Ballonisieren oder der Mythos von Sisyphus


Heute vor 100 Jahren wurde Albert Camus an der Mittelmeerküste Nordafrikas geboren, die Feuilletons sind randvoll mit Artikeln über das Vermächtnis Camus, dieses Nihilisten und Chronisten des 20. Jahrhunderts, auf den niemand auf Erden und im Himmel gewartet hat, sein Thema war die Vergeblichkeit des Seins. Der Mann, der uns Gedanken wie „Schuld an allem ist die Sonne“ oder „Le monde n’a pas les vérités mais les options d’amour“ hinterlassen hat. Der Mensch in der dauernden Revolte, in dem vergeblichen Bestreben sein Leben human zu gestalten. Ein Beispiel u.v. für die Vergeblichkeit ist, jenes Bemühen des Menschen, frei wie ein Vogel sein zu wollen, fliegen zu können und sich über die Welt zu erheben; nicht mehr der Schwerkraft anheim zu fallen und doch ist nichts ist so vergeblich, wie das Fliegen z.B. eines Ballons, nichts so kurzweilig, ineffizient und doch für jeden der es einmal getan hat, ein unvergeßliches Erlebnis. Sicher ist, das Fliegen eines Ballons wurde nicht von einem Controller erfunden, es waren Träumer und Idealisten die sich diese Aufgabe stellten. Das jährliche Treffen der Nachfolger der Montgolfiere z.B. in Lothringen ist ein kunterbuntes und farbenfrohes Event, eine Ansammlung von Hunderten von Träumern und Idealisten.  So wird das Dahinfliegen mit dem Ballon vor der untergehenden Sonne, je nachdem woher der Wind bläst, über die Wiesen und Stoppelfelder des Vallée de la Moselle oder des Forêt de Verdun, zu einer friedfertigen und kontemplative Meditation. Wer Ballon fliegt führt keinen Krieg, benimmt sich nicht wie ein Räuber und versucht auch nicht zu missionieren, möchte man da sagen. Er inkarniert den Mythos von Sisyphus, er bläht sich auf und fliegt davon und weiß doch wie vergeblich dieses Aufblasen sein wird. Die Wärme entweicht und der Ballon landet und fällt in sich zusammen – kann eine Beschäftigung trivialer sein, als dieses Unterfangen? Am Ende gewinnt immer die Schwerkraft. Und dennoch, wie sagte Camus? „Leben heißt handeln!“

Camus behauptet an keiner Stelle, irgendeine der großen Fragen der Menschheit beantworten zu können, er verspricht keine Erlösung, er lässt sich durch keine Ideologie vereinnahmen – und dennoch ist für mich sein Denken wie eine Art Kompass, der meinem Leben die richtige Richtung weist. Weil es immer wieder daran erinnert, was wichtig ist, was wirklich zählt: Die Schönheit der Welt, die es zu bewahren gilt. Die Sonne, das Meer, das Licht über den Hügeln… die Freundschaft, die Liebe – all das, was uns das Herz aufgehen lässt. Dass wir uns offen halten für die Glücksmöglichkeiten, die die Welt für uns bereithält (und die nicht im Konsum, Erfolg oder anderen äußerlichen Dingen zu finden sind). Dass nur der Augenblick zählt, und dass es nicht auf das Erreichen des Zieles ankommt, sondern auf das Gehen des Weges. Dass man bereit sein muss, aufzustehen und zu widerstehen, wenn es darauf ankommt. Dass man sich nicht schämen braucht, das Glück vorzuziehen, aber dass man sich schämen kann, allein glücklich zu sein. Dass es keine Rechtfertigung für Gewalt und Grausamkeit gibt, und dass es, trotz aller Gewalt und Grausamkeit, in Bezug auf den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt, wie es in der Pest heißt (auch wenn die lieben Mitmenschen diesen Glauben hin und wieder ins Wanken bringen). Es genügt, sich daran zu erinnern, dass wir alle dasselbe Schicksal teilen und dass jeder immer auch eine Verabredung mit sich selbst hat, der er nicht entgehen kann, um diese besondere Art der Zärtlichkeit wiederzufinden, die Camus la tendresse humaine nennt. via @CamusBlog

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