Wir hatten die Absicht, nichts zu verändern


Ein Fenster, offen nach Osten. Eiseskälte. Sonnenmorgen. Nebellicht. In der alten Spinnerei, an der Dinkel, vom Gezwitscher aus dem Netz geweckt, da eine Phrase von Konfuzius.

„Wenn du die Absicht hast, dich zu erneuern, tue es jeden Tag“

War der Mann Hellseher, besaß er erweiterte Erkenntnisse, hat er einen direkten Draht zum Schöpfer oder kannte er die einschlägigen Lehrbücher der Zytologie? Kannte er die Geschichte von Meta und Ana? Die Geschichten vom Umbau, dem Lesen und Abschreiben der Ribosomen, von den DNA Ketten, vom alltägliche Wahnsinn im Zytoplasma, meinem Tagesgeschäft? Gut, es ist nicht mein Plan, ich hab ihn nicht erfunden, ich bin nur sein Klon, eine Kopie, die nie dem Original ähnelt.  Ich bin einer der kopiert.

Vaterfrei. Mutterbesetzt. Seelenallein. Die Sprache ein Parcours der Möglichkeiten. Wortverbindungen. Frei. Besetzt. Mutter. Seele. Allein. Ich liebe es, – eine andere Geschichte, ich schweife ab, so gerne schweife ich ab. Ein Schweifendenker.

Erschreckt uns die sinnliche Tatsache, dass uns unser Unbewusstsein so umfassend ist? So groß, dass wir es uns die sinnlichen Dinge, mit Appellen in Erinnerung rufen wollen, die täglich passieren, weil wir es sonst nicht merken? Du sollst nicht merken, doch tue endlich, was du zu tuen hast. Könnte auch so ein Aphorismus sein, des ominösen Kunfuzius. Konfuzius ist vielleicht auch nicht wirklich der Name einer realen Figur, wahrscheinlich selbst eine Erfindung, eines an Minderwertigkeit leidenden Zeitgenossen, der seinen Worten Autorität verschaffen wollte, der eine griffige Story brauchte, damit sie Gehör fand.

Die ewige Frage der Werber: „Wie gewinne ich den Augenblick?“ Ich habe etwas anzupreisen, zu verkünden, das uns allen ein Wohlgefallen bringen wird. „Je größer die Lüge, desto mehr Anhänger bekommt sie„. Es kommt nicht auf die Schrittlänge der Lüge an, die Frequenz entscheidet, denn die Schrittlänge der Wahrheit, hat noch nie jemanden interessiert. Das Lob siegt über den Narren, das Böse über das Gute, die Lüge über die Wahrheit, das Destruktive über das Konstruktive, die Trägheit über den Aufbruch, das Ende über den Anfang. Das Reale siegt nicht über das Irreale, weil gleichwohl die Imagination, fürs Auftauchen des Gefühl ausreicht, um sich für oder gegen etwas zu entscheiden.

Lieber Konfuzius, wie so sagst du das? Natürlich habe ich nicht nur die Absicht mich zu erneuern, ich kann es gar nicht anders, ich muss, will ich weiter existieren. Ich baue ständig um, nichts bleibt, wie es ist. Meine Darmwände passen sich an, zur Zeit, an meinen fleischfreien Konsum; meine Muskeln verkürzen und ihr Anteil am Gesamtgewicht nimmt ab, weil ich nicht mehr drei Tage nacheinander jogge, nur noch einmal die Woche trainiere. Die Derivate meines Hauses zeigen mir jeden Tag das Maß der Veränderung an; meine Gesichtsfarbe tönt sich, weil die Sonnentage zunehmen; der Druck im Augapfel steigt, weil ich immer länger auf den Bildschirm starre; die Füße schmerzen, weil ich sie weniger nutze; die Nieren arbeiten reibungslos, weil ich einen Tee, nach dem anderen trinke; meine morgendliche Erektion tritt unwillkürlich ein, weil ich träume und ein wirrer Zellhaufen, in meinem Hals regelt kontinuierlich meine Temperatur.

Mit Händen und Füßen hat es mich gepackt und ich habe nicht die Absicht den Prozess zu unterbrechen, denn, wenn ich damit aufhöre, dann bin ich tot. Der Tod markiert das Ende meine Absicht, mich zu erneuern. Du meinst, ich soll mir das bewusst machen, das wäre die Lösung aller offenen Fragen? Wie hältst du es mit der Intuition? Muss ich mir das wirklich bewusst machen, was ich absichtlich oder unabsichtlich tue; wird meine Welt dadurch besser, ich freier, unabhängiger, weniger bestechlich, für die Eitelkeiten, die das Leben für mich bereit hält, für ein Lächeln, für einen verbissenen Kuss, für ein gieriges „dich will ich„, für ein Kompliment? Wenn ich für jeden Veränderungsprozess, der in mir stattfindet einen Berater bräuchte, dann wäre ich belagert, eingekesselt und unfrei. Ihr Apostel der Veränderung, ich weiß ihr liebt eure Verkündigungen und Heilsversprechen.

Heute gibt es keinen Lebensbereich, der nicht von Beraterkompetenz ergriffen wird, selbst das Unterbewusste wird nicht ausgelassen. War es erst das Spiel mit den Muskeln, dann die Psyche, so sind es jetzt die feinen Künste des Geistes, die vom Coaching entdeckt werden. Der Wortcoach, der Tanzcoach usw., die Liste ließt sich, wie ein Evangelium. Das Beuteschema der Lösungsindustrie ist ständiger Veränderung unterworfen, bis auf wenige Klassiker im „Salesmanagement“. Denn die Jugend kratzt an den Türen und will wissen „wie bringe ich’s an den Mann und an die Frau“, was das Leben noch amüsanter und lebenswerter macht.

Die Erlöser der Neuzeit leben von den Unzulänglichkeiten der Zeitgenossen, vom Fehlen des Talentes, von ausbleibender Leistung, von Bildungs- und Kompetenzlücken, vom Zwang, immer wieder die gleichen Fehler zu machen, von den Widerständen, von den Blockaden.

Die Optimierer sind gefragt, die Fehler ausmerzen, die Unkosten des Lebens mindern. Der Optimiere der meine Hand hält, wenn ich wieder in der Kurve bremse, wo er doch lautstark brüllt: „lass es sein“, „lernst du es nie“, weil ich beim Anfahren, am Berg des Lebens, zu viel oder zu wenig „Gas“ gebe! Der Tuningscoach ist gleichsam das Sinnbild für die Stellschraube, mit der ich alle Mängel meines Seins austarieren kann.

Konfuzius: Wann erscheint endlich dein Bestseller „Das Geheimnis erfolgreichen Coachings?“ Losung: „Wir haben die Absicht uns zu ändern, gib uns die Kraft, unser Selbst zu fühlen, um nicht in die Irre zu gehen, denn wir haben sonst kein anderes Talent, von dem erzählt wird“.

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