Offener Brief an die ARD und das ZDF zur Berichterstattung über die Wahlen in Italien


Offener Brief an die Nachrichtenredaktion
der ARD und des ZDF

Liebe Redakteurinnen und Redakteure der Nachrichtenredaktionen,

Ihr habt Euch am letzten Montag, mit der Berichterstattung zur Parlamentswahl in Italien nicht als Aufklärer bewiesen. Vielmehr habt Ihr mit Euren Nachrichten in mir Wut ausgelöst. Wut, der ich jetzt, hier und heute freien Lauf lasse.

Was habt Ihr für ein journalistisches Selbstverständnis, wenn Ihr Fakten auf den Kopf stellt? Ihr nennt es Berichterstattung! Was für Bericht erstattet Ihr?

Es ist meine Wut, weil Ihr mich für dumm verkaufen wollt. Ihr verkehrt Vorzeichen. Gegen besseres Wissen erklärt Ihr den Verlierer der Parlamentswahl in Italien zum Sieger, weil ihr Vergleiche heranzieht, die unvergleichbar sind. Ihr macht Stimmung statt aufzuklären. Ermüdend.

Ihr bezeichnet den zwielichtigen milanesen Silvio Berlusconi als Sieger und zitiert seine Presse, nennt es mirakulös, sprecht vom Wiedererwachen des Silvio Berlusconi. Mit welche Daten belegt Ihr das? Er soll diese Wahl gewonnen haben, wie das denn? – nur weil er nicht ganz so dramatisch verloren hat, wie manchen im Vorfeld behaupteten!

Die Fakten: Er und sein Bündnis hat gegenüber den Parlamentswahlen von 2008 Verluste von 20% hinnehmen müssen. 20%!!! Verschweigt Ihr das, weil er das so, in seinen Medien, vorgeschrieben hat? Weil er seine Niederlage von seinem Presseimperium weich schreiben lässt.  Wie weit reicht der Arm von Silvio Berlusconi, bis in Eure Redaktionen?

Dabei frage ich mich: Wem Ihr mit dieser Art der Berichterstattung dient? Es geht nicht auf, was Ihr dem Publikum verkauft, Eure Daten lassen sich nicht bestätigen, wenn man sich die Mühe macht und das Wahlergebnis analysiert.

In einem landesweit, in den letzten Wochen ausgestrahlten Spot reklamiert die ARD und das ZDF gemeinsam, mit all seiner Prominenz, dass Ihr aufklärt Fakten darstellt und unbestechlich seid. Das Gegenteil wird am Beispiel Eurer Berichterstattung aus Italien wahr.

Was macht ihr? Ihr hättet mit wenigen Klicks im Netzt recherchieren können, die Zahlen aus dem Innenministerium in eine Exeldatei importiert, als Diagramm dargestellt und es wird klar, wer die Wahl verloren und wer sie gewonnen hat. Aber eine genaue Analyse der Wahl war Euch nicht wichtig, keine Diskussion über die Wählerbewegung in der drittgrößten Volkswirtschaft Europas, es ist ja nicht die USA über die Ihr berichtet und es passt ja so gut in Eure Bild von Italien.

Das Eine sind die Interpretationen, das Andere sind die Fakten. Das Ergebnis in Zahlen ausgedrückt ist unbestechlich und eindeutig. Nach der Wahl beschwört Ihr unisono eine Regierungskrise, woran Italien seit Jahrzehnte latent leidet. Die Wahl ist nicht Auslöser, noch ist sie die Lösung der italienischen Probleme.

Ihr werdet den Ausgang der Wahl dafür verantwortlich machen, dass der italienischen Staat den Bankrott erklären wird und behaupten eine Monti hätte das verhindern können. Ihr verdreht die Tatsachen. „Wenn Italien 100 Millionen Euro an Zinsen per anno zu zahlen hat, dann ist es Bankrott!“, das sagt, der von Euch abschätzig beschriebene Politiker und Kabarettist Beppe Grillo seinen Landsleuten.

Italien leidet unter einem Reformstau in allen Bereichen der Gesellschaft. Reformen die längst überfällig sind. Wer sie einfordert und anpackt wird von den Medien Berlsuconi’s verunglimpft und bekämpft, wie z.B. bei der Wahlrechtsreform. Monti hätte sie angehen können, er hat es nicht getan. Dieser Reformstau treibt die Jugend auf die „Barrikaden“. Die Jugend will die Reformen, doch in Euren Nachrichten diffamiert Ihr diese reformwillige Bewegung, beschimpft das Sprachrohr, weil es laut und überdeutlich die Wut der Jugend in Worte fasst. Fürchtet Ihr die deutliche Sprache von Sig. Grillo oder Umberto Ecco?

Wieso ignoriert Ihr Redakteure die Graswurzel-Initiative Italiens? Die Sprache ist eindeutig und unmissverständlich, denn in Italien findet ein Kampf statt zwischen den Generationen, wie wir ihn uns hier in Deutschland nicht vorzustellen wagen. Italien hat heftige innenpolitische Probleme, da ist Europa zweitrangig. Sie ignorieren, dass die neue Partei (M5S) von der Jugend gewählt wird.  Der Anteil der Frauen auf den Listen gleicht denen der Männer und das Durchschnittsalter der jetzt ins Parlament gewählten Abgeordneten beträgt 37 Jahre. Nennen Sie mir eine deutsche Partei, für die das in gleicher Weise gilt?

Aber es ist Ihnen wichtiger den Egomanen Berlusconi permanent ins Bild zu rücken, dabei hat die überwiegende Mehrheit der Italiener diesen Mann satt. Sie wollen Ihn hinter Gittern sehen und das so schnell wie möglich und viele seiner Parteifreunde ebenso.

Wenn Berlusconi sich nicht selbst wieder ins Rennen gebracht und den konservativen Wirtschaftsprofessor Monti unterstützt hätte, wäre Monti in seinem Amt bestätigt worden, aber S.B. wollte wieder an die Macht, um sich der Justiz zu entziehen. Monti hat auf Anhieb 8% der Stimmen hinter sich vereinigt, auch er hat gewonnen und damit Berlusconi erfolgreich verhindert.

Für die Mehrheit der Italiener gilt, wie übrigens auch für die Deutschen:
Erst das Land und dann Europa!

Im Übrigen wird der italienische Reformstau nicht in Brüssel oder Berlin aufgelöst, sondern in Rom und insofern ist das Wahlergebnis eine erfreuliche Bestätigung für den Willen der Italiener ihre Krise selbstbestimmt zu lösen. Die Sieger heißen Monti und Grillo, wenn der Professor sich mit den Forderungen der Jugend auseinandersetzen und ihnen zuhören würde, dann würde er ihren Reformwillen erkennen.

Der Reformstau in Italien ist der Grund für die Wut, dem der Kabarettist Grillo seine Stimme leiht und sie ist absolut gerechtfertigt, denn das Leben ist kein Ponyhof -, oder?

In Tunesien und Ägypten habt ihr die Jugend, die sich übers Internet zusammen gefunden hat hoch gejubelt und die italienische Jugend, die es nicht anders macht, verschweigt ihr. Wieso – ist das keine Graswurzelbewegung? Ihr ignoriert die Bewegung, die sich mit den Mitteln des Blogs und von Twitter organisiert, wie die Piraten? Das passt eben nicht in Euer Bild von Italien.

Da gibt es einen Politiker und Kabarettisten, der der Jugend seit 2005 eine Plattform bietet, den Frust kanalisiert und mit Wortgewalt deren Bedürfnisse in den Äther ruft. Grillo ist einer der sich von den Medien Berlusconi’s unabhängig gemacht hat, unterstützt von Intellektuellen wie Dario Fo, Umberto Ecco und Andrea Camillieri. Sein Lohn, seine Bewegung zieht aus dem Stand mit 25%, als stärkste Einzelpartei ins römische Abgeordnetenhaus ein.

Kein Zweifel, dass dieser Mann kein Heiliger ist, auch kein Messias, vielleicht ein moderner Genueser Savanarola, der auch nicht frei von Widersprüchen ist, was er schon allein dadurch selbst bestätigt, kein Mandat übernehmen zu wollen, ein freiwilliger Verzicht, den wir so von Politikern in unserem Land nicht kennen.

Aber Ihr redet davon, dass Berlusconi der Wahlsieger sei, bei Verlusten von 20%. Ihr werdet es nicht richtig stellen, lieber veräppelt Ihr den Zuschauer und redet Euch raus! Berlusconi hat weder in der ersten noch in der zweiten Kammer eine eigene Mehrheit, anders als nach den Wahlen von 2008. Das traditionell konservative Italien hat sich mit dieser Wahl von Berlusconi befreit, auch wenn seine eigenen Leitmedien einen gegenteiligen Eindruck erwecken will, den dann die Deutsche Presse gerne wiederholt. Wieso eigentlich?

Mit dieser Erfahrung, macht es immer weniger Sinn Euren Berichten zu folgen, auf solche Art von Erstattung von Berichten kann ich verzichten.

Aber was schert Euch meine Meinung, sie bleibt ja ohne Konsequenz für Euch, es gibt niemanden der Euch kontrolliert und fordert, das richtig zu stellen, was Ihr verzerrt dargestellt habt. Das ist ein merkwürdiges Spiel und ich bin enttäuscht und kehre mich ab und höre Euch nicht mehr zu.

Vielleicht reflektiert Ihr Eure Berichterstattung, schaut Euch die Zahlen an und stellt richtig, was richtig zu stellen ist. Kennt Eure Arbeit kein Qualitätsmanagement? Das wäre doch mal ein Format, Ihr stellt einmal im Monat fest, welche Nachrichten von Euch verfälscht ausgesendet wurden und stellt es richtig, aber Ihr seid wohl unfehlbar und insofern ist so etwas nicht notwendig und schon gar nicht in aller Öffentlichkeit.

MfG, Mittwoch, den 28. Februar 2013

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