Praxis Schule: Das Klassenzimmer der Zukunft II


Der Raum – als Dritter Pädagoge

Wie sollte die Schule, das Klassenzimmer der Zukunft aussehen?  Der Hamburger Journalist Reinhart Kahl hat in seinem viel zitierten Film Treibhäuser der Zukunft, dokumentiert wie Schule gelingen kann und dieses an vielen Beispielen aus dem deutschsprachigen Raum belegt. (Archiv der Zukunft).

Wäre es nicht Zeit neben dem alljährlich vergebenen Deutschen Schulpreis, einen Preis auszuloben für das Klassenzimmer der Zukunft?  Wie wird das Klassenzimmer im 21.Jahrhundert aussehen? Was wurde erprobt und was haben die Schüler dazu beigetragen?  Es gibt Schulgebäude, die Architekten gemeinsam mit Schülern und Lehrern entwickelt haben, solche Schulen haben nichts mehr mit den Anstalten aus dem 19. und 20. Jahrhundert gemein. Schulen sollten Ort der Begegnung, Räume der formalen und informellen Kommunikation, Werkstätten des Lernens und Treibhäuser sein.

Die Erkenntnisse der Ergonomie galten schon am Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Schülerpult war höhenverstellbar und erst in den 30iger Jahren  wurde es im Kometenschweif der Bauhausbewegung, vom rechteckigen Mobiliar im Einheitsmaß ersetzt und blieb bis Heute Standard.  Schüler und Lehrer werden in der Nutzung der Einrichtung auf eine Funktionalität hin reduziert, d.h. das Klassenzimmer ist monofunktional.

Den Einkauf und die Einrichtung bestimmen nicht der Lehrer und die Schulleitung, sonder die kommunalen Sachbearbeiter der Verwaltung. Der Einkauf erfolgt in Discountermentalität und berücksichtigt an keiner Stelle die Bedürfnisse der Schüler und Lehrer. Gekauft wird nach Kassenlage und auf der Basis von langfristigen Rahmenverträgen mit Möbelherstellern. Die Tische sind robust und haben eine Lebensdauer von 10 Jahren und darauf kommt es an.

In den letzten 5 Jahren hat der Paradigmenwechsel auch die Herstellern von Schulmöbeln erreicht,  sie setzen auf das bewegte Klassenzimmer und haben die Ergonomie wiederentdeckt und zur Produktpalette gehören jetzt auch die in der Höhe verstellbaren Stühle und Tische (ScuolaBox). Wie kann Schule gelingen, allein über neue Anwendungen und neue Inhalte? Was sind die unterstützenden Elemente für das erfolgreiche Lernen? Welche Strukturen braucht das Lernen? Wie herausfordernd und wie langweilig darf es und muss es sein? Wüste oder Wald -, Strand oder Markt?

Statt mono- sollte das Klassenzimmer der Zukunft multifunktional sein und den unterschiedlichen Lerngewohnheiten bzw. Lernbedürfnissen der Schüler gerecht werden. Wenn wir den unterstützenden Kontext des Lernens weiterhin vernachlässigen, nutzen wir eine wichtige  Stellschraube nicht, mit der wir die Lust am Lernen positiv beeinflussen können.

Zurzeit sind es einzelne Lehrer/innen die in beeindruckender Weise den Alltag in Schulen reformieren. Die Beratungsresistenz von Politikern und Verantwortlich ist skandalös, insbesondere wenn sie in wohlfeilen Sonntags-Reden, wieder und wieder, die Bildung sakrosant beschwören und gleichzeitig die Augen vor den notwendigen und anstehenden Änderungen verschließen.

The Class Room of The Future: How would it look like?

Die Kreidezeit ist vorbei. Lernen ist nicht mehr allein am Lehrer orientiert. Optimales Lernen ist das Ergebnis einer optimalen Lern-Architektur. Neben Kreidetafeln gewinnen interaktive Tafeln für den Unterricht mehr und mehr an Bedeutung. Was Not tut, ist ein Paradigmenwechsel in den Kultusministerien, Schulbehörden und der Verwaltungen. Inzwischen sprechen wir vom digitalen Klassenzimmer und den iPad-Klassen. Manche sehen die Zukunft der Schule im virtuellen Klassenzimmer. (What will classrooms look like in the future? QuoraJetzt schon bestehen im weltweiten Netz Lernplattformen, die die bisherige Form von Schule zur Diskussion stellen.

Foto via Homepage VS

Wird zukünftig der in der Höhe verstellbare, flexible und mobile Tisch und Stuhl zum  Standardmöbel? Heute steht die Selbstorganisation und Kooperation der Schüler im Zentrum didaktischen Handelns. Schüler entscheiden zukünftig selbst, ob sie sitzend oder stehend dem Unterricht folgen.

Dem interaktiven Schülerarbeitsplatz gehört die Zukunft. Forschungsergebnisse der LMU München  belegen, welchen Einfluss die Einrichtung des Klassenzimmers auf unser Lernverhalten hat. (Klassenzimmer der Zukunft  PDF). Kreativität und  Konzentrationsvermögens werden positiv beeinflusst.

Das Klassenzimmer der Zukunft besteht aus Lern-Inseln,  weil Jeder Schüler anders lernt und nie alle das Gleiche tun. Der Raum ist so eingerichtet, dass  Einzel- und Gruppenarbeit möglich ist, akustische Paravents sorgen für die nötige Modulation der Raumgeräusche. Die Möbel sind leicht um zu stellen und können so dem Lernprozess entsprechend genutzt werden.  Selbstorganisation statt Frontal-Unterricht.  Neben dem individuellen Schülerarbeitsplatz gibt es die Computertische für die Arbeit im Web, an anderer Stelle die Hardwarebasis für den Drucker, dort das interaktive Board, neben der Kreidetafel, für ein gemeinsames Brainstorming. Der Leher hat einen festen Arbeitsplatz, eine mobile Box, sein Rüstzeug muss er nicht von Klassenzimmer zu Klassenzimmer tragen. Die Box dient als Stehpult und Stauraum, für persönliche Sachen. Er ist bereits vor dem Schüler an seinem Arbeitsplatz, er ist ansprechbar für Fragen der Schüler und verfolgt die Lernprozesse, kontrolliert die Lernziele, die er mit den Schülern zuvor verabredet hat, überprüft die gestellten Anforderungen an die Schüler, auf ihre Relevanz und Wertigkeit für unser Gemeinwesen, dokumentiert die Ergebnisse und schafft die Rahmenbedingungen für die Präsentation der Lernergebnisse der Schüler. Der Lehrer hat einen Arbeitsplatz an dem er 8 Stunde arbeiten kann, der flexible Stuhl bitte die Möglichkeit zum Relaxen.

Learning by Design3624_01_mainboard

In Deutschland gibt es 60.000 Schulen und es ist noch ein weiter Weg, bis alle Schulen der Arbeitsstättenverordnung von 2004 und der EU-Richtlinie von 1992 entsprechen. Schüler und Lehrer haben das Recht auf einen gesunden und menschenwürdigen Arbeitsplatz, sie müssen den Angestellten im Büroalltag gleich gestellt werden.

Ein Manager von Steelcase aus Rosenheim, die die Studie an der LMU förderte, meinte: „solang kein Gerichtsurteil die Kommunen dazu zwingt, dass auch der Lehrer- und Schülerarbeitsplatz den Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung vom 12. August 2004 für Büros und der Eu-Richtlinie von 1995 entsprechen muss, wird sich in Deutschland nichts wesentliches verändern!“ und weiter, „die Klage müsste von Eltern auf den Weg gebracht werden, weil ihre Kinder einen gesundheitlichen Schaden erleiden, weil sie auf unangemessenem Mobiliar sitzen.“ (Anm.: Das Robert Koch Institut geht davon das 24% der Kinder in Deutschland im Alter von 11 – 17 Jahren an Rückenschmerzen leidet.)

Arbeitsstättenverordnung 2004

Die Forderung nach menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hatte sich schon die Schüler- und Lehrerbewegung Ende des 20.Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben. Schon damals war für die Schulträger Gesundheitsschutz in der Schule ein Fremdwort. Für die Fortschritte der Globalisierung litten tausende von Schülern und Lehrern unter den katastrophalen gesundheitlichen und baulichen Bedingungen.

Heute gibt es – zumindest in Europa – Gesetze und Verordnungen, die bis ins Detail den Schulträgern vorschreiben, wie das Umfeld für Schüler und Lehrer  zu gestalten ist. Egal, ob Baustellen oder Büros, die Arbeitsstättenverordnung legt EU weit die Rahmenbedingungen für menschenwürdige Arbeitsplätze fest.

Im Mittelpunkt der Verordnung über Arbeitsstätten von 2004 stehen die räumlichen, sicherheitstechnischen und hygienischen Weisungen.

Der Schulträger muss dafür sorgen, dass die Klassenzimmer ausreichend hoch sind und entsprechend belüftet werden können, sodass ein angenehmes Raumklima gewährleistet ist. Im Winter muss ausreichend geheizt werden können. Ferner schreibt die Verordnung eine „ausreichend große Bewegungsfläche“ rund um den Arbeitsplatz und „möglichst Tageslicht“ vor. Auch für Schüler und Lehrern, die keine festen Klassenzimmer haben, muss der Schulträger geeigneten Räum für Pausen schaffen.

Jeder Schüler und Lehrer hat ein Anrecht auf eine eigene abschließbare Kleiderablage, die aber nicht gleichzeitig für die Aufbewahrung der Schuluniform dient. Das Mobiliar soll, laut Verordnung, aus Stühlen mit Lehnen bestehen sowie Tischen, die ergonomisch und mobil sind.

 

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