Raddatz liest sich schnell, so schnell wie geschrieben


Raddatz’ Schutz war die absolute Offenheit. Geheimnisse hatte es genug gegeben in seinem Leben, vor allem in seiner Kindheit, und die hatten immer nur anderen genützt
(„Der bessere andere“ Faz,27.02.2015)

Was für ein Satz, die Geheimnisse haben immer nur den anderen genutz und seine Antwort ist die rücksichtslose Offenheit. Offenheit ist unangenehm oft unerträglich, da will man dann lieber flüchten und alle Türen hinter sich verschließen. Meine Begegnungen mit F.J.R. fanden über die Zeit statt, die damals für mich noch lesbar war, bis er seinen Kotau mit Goethe hatte, danach habe ich mich kaum noch angesprochen gefühlt, auch weil die Zeit unhandlich ist, sie beschwerte beim Reisen mit dem Zug, zwischen Leiden und Frankfurt.  Ich fand es auch immer störend, wie andere Zeitleser platzräuberisch lesen, irgendwann wollte ich nicht mehr dazu gehören und da waren mir die kleinen Formate, schon auch aus haptischen Gründen lieber, die NZZ. Bloggen ist auch so eine Art des rezensierens. Es braucht Kritiker, das verstehe ich heute besser als damals. Seine Kritiken fand ich oft genug bissig und zuweilen ist das einschüchternd, weil es sich auch schnell liest, was schnell geschrieben wurde und das beeindruckt, zu mal, wenn man nicht so nassforsch veranlagt ist.

Mit seinen Kritiken bin ich aufgewachsen. Reich-Ranicki und er waren die unumstrittenen Helden des Feuilletons. Meine Liebe zu Camus, Büchner und Tucholsky habe ich selbst gefunden, was ich mit ihnen teile ist die Liebe füs Buch und fürs wilde Lesen. Wer der bessere war – jeder war wortgewaltig, vom Leben gezeichnet und kolosal selbstbewusst. Beiden habe ich zugehört, bis zum letzten Satz, wenn sie die Stimme anschlugen, beiden zu zuhören war nie ermüdend, jeder auf seine Weise aufweckend. Fritz J. Raddatz ein maitre pen s eur hat sich um Kurt Tucholsky verdient gemacht. Tucholsky den ich so sehr schätze, wie eben auch die vollständige Werkausgabe von Raddatz.  Dafür Danke ich, zuweilen war er für mich mozartös.

Hier noch eine kleien Auswahl ….
heute so aus dem Forum der FAZ gefischt.

Bo Hansson, „The Grey Havens“, „tiefstes 1,72“, empfahl sich im Moment zufällig, begleitend zur Lektüre dieses Teils des Feuilletons. „Eile mit Weile“ – und auch mit Musik, von der man in manchen Momenten nicht wüsste, ob sie mehr verbürge als enthüllte. Und nun sähe es so aus, als wäre erneut einer der, so gesagt Großen, aus „Feigheit“ und Unvorbildlichkeit zu früh gegangen? Denn man hätte nicht Hand an sich selbst zu legen, sondern nichts zu kontrollieren noch zu kennen; je älter, je mehr? Aber wer wollte das schon so genau wissen, bei einem solchen Leben, welches vermutlich so über-unerlöst gewesen, wie es vermutlich kaum zu denken, noch anzunehmen, noch zu vermuten, noch zu wollen gewesen wäre? Hülle ist Inhalt, Form ist Spiel, Festes ist durchsichtig, die Haut wird Leine. Und dünner noch. (Jürgen Braun, FAZ)

De mortuis nil nisi bene… Er war schnell, er war gut, er war schludrig. Und er war die stilistisch unübertroffene Klatschtante des deutschen Feuilletons. Und außerdem war er das überheblichste Geschöpf, das das deutsche Litarturfeuilleton nach dem Krieg hervorgebrachte hatte. Ohne mehr als zehn Seiten von Ernst Jünger zu kennen, hat er über ihn geschrieben wie ein Großinquisitor. Sagen wir es ehrlich: Er war ein Mensch der sekundären Welt. Aber die muß es schließlich auch geben. Er wollte immer zu den highbrows gehören. Aber die wollten ihn nicht wirklich, weil sie sich längst dem Spektakel zugewandt hatten. Und jetzt hat er sich auf die Reise begeben. Bon voyage, Fritze. …“ Habe mir gerade noch mal seinen Großessay
„Revolte und Melancholie“ aus dem Bücherregal geholt. Ist gut geschrieben. Aber dieser Hang zur Selbstilisierung, um nicht zu sagen Selbstheroisierung, das ist schon bemerkenswert. Und manchmal ist es auch bloß Klugscheißerei. Ich meine, wenn man Camus gelesen hat und dann in Raddatz‘ Text blättert, ist es, als käme man aus einer Mönchszelle in eine überheizte Quasselbude. Trotzdem, wenn man eines Tages einen histologischen Schnitt des dtsch. Zeitgeistes des letzten Drittels des 20.Jrh. macht, werden auch Spuren von Raddatz durchschimmern. Vielleicht braucht es noch Zeit“ (Rainer Gebhardt, FAZ)

„Ich habe spät zu ihm gefunden neben seinen Standardwerken vor allem seine Tagebücher verschlungen und genossen. Göttlich sein Entlarven der Literatenkaste und seine Hiebe gegen den großbürgerlichen Lebensstil von Grass & Co mit allen ihren eher großen als kleinen Eitelkeiten. Er war aber auch alles selbst: eitel, neidisch und boshaft. Erfrischend schön, erschütternd ehrlich, wie er Intimitäten und Beobachtungen aneinanderreihte. Von der Abscheu gegen Dönhoff, der Verachtung des Nachrichtenvorlesers Wickert, bis zur vermeintliichen Geizhaftigkeit des chauffeurisierten Markwort. Er scheint in Würde gegangen zu sein, der FJR. Nur das wollte er – schon sehr früh angekündigt im ersten Band seiner Tagebücher. Schön, wenn es ihm gelungen ist.“(Uwe Schulz, FAZ)

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