#tweetup – zu Besuch bei Dürer in Frankfurt


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Albrecht Dürer: Bildnis des Bernhard von Reesen, 1521Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden Könnte das auch vom stolz dreinblickenden Selfmademan Albrecht Dürer stammen, wie ihn der Niederländer Jan Mabuse porträtiert hat?
Er würde sicher sagen:
I interact. I listen.
I engage. I inspire.
I innovate – und er hätte damit nicht zu viel versprochen.
Ich treffe Dürer in Frankfurt, auf einem #tweetup, einem PR Event, der vom Staedel organisiert wurde, nicht leibhaftig, aber in Form seines Talents und seines Vermächtnisses. Keine Locke hängt in der Vitrine, kein abgegriffenes Lederetui. Und doch sind seine Werken nicht gedächnislos, sie sind quasi die molekulare Inkarnation seiner mentalen und manuellen Leistungen. Ein Malkasten von ihm ist nicht überliefert, auch nicht die Stecheisen mit denen er die Holzstücke bearbeitete. Was wir haben sind Blätter, Flugblätter, quasi die Buchkunst 2.0, sie sind seit 500 Jahren das Speichermedium, das Abbild und Gedächtnis seines Lebenswerkes. Keine Versteinerung, eine fragile, feinhäutige ganz reale Illusion, mal bunt und mehrheitlich monochrome – eine schwarz-weißes Dürer-Universum.

Das Tweetup ist das Veranstaltungsformat 2.0, wir sind Auserwählte eines Schwarms und während wir dem Kurator zu hören, twittern wir unsere Erfahrung, in Echtzeit in die virtuellen Welt.

Heute sind die Werke von AD – Bilder, Drucke und Zeichnungen  ausnahmslos mit aller Technik abgecheckt, zigfach per X-Ray durchleuchtet, von Firnis befreit, die Luxeinheiten auf Jahre hin berechnet und sauber in Ausstellungspläne integriert. Kunst hinter Glas, so ohne jegliche Volkstümlichkeit. Selbstverständlich alles Originale, wie der Kurator betont. Und, – würden wir denn den Unterschied überhaupt erkennen? Wir die Rezipienten? Ein Zeitgänger des Tweetup kann gar nicht lassen, seine innere Verwerfung kund zu tun, ob nicht diese hier ausgestellte Apokalypse des Johannes ein Faksimile sei, da es doch so sehr den Büchern aus heutiger Zeit ähnele. Wir können nur erkennen, was uns zuvor bekannt war. Überall schimmert Dürers Blocksatz, Dürers Händchen für Schrifttypen, Dürers Design. Letztendlich verhält es sich bei Dürers Wirken, wie mit der römische Baukunst, mit ihren Dachpfannen und Werkzeugen, die unserem Baustil immer noch zum Verwechseln ähnlich ist. Dürers ästhetisches Verständnis ist auch heute noch die Grundlage für unser Bild von der Buchdruckkunst, vom Seitensatz und Umbruch, von den Schrifttypen, von illustrierten Büchern. So wenig ein Musiker an Bach vorbei gehen kann, sowenig kann ein Grafiker, ein Layouter Dürer ignorieren, unweigerlich stolpert er über sein Design.

Die Idee der corporate identity (CI) fußt auf Dürers Monogramm, auf Dürers „Branding“. Dürer der Unternehmer, der homo oeconomicus. Dürer ein Künstler, ein handwerklicher Perfektionist, kein Spekulant wie Rembrandt, kein Knecht seiner Auftraggeber wie Vermeer und Michelangelo. An seinem Platz, unangefochten, die perfekte Symbiose von Verleger und Künstler, im eigenen Haus, niemals allein auf Deputationen eines Herrschers angewiesen, wie da Vinci.

Mein Besuch bei Dürer, Dribbdebach – am Mainufer, war auch eine Begegnung mit dem Dürer meiner Kindheit, mit seinem Geburtshaus als Ausschneidebogen, das als Prachtbau die Welt meiner Spielzeugeisenbahn schmückte; bei Spätzle und Maultaschen oder beim Fondue in der Sophienstraße hier in FfM; am Reisbrett oder am Lichttisch, der Luzie, der Standardausstattung eines jeden Graphikers. Dürer über allen, das große zeichnerische und malerische Vorbild. Bei Dürer die Akelei, der Hase, die betenden Hände, bei uns die Vogelstudien, die gackernden Hühnern und die gurrenden Tauben, die skizzierten Alpenblumen, die zeitlose scheinenden Aquarelle, die ganz im Stile Dürers entworfen sind, sie erzählen von Julitagen, vom Farbenspiel, zwischen Himmel und Erde, auf den Wiesen der Seiseralm, zwischen Plattkofel und Geißlerspitzen. Wie wohl die Hände von Dürer ausgesehen haben? Druckerschwärze in jeder Fingerfurche? Ich erinnere mich an die Reißnägel, die ich immer wieder, wie Himbeeren im Vorbeigehen, mit meinen Gummisohlen vom anthrazitfarbenen Filzteppich pflückte. Mein Bild von Dürer ist bis dato geprägt von Bildern aus Kindertagen, ich sah den Genius, den Löwen, die Nemesis gleichsam auf einer Wolke schwebend, die Kupferstiche, sie machten mich stumm und scheu. Vom Mathematiker Dürer hörte ich nichts, nichts vom homo oeconomicus, nichts vom Unternehmer und Selbstvermarkter. In diesem Jahr wurde bei Christie’s das Flublatt „Rhinocerus“ von 1515 für ca € 641,219 versteigert, auch wieder ein Rekord.

Der Kurator Sander stellt mir einen Künstler vor, der sich behauptet, der sich seines Standes bewusst ist und der sich mit den unauflöslichen Unterschieden arrangiert. Einer der die Symmetrien und Gesetzmäßigkeiten sucht und letztlich auch findet, ohne die katholische Weltordnung in Frage zu stellen. Und ich werde mir bewusst, die Apokalypse des Johannes verlegt Dürer zu einer Zeit, als die Seefahrer, in spanischen Diensten, die Welt erobern, in die Karibik tödliche Viren tragen und mit Gold und exotischen Früchten auf die iberische Halbinsel zurück kehren; Leonardo in Mailand sein Abendmahl vollendete und die Schreckensherrschaft des Dominikaners Savonarola in Florenz endet. Das Jahrtausend steht an einem Wendepunkt, werden wir 400 Jahre später sagen. Wir werden von einer Zeit sprechen, die wir rückblickend als geistigen Aufbruch darstellen, als Beginn der Neuzeit und die Albrecht Dürer, 1498 mit seinen apokalyptischen Phantasien, mit Dämonen, mit Schreckgespenstern illustrierte.

Nach diesem #tweetup wünsch ich mir eine Tafelrunde, mit Dürer auf der einen und Picasso auf der anderen Seite und zu Gast sind Leonardo, Raffael, Michelangelo, Tizian, Hieronymus Busch und Peter Breugel. Und vor ihnen liegen die Schwerter der Zeichenkunst, Pinsel und Palette, sie würden von ihren ersten Bildern sprechen, die sie schon als Kinder in den Sand, an Wände und auf Zigarrenschachteln malten und sich fragen, wo sie waren, als ein Genueser, für Europa die neue Welt 1492 entdeckte.

Mit Dürer auf Reisen durch Europa (eine kurzweilige Animation des hr)

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