Journalistentugend II: Wem gehört die Nachricht?


Eine Bewegung aus dem Nichts

„(..) Von seinem Weblog lancierte Grillo die Idee der „Meet-ups“: kleine, renitente Zellen, Hilfe zur Selbsthilfe im Kampf gegen Umweltverschmutzung, Korruption, Mafia. Im Jahr 2005 kam es in Turin zum ersten nationalen Treffen. Von dem kaum jemand Notiz nahm. Jedenfalls niemand von Italiens Politkaste und den ihr zur Verfügung stehenden Zeitungen : „Il Giornale“ und „Libero“ gehören Silvio Berlusconi, die „Repubblica“ und der „Espresso“ gehören dem linksliberalen Finanzier Carlo De Benedetti, Ex-Chef von Olivetti und Fiat, die Familie Agnelli hält sich die Turiner „Stampa“, und die Wirtschaftszeitung „Il sole 24 Ore“ gehört dem italienischen Unternehmerverband. Die „Unità“, ehemalige Parteizeitung der Kommunistischen Partei, gehört einem der reichsten Männer Italiens, dem Unternehmer Renato Soru, Ex-Präsident der Region Sardinien, Gründer der Telekommunikationsfirma Tiscali. Bis auf einen sind alle Privatsender im Berlusconis Besitz, die RAI gehört demjenigen, der gerade die Macht hat, im Zweifel also auch Berlusconi – da mag es nicht erstaunen, dass das Ergebnis eine systematische Desinformation ist. Die auch noch mit staatlichen Geldern subventioniert wird. Die einzige Zeitung, die auf diese Subventionen verzichtet, ist die von einer Handvoll Investigativjournalisten gegründete Zeitung „Il Fatto Quotidiano (..)“. (Petra Reski, im Tagesspiegel, vom 4.März 2013)

Reski’s Bericht ruft in mir die Frage auf: In welcher Weise nehmen die Eigentümer der Leitmedien in unserem Land Einfluss auf die veröffentlichte Meinung? Wem gehört die Nachricht?

Wie frei und unabhängig sind die Redaktionen und die Journalisten? Wer bestimmt den Nachrichtenwert? Wie wird eine Geschichte lanciert? Welches Selbstverständnis wird an deutschen Journalistenschulen gelehrt?

Am Beispiel der Berichterstattung nach den Parlamentswahlen in Italien, wird deutlich, wie aus einer Niederlage der Konservativen, die Journalisten ein Sieg herbei schreiben. Das Bündnis Berlusconis verliert 6 Millionen Wähler gegenüber den Wahlen 2009 (-20%), aber die Journalie vergleicht seine Stimmen nicht mit den letzten Parlamentswahlen, sondern mit Umfragewerten der Monate zu vor. Die Referenzgröße wird beliebig verändert, dabei wird verglichen, was unvergleichbar ist. Die Nachricht wird eingefärbt – manipuliert!

Ist der Journalist ein Chronist der Zeit? Referierend, ein Welterklärer? Der Anwalt der Nachricht selbst, ihr allein verpflichtet zur akribischen Wiedergabe? Ist er Diener der Macht oder der Anwalt der Ungehörten? Mal räsonierend, mal pointierend? Wie engagiert darf der Journalist sein, wie viel Zurückhaltung verträgt Aufklärung? Wem und was verleiht er seine Worte und seine Stimme?

Hans Joachim Friedrichs, der Anchorman der Tagesthemen, wird mit der folgenden Aussage zitiert:

 „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache,  auch nicht mit einer guten Sache.“

Dieser Satz ist verstörend und bereitet mir unbehagen, denn was heißt er ganz konkret? „Gemein“ und „gut“ sind Bewertungen, die im Auge des Betrachters liegen, also zwischen den Ohren, vom Mandelkern getrieben, die im Kopf des Chronisten entstehen. Es sind Interpretationen. Der Satz wird gerne zitiert, wenn Journalisten all zu engagiert vorgehen –  „cool bleiben, aber nicht kalt!“  Wie geht das? Ist das nicht eine contra dictio in termini? Es kommt fluffig rüber und man mag sich damit gerne gemein machen, hat die Aussage das Zeug zu einem Koan oder ist sie sinnleer? Sich nicht gemein machen, meint Friedrichs damit, die Journalistin grenzt sich ab, identifiziert sich nicht mit dem Thema, schützt sich quasi auf einer psychologischen Ebene vor dem Thema selbst – ist es das? Was ist dann wohl das journalistische Selbstverständnis der Emma Herausgeberin Alice Schwarzer? 

In der chirurgischen Diagnostik gibt es die Vorgabe der Superposition, d.h. eine Fraktur eines Knochens wird nur bestimmt bzw. ausgeschlossen, mit einer X-Rai Aufnahme, aus zwei verschiedenen Positionen, d.h. mit zwei Aufnahmen, die sich mindestens im Winkel von 180° von einander unterscheiden. Was wäre so eine Superposition bei der Berichterstattung der Journalisten, sollten sie aus zwei Blickwinkeln berichten, die um 180° gedreht sind, ohne etwas wegzulassen und ohne etwas hinzu zufügen? Die Berichterstatterin soll sich „nicht gemein machen mit der Sache“, heißt das, die Journalistin lässt sich nicht vom Eigentümer des Mediums instrumentalisieren, von einer politischen Ideologie, einer herrschenden Meinung?

Friedrich’s Postulat ist meiner Ansicht nach erklärungsbedürftig. Was wohl die Journalisten, wie Sonia Mikisch, E.D. Lueg, Friedrich Nowottny oder Erich Böhme H.J.Friedrichs entgegnen würden?  Was ist das Selbstverständnis des modernen Journalismus? Gibt es eine Selbstverpflichtung, was ist ein ethischer Journalismus? Einer der nicht manipuliert oder wenn er manipuliert, diese ankündigt?

ARD und ZDF haben in ihrer Berichterstattung zum Ausgang der Parlamentswahlen in Italien keinen Qualitätsjournalismus präsentiert. Sie haben nicht informiert, nicht mit Fakten z.B. zur Wählerbewegung aufgewaretet und den Zuschauer aufgeklärt, sondern bekannte Stereotypen bedient – (siehe dazu die Kolumne von Jens Berger, in der taz, vom 28.02.d.J.).

Da wollte man witzig sein und meinte mit clownesken Vergleichen die Zuschauer am Bildschirm zu binden, mit vergleichen, wie Pizza Grillo und Spaghetti alla Berlusconi usw..

Bierseeliger, sauerkraut-wurstiger Journalsimus. Wie anders artig waren da die Berichterstattung, zu den Präsidentschaftswahlen in Russland und den USA. Gibt es da keine Qualitätsstandarts, keine definierten Anforderungen oder Akzeptanzkriterien? Wäre ja auch blöd, wir würden, aufgrunde der Berichte etwas dazu lernen -, wir sind ja die Unverbesserlichen.

Grillo will informieren, er ist der Typus des Homo journalistucus, der offenbaren will, ganz im Sinne von Joseph Pulitzer. Bei Grillo ist es der Ministerpräsident Bettiono Craxi („mani puliti„), bei Pulitzer war es der republikanische Präsident Theodor Roosevelt (Panama affair 1909).

„I know that my retirement will make no difference in its [my newspaper’s] cardinal principles, that it will always fight for progress and reform, never tolerate injustice or corruption, always fight demagogues of all parties, never belong to any party, always oppose privileged classes and public plunderers, never lack sympathy with the poor, always remain devoted to the public welfare, never be satisfied with merely printing news, always be drastically independent, never be afraid to attack wrong, whether by predatory plutocracy or predatory poverty.“

Sein journalistischer und politischer Erfolg ist seine kabarettistische Rhetorik, er will die politsiche und mediale Macht demaskieren. Er klagt an, wo andere schweigen, lobt, wo Klagelieder ertönen, ist laut, wo andere leise sein würden. Er handelt politisch, ergreift das Wort, wo andere in Starre verharren. Mit seinem Blog ist er Chronist seiner Zeit und Katalysator der Wut, er lässt teilhaben, die, die unerhört sind.

„New principles for journalism, which were: Seek the truth and report as fully as possible on a story; be transparent; and engage the community as an end.“[1]

Die Journalistin entschlüsselt und beschreibt, sie verwortet das Ungesagte, vertont das Umgehörte und illustriert das Unerkannte, sie trennt die Beschreibung von der Interpretation und Ironie. Be cool and burn for the issue!

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