Albert Camus – über die Ehre & Tugendhaftigkeit


„In den Kämpfen unserer Zeit habe ich mich immer mit den Hartnäckigen solidarisch gefühlt, insbesondere mit jenen, die es nie vermochten, an einer gewissen Ehre zu verzweifeln. Ich teilte und teile manch einen Wahn meiner Zeitgenossen. Aber ich habe mich nie entschließen können, wie so viele andere, auf das Wort Ehre zu spucken. Zweifellos, weil ich mir meiner menschlichen Schwächen und meiner Ungerechtigkeit bewusst war und bin, weil ich instinktiv wusste und weiß, dass die Ehre (wie das Mitleid) jene unvernünftige Tugend ist, die an die Stelle der machtlos gewordenen Gerechtigkeit und Vernunft tritt.

Der Mensch, den sein Blut, seine Torheiten, sein gebrechliches Herz den allgemein verbreiteten Schwächen ausliefert, muss wohl bei irgend etwas Halt suchen, um sich und infolgedessen die Mitmenschen achten zu können. Darum verabscheue ich eine gewisse selbstzufriedene Tugendhaftigkeit; ich verabscheue die grässliche Moral der Welt, und zwar weil sie, genau wie der unbedingte Zynismus, die Menschen schließlich zur Verzweiflung treibt und daran hindert, ihr eigenes Leben mit seiner ganzen Last an Fehlern und Größe auf sich zu nehmen.“

Albert Camus, Die Wette unserer Generation, in Fragen der Zeit, Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1960/1977, S. 193.

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