Privates:„Wer so viel Ich ist, weiß nicht, wer er ist“


Wenn man, wie ich, an einem kalten Januarsamstag, die Ausstellungsräume in der Schirn betritt, triffst du zu erst auf eine alte Holztür, wie wir sie aus den Zeiten unserer Urgroßeltern kennen. Mit aufgesetzten Schlössern und in diesem fast schon klassischen Cremeweiß, unweigerlich willst du die Tür öffnen, um in den dahinter liegenden Raum zu treten. Doch eine schrille Stimme hält dich davon ab und schreit dir ins Ohr „das ist Kunst und Kunst wird nicht angefasst“. Zurück geschreckt verharrst du vor der Tür, umgehst sie ein wenig enttäuscht darüber, dass dich der Kurator so in die Irre gehen lässt. Das nun schon die Tür ein Teil der Ausstellungsexponate war, wurde mir damit unüberhörbar klar und ich schlage mir vor die Stirn, denn wie passend-, die Wohnungstür trennt das Private vom Öffentlichen.

Sicher magst du es als Tabuverletzung erleben, wenn Menschen sich öffentlich entblößen und wie in der Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, so grenzenlos darstellen und somit der Andere Einblicke in die Privatsphäre bekommen, die wir eigentlich hinter der Wohnungstür verborgen wissen wollen. Sei es nun darüber Bericht geben, wie wir unser Bett morgens verlassen oder wie unsere Eltern ihr Leben leben.

Dennoch halte ich es für einen befreienden Fortschritt, daß viele Menschen heute nicht mehr glauben, verstecken zu müssen, was früher aus gesellschaftlicher Konvention mit Scham belegt war.
Mehr Sorgen macht mir eine andere Form des Verlusts von Privatheit. Wenn „man“ jederzeit anhand meines Handys feststellen kann, wo ich bin, anhand meiner Kontobewegungen, wofür ich mein Geld ausgebe und zukünftig anhand des Inhalts der von mir in der Cloud abgelegten Daten, was ich denke und womit ich mich beschätige, dann erscheint mir der in dem Artikel beklagte Verlust des Privatens durch ein paar Bilder von bisher mit Tabus belegten Verhaltensweisen (einschließlich der Sexualität) als unerheblich.
Zusammengefaßt meine ich, daß sich viele Menschen nicht mehr scheuen, Intimes öffentlich zu machen, kann tatsächlich als Befreiung angesehen werden, doch die Verfügbarkeit aller meiner Informationen ist es nicht.

FAZ Kritik Feuilleton von Melanie Mühl more
Die Ausstellung läuft noch bis zum 3. Februar 2013 in der Kunsthalle Schirn.
Fotos der Kunstwerke von Evan Baden von H.L.O.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s