Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners


“Wer von Lüge spricht, impliziert immer eine Wahrheit, die wie Förster sagt die Erfindung eines Lügners ist” ist ein polemisches Wortspiel, das die Sache nicht trifft. Die Lüge setzt die Wahrheit voraus, von der sie lebt und in deren Kleid sie täuschend auftritt. Wird sie durchschaut, fällt sie als Nichts in sich zusammen, und die Wahrheit tritt an ihre Stelle. Sie hat also gar kein eigenes, sondern nur ein geborgtes Dasein. Deshalb kann die Wahrheit nie die Erfindung eines Lügners sein. Fassadenkratzer

Ein Polemisches Wortspiel? Nein, so bitter das ist.

“Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.” Es ist alles andere als ein polemisches Wortspiel. Im Anfang war nichts und aus dem Nichts ist alles entstanden. Wie geht das?

HEINZ VON FOERSTER: Damit ist gemeint, daß sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. Meine Auffassung ist, daß die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet – man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition – Krieg. Man muß daran erinnern, wie viele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen. (Interview, Zeit 1998)

Und Spinoza meint:

That which is created is by no means produced from Nothing, but must necessarily have been produced from something existing.”

Wenn wir nicht mehr von Wahrheiten sprechen, von was sprechen wir dann? Wir sprechen  von Realitäten. Jede Wahrnehmung hat seine Realität. Die Vielfalt der Wahrnehmungen, ist wie ein Netz von Kanälen, über die wir die vielfältige Realitäten erfassen. Wie sensibel die Wahrnehmung des Einzelnen ist, ist abhängig davon, wie weit er seine Wahrnehmung schult, auditiv, visuell und haptisch. Die Kunst erweitert die Wahrnehmung, wir können die Kompetenzen unserer Wahrnehmung erweitern; das intuitiv Erlittenen und bewusst Erlernte sensibilisiert und desensibilisiert sie. Die Wahrnehmung unterliegt einem ständigen Lernprozess, der sie dynamisch verändert. Sie befindet sich quasi in einem Fließgleichgewicht von Anpassung und Bildung, d.h. nicht Realitäten werden zu einer beliebigen Größe, vielmehr beschreibt dieser Prozess ihre mannigfaltigen Ausprägungen. Es entsteht ein Bild, an dem immer weiter gemalt, immer mehr hinzugefügt wird, das Bild wird immer komplexer und genauer.

Realitäten die sich materialisieren, stofflich fassbar und begreifbar werden, gewinnen einen absoluten Wert, können gewogen und vermessen werden. Sie sind eindeutig, unmittelbar und unmissverständlich. Solche Realitäten sind von bestechender physischer Klarheit, wie eine Note, die einem Instrument entflieht, wie ein Baum, ein Knochen, ein Mensch, wie Gold, Silber und Edelsteine, wir begreifen sie, wir fassen sie, wir haben gelernt sie, mit unseren Sinnen zu erkennen.

Wir sehen, hören und fühlen nur das, was wir kennen, was wir nicht kennen, können wir auch nicht wahrnehmen. Und das was ich kenne, ist nicht gleich das, was sie kennen. Die Kultur ist nicht entschieden, aber die Kultur entscheidet, sie wird eine mathematisch fassbare Funktion, aus Form und Funktionalität. Es bilden sich Interaktionen, ein „Verflechtungszusammenhang von Elementen“ so nennt das der Philosoph Ernst Cassirer, d.h. jedem Wert x kann eine Größe y zugeordnet werden:  y=f(x) 

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