Journalistentugend I: Wem gehört die Nachricht?


Die Tugend eines Journalisten

Der Chronist der Zeit, – ein Journalist. Jene, die nicht den Mächtigen nach dem Munde reden, nicht zum Büttel werden für deren Öffentlichkeitsarbeit.  Der Chronist, der denen seine Stimme bzw. seinen Sprache leiht, die ungehört bleiben. Sind Journalisten jene Aufklärer die hinter die Kulissen der Mächtigen treten und wissen wollen, wie die Dinge den nun wirklich zusammenhängen und wer von wem profitiert und auf wessen Kosten? Sie sagen sie seien der Freiheit des Wortes verpflichtet und wollten dem Gehör schenken, was bis her unerhört blieb. Sie beschreiben die Wirklichkeit, ohne die Realität zu verfälschen, ohne etwas hinzu zufügen oder weg zu lassen. Sie geben der Realität ihre Sprache, was ungesagt blieb wird verwortet.

Stéphane Hessel war ein solcher Chronist unserer Zeit, jetzt ist er heute Nacht im biblischen Alter von 95 Jahren verstorben. Ein bewegtes Leben hat aufgehört zu sein. Der ehemalige Außenminister Frankreichs hat gegen alle Unkenrufe zur „uncoolness“ des Alters, im Alter noch einmal das Wort für die Jugend ergriffen.  Mit seinem kleinen Büchlein „Empört Euch“/ „indignez vous“ hat er Furore gemacht und den jugendlichen Mut zu gesprochen, die unerträglichen Umstände nach der Finanzkrise 2008 nicht hin zu nehmen. Er hat ihnen gesagt: seit wütend und ärgerlich und ruft es hinaus, nehmt es nicht hin, passt euch nicht an und gebt euch nicht auf. Der Literat und ehemalige Politiker hat, seines Alters zum Trotz, nicht aufgehört politisch zu denken und zu handeln. Ein homo politicus, im besten Sinne. Er hat sich für die Jugend eingesetzt, weil er die Jahre seiner Jugend, seines Widerstandes nicht vergessen hat. Das ist eine Tugend, die ich an Chronisten wie Hessel schätze -, sie ist beispielhaft.

Ein anderer ist der Genueser Kabarettist und Politiker Beppe Grillo, der mit seinem Blog seit 2005 der Jugend Italiens, die von den Mainstream Medien Berlusconi’s,- seiner Berlukratie, für dumm verkauft und ausgeschlossen wird, eine Plattform gibt, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Beppe Grillo ist ein wütender Mann, laut, stimmgewaltig und schrill, er versteht sich auf die Rhetorik des Kabaretts und gibt der Wut der italienischen Jugend seine Stimme. Er formuliert die Wut gegen die Korruption und Vetternwirtschaft in der italienischen Gesellschaft.

Journalisten sollten den Wählern, den Ungehörten ihre Sprache leihen und nicht den egozentrischen Selbstdarstellern in der Politik, die doch nur ihre ganz persönlichen Interessen im Auge haben, wie das Beispiel Silvio Berlusconi offenbart, der von nichts zurück schreckt und selbst als Prämie a.D. die dritte Gewalt im Staat verunglimpft. Ein korrupter Politiker, der sich mit Versallen umgibt und Speichelleckern, um das eigen Volk am Nasenring, wie ein Ochse über den Markt zu treiben.  

Der italienische Staat ist ein Anachronismus
Der kabarettistische „Anarchist“ Beppe Grillo legt den Finger auf die Wunde und die Jugend versteht ihn. Berlusconi, der Oberdieb und Mafiosi hat sie ausgrenzt. Beppe Grillo gibt der Jugend seine laute u. schrille Stimme. Ein moderner genoveser Savanarola, ohne Ambitionen auf ein Mandat.

Das Volk soll sich nicht Asche auf sein Haupt streuen, sondern seine diebische Politikerkaste enttarnen und nach Hause schicken. Es ist eine Graswurzelbewegung, die selbst, die verloren gegangene Glaubwürdigkeit im Inneren, zurück gewinnen will.

Grillo’s kabarettistischer Anarchismus, seine Bewegung eine Antipartei ist eine geniale Verbindung von digitaler und analoger Welt. Er tourt von Piazza zu Piazza, ist zum Anfassen und gibt seinen Anhängern die Plattform ihren Frust in der digitalen Welt zu artikulieren.

Das wäre so, wie wenn Konstantin Wecker für die Piraten spricht, ohne eine Mandat anzustreben und nur er führt das Wort. Grillo beherrscht eine Arbeitsteilung, die für die Politik neu ist, er stellt auf gewisse Weise einen neuen Politikertypus dar. Uns täte solch eine Trennung auch gut!

Die Jugend Italiens – die Verzweifelten Italiener, insbesondere die klugen Frauen und die pragmatischen Akademiker, die heute ohne Berufsperspektiven sind, sind aufgestanden, haben sich empört und nehmen ihr Schicksal wieder selbst in die Hand. Das sind die Realisten, die sich den populistischen Medien entgegen stellen und von ihrer Realität erzählen, die den Medienmogulen wie Berlusconi gleichgültig sind. Die neue politische Kraft in Italien kommt ohne öffentliche Förderung aus, ohne die Leitmedien, die ihnen kein Gehör schenken. Der Leitwolf zieht von Piazza zu Piazza, ist fassbar und digital vernetzt, er verzichtet auf ein Mandat, weil er eine Regel aufstellt, der auch er nicht genügen kann. (Keiner der Vorbestraft ist, soll ein politisches Mandat ausfüllen, – ein harter Selbstverzicht auf ein Bürgerrecht!)

Wo bleibt bei den Granden der Deutschen Journalistik, in den Redaktion von u.a. der SZ und der FAZ das Engagement für die Sprachlosen? Wieso reden so viele von ihnen den Mächtigen nach dem Munde und verwehren denen die Stimme, die nicht gehört werden? Ihr Selbstbild ist im besten Falle, das des investigativen Aufklärers, aber nicht, das des engagierten Sprachrohrs für die sprachlosen Teile unserer Gesellschaft.

Die politisch denkenden Chronisten Stéphane Hessel und Beppe Grillo geben der Jugend ihren Glauben an die Demokratie zurück, an eine Demokratie die nicht von Parteien bestimmt wird, sondern die themenorientiert, handlungskompetent, prozess- und kompetenzorientiert dem Gemeinwohl dient. Das ist neu und das fühlt sich gut an. Das sind keine Populisten, das sind die wahre Tugendwächter der Demokratie.

Die in Venedig lebende deutsche Journalistin Petra Reski kommentiert in ihrem Artikel – „Der Mann, dem das Lachen verging“, der im Tagesspiegel erschien, die Berichterstattung der Deutschen Medien wie folgt:  „Ja, die Klugheit, die Klugheit! Verflixt und zugenäht! Offenbar ist sie nur in deutschen Köpfen zu finden. Eines ist sicher: Der größte Verlierer dieser Wahlen ist der Journalismus. In Italien. Und in Deutschland. Auch das ist Europa.“ 

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