausch von Lerneinheiten unterschiedlicher Funktionalität. Das damit projizierte Bild des Schülers. ist das von Schülern, deren Lernbedürfnisse gleich geschaltet und die über einen Kamm geschoren werden. Schulen sind Parkhäuser für Schüler, das Klassenzimmer mono-funktional und weit entfernt eine Werkstatt des Lernens zu sein. So bleibt die Arbeit von Lehrern und Schülern weit unter ihren Möglichkeiten.

Die Verantwortlichen Politiker auf der Ebene der Kultusministerkonferenzen, der Ministerien und Schulämter verschwenden Ressourcen. Die Steigerung der Kompatibilität wird vernachlässigt, sie steht nicht an oberster Stelle der ideologisch geprägten Agenda. In Bildungsplänen wird den Erziehern mit auf den Weg gegeben, die Kinder als co-kreative Partner im Bildungsprozess zu verstehen, doch dies wird ad absurdum geführt, wenn nicht gleichzeitig auch die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung diese Erkenntnis bei der Umsetzung von Bildungspolitik beachten.

Das Schulamt ist nicht Besitzer des Gebäudes und somit nicht für das Schulhaus und die Einrichtung der Klassenzimmer verantwortlich. Die Ausstattung und Beschaffung ist Angelegenheit der einzelnen Kommunen vor Ort. Schulen sollten dies eigenverantwortlich bestimmen und die Mittel dafür direkt zur Verfügung gestellt bekommen.

Kein Amtszimmer eines Bürgermeisters, der über eine Verwaltung von 800 und mehr Mitarbeitern regiert, ist in einem so jämmerlichen Zustand. Blicken wir ins Klassenzimmer, fangen wir an bei der Belichtung und gehen hin zur Akustik, nichts davon entspricht den europäischen Richtlinien für die Gestaltung eines menschenwürdigen Arbeitsplatzes.  Wieso darf und kann das in deutschen Schulen so fahrlässig vernachlässigt werden? Qui bono? Letztendlich sind unter diesem Licht die hohen Ausfallzeiten von LehrerInne auch nicht verwunderlich, sondern eher die logische Konsequenz eines nachlässigen Schulmanagements.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s