Gleichheit ist keine Gleichmacherei


Was bedeutet „Gleichheit“? Die Menschen sind ja nicht gleich, das ist offensichtlich. Meiner Ansicht nach bedeutet Gleichheit, dass jeder die gleichen Rechte und die Chance auf ein gelungenes Leben besitzen sollte, auch das gleiche Recht auf Respekt. Wenn wir alle in den gleichen großen Topf werfen, dann kommt dabei am Ende nicht Gerechtigkeit heraus. So einfach ist es leider nicht. Und dass die Menschen verschieden sind, anders als Roboter, ist ja auch ein großes Glück. ~ Harald Martenstein (Quelle)

Nie zuvor, war die Welt freier, gleicher und brüderlicher, oder doch nicht?
„Gleich ist nicht gerecht“ meint Harald Martenstein in seiner Glosse im Tagesspiegel. Ausgangspunkt der Diskussion, ist die Debatte über die Frage der Inklusion bzw. Integration eines Schülers mit schwerem Down-Syndrom. Christian Füller, Deutschlands Pisaversteher N° 1 antwortet Harald Martenstein hierauf in seinem Blog Martensteins Grundrechte.
Worum geht es eigentlich, geht es um gleiche Chancen, wie es Martenstein meint oder geht es darum Unterschiede zu negieren? Unterschiedliche Tempi beim Lernen, unterschiedliche pädagogische Ansätze, unterschiedliche Charaktere? Einerseits werden die Werte der Diversität hoch gehalten und gleichzeitig werden Unterschiede immer unkenntlicher.
Es gibt keinen Lebensbereich mehr der nicht standardisiert, ökonomisiert und uniformiert wird. Gleichheit ist gleichbedeutend mit standardisiert. Jenseits der Norm gibt es keine Brötchen mehr, gibt es keine zugelassenen Fensterrahmen, keine Bankkredite.
Die individuelle Bedürfnisbefriedigung wird einer standardisierten vorgezogen.
Die Individualisierung jenseits der Standards wird zum Luxusgut.

Jedes Glas Nutella schmeckt gleich. Der Geschmack der Nussmischung wird in solch einem Ausmaß korrigiert, dass Jahrgangs bedingte Unterschiede der Nussaromen negiert und aufgehoben werden. Im Zweifel wird „up- oder downsizing“ praktiziert. Macht der Unterschied noch den Unterschied? What makes the difference? Wie bedrohlich ist der Unterschied? Gleichheit ist das Streben nach gleichen Perspektiven, nach gleichen Raum-Zeit-Dimensionen. Gleichheit ist keine Gleichmacherei, kein Akt anhaltender Synchronisation.

Worum geht es? Es geht darum, dass die Ressourcen zu gleichen Teilen verteilt werden, um mit einem Bild zu sprechen. Wie der Kuchen verteilt wird? Also, jeder den gleichen Teil vom Kuchen abbekommt, gleich groß, gleich schwer und das nicht wie gehabt, nach Interessen und Beziehungen der Kuchen verteilt wird, bzw. jeder das bekommt was er braucht und nicht wer eine starke Lobby hat, bekommt mehr vom Kuchen usw.

Es wird Zeit, mit Mythen aufzuräumen und ein Mythos, den auch Martenstein hoch hält ist, dass wir uns ein besseres integrativeres, inkludierendes Schulsystem nicht leisten können.
Das ist ein Mythos. Staaten sind an ihren Kriegskosten zugrunde gegangen, nicht aber an den Kosten für Bildung. Jeder investierter Betrag für Bildung liefert einen vielfachen Mehrwert. Die Kosten für die Selektion und Dirkrimienierung während des 2. Weltkrieges  sind dagegen auch 70 Jahre nach Kriegsende nicht beglichen und werden es auch nie sein.

Es ginge nur, indem in jeder Klasse künftig drei oder vier Lehrer unterrichten, kein Staat der Welt könnte das finanzieren. ~ Harald Martenstein

Was für eine schöne Utopie, aber immer wieder wird eine grundlegende Reform des Bildungssystems, die an den Bedürfnissen der Kinder orientiert ist, mit der Kostenfrage ad acta gelegt, doch das sind Ausreden, weil man tatsächlich das Bildungssystem nicht dem Grundsatz der Gleichheit unterwerfen will, sondern als Mittel und Zweck zur Selektion und Diskriminierung in Klassen braucht.

Mit den drei Grundwerten der Aufklärung ist es, 225 Jahre nach der französischen Revolution, trotz aller schwülstigen Bekundungen schlecht bestellt. Wir können sehr wohl mehr Brüderlichkeit, mehr Gleichheit und mehr Freiheit wagen, wenn wir mehr Unterschiede zulassen würden und weniger gleich machen. Je größer die Vielfalt desto mehr Freiheit, mehr Brüderlichkeit und mehr Gleichheit, damit nicht weiterhin Herkunft, Rasse und Weltanschauung zum Maß aller Dinge werden.

Die Drei, Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit sind unveräußerliche Grundrechte und deshalb irrt Martenstein, wenn er meint eine Gesellschaft, wie unsere, könne sich eine gemeinsame Bildung vom Kindern mit u.a. Downsyndrom auf einem Gymnasium nicht leisten, sie will es nicht und will lieber selektieren, wie es letztendlich auch an der Rampe von Auschwitz geschah, weil man alles der Gleichmacherei unterwerfen wollte.

Wer es ernst meint mit dem Lernen aus den Ereignissen der Geschichte, der will verstehen wie Selektion zu Diskriminierung führt und nur funktioniert, wenn wir entweder oder statt sowohl als auch denken.

 

 

 

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