Atemlos zum Systemabsturz


„Atemlos durch die Nacht“, so schallt es durchs Land, eine Deutschpolin angelt was ihre Stimme hergibt und die Männer liegen ihr zu Füßen.

Der Text romantisiert einen Atemzustand, wie wir ihn nicht wirklich erleben wollen. „Mir stockte der Atem, vor Schreck oder Bewunderung“, aber doch auch nur für einen Moment. Die Hast liegt in dem Wort atemlos verpackt, dem Getriebensein, dem Hunger nach Luft, wenn einer drei Treppen hinauf gestiegen ist und sich am Geländer festhält, sich vornüber beugt, um tief Luft zu holen.

60% der Bevölkerung in Deutschland sind zu schwer und mit der Schwere kommt die Atemlosigkeit. Der Puls fliegt durch die Halsschlagader, das Herz schlägt gegen die Innenwände, als wollte es sich selbst befreien und die Gehörgänge füllen sich mit Trommellauten der prasselnden Herzklappen. Überfüttert schleppen sich die Satten durchs Land, als ob sich das Rudel, in vorauseilendem Gehorsam, auf die schlechtesten aller Zeiten vorbereitet. Kurzatmigkeit ist zur ziemlich vertrautesten Größe des zivilisierten Menschen herangereift, die besungene Atemlosigkeit hat so wenig mit Liebe und Glück zu tun, wie  ein Schokoladenriegel mit Fitness und eine Lebensversicherung mit dem Leben.

Was hier besungen wird, ist die Umdeutung einer Realität. Es mag, im Augenblick des Verliebtseins, ein Stocken des Atem möglich sein, ein tiefes Atemholen, ein Seufzen folgen, aber doch niemals eine Atemlosigkeit. Jeder Tote ist atemlos, der Tod markiert den Zustand der Atemlosigkeit. Der Weg dorthin führt in der Regel über die Kurzatmigkeit. Der Griff nach dem stützenden Treppengeländer ist ein Vorbote des kommenden Systemabsturzes. Atemlos zu sein, ist ein bedrohlicher Zustand und nicht wirklich erstrebenswert. Wem die Luft weg bleibt, der kann auch nicht mehr adäquate reagieren, finde nicht die befreienden Worte, eigentlich steckt er in einer Klemme. (siehe: „Wege aus der Atemlosigkeit“)

„Der Angler meint es nie gut mit den Fischen“, vielleicht ist das auch so mit der schönen Fischerin und ihrem Gesang? Die Verliebten suchen die grenzenlose Weite und nicht die Enge im Brustkorb. Verliebtsein, so sagt es die klinische Psychiatrie, ist ein psychischer Ausnahmezustand, die Wahrnehmung ist verzerrt und mehr den je wird geschönt, was man sieht, hört und spürt. Anhaltende Atemlosigkeit ruft nach einem medizinischen Check up, denn wo lange Wege und Treppen gemieden werden sind Herzensangelegenheiten nicht selten und helfende Hände gefragt, die nicht durch die Nächte stürmen, die Wege weisen, aus der Immobilität und den schlechten Essgewohnheiten.

Neben der Verleugnung sind die Beschönigungen beliebte Techniken für die Abwehr und den Angriff im alltäglichen Zusammensein der Menschen, ob nun im Privatleben oder im Beruf. Selten wird der Istzustand so beschrieben, wie er wahrscheinlich ist, besonders, wenn man sich dabei auf ausgewählte und wenige Quellen verlässt.

Kein Weg ist ist zu kurz, um ihn nicht mit dem Auto oder Rad zurück zu legen. Stundenlang sitzengeblieben und den Instruktionen gefolgt, zugehört, aufgestanden für die Zigarette im Stehen, so sieht heute, für die schnellen, agilen und die ruhigen, robusten die Arbeitswelt aus. Der oder die Schwere verfängt sich, in einem der vielen Fitnesstempel, radelt und rennt, stemmt und drückt, streckt und schwingt die Glieder, aus allen Poren tropft der Schweiß, während durch die Straßen ein Geruch von verbranntem Fett weht, von einer Fastfoodstation zur anderen; und bald werden dann rasch, in dunklen Kneipen, an braunen Tischen, auf ächzenden Stühlen, in geselliger Runde, die Speicher, mit goldenem Saft, aus langhalsigen Gläsern aufgefüllt.

Die Absurdität greift um sich, die Werber schwärmen von Flexi- und Mobilität, während gleichzeitig immer mehr, immer unbeweglicher und langsamer werden – es erfüllt sich das Gegenteil der reißerischen und lauten Slogans.

Bewegung ist wahrlich in aller Munde; eine neue Studie, ein neuer Ratgeber, ein neues Geschäftsmodell – sie singen Loblieder auf die Beweglichkeit, werden immer schneller und sind mit immer mehr PS aufgerüstet, so lassen sich die Menschen von A nach B kutschieren, von der Wiege bis zur Bahre; der Kinderwagen ist zur Blaupause für die eigene Bewegungskarriere mutiert und den Sarg trägt auch keiner mehr, wenn der Elektromotor den Leichnam leise zu Grabe fährt.

Der Typus Selbstläufer stirbt aus, Bewegung wird erlitten, man wird bewegt statt sich zu bewegen. Bewegung ist ein Ergebnis und keine Haltung, dabei sollte es umgekehrt sein. Der Selbstläufer taucht erst wieder auf, wenn er als Eventteilnehmer, verpackt als Nordic-Walker oder Marathonläufer, am Sonntag, durch die Weiten der Prärie oder durch die abgesperrten Straßen der City, rennt.

Wenn wir unser Bewegungsverhalten nicht grundlegend ändern, fahren wir unsern Organismus an die Wand, weil der Systemabsturz durch unsere Lebensweise vorprogrammiert ist.

Für die Zukunft heißt es deshalb durchatmen, d.h. in der Liebe und im Beruf den eigenen Körper spüren, seine Kräfte entdecken, ausbauen und die körperlichen Potenziale nutzen. Wenn uns das gelingt werden wir auch den mentalen Herausforderungen gerecht.

Was es bedeuten kann, wenn der Arbeitsstress zum Systemcrash führ, zeigt der frühe Herztod des FAZ-Herausgebers und Superjournalisten Frank Schirrmacher. Ein tragisches und fatales Ende für einen regen und aufklärerischen Geist.

Beobachten Sie seine Körperhaltung und Atmung während des Interviews. Fühlen sie nach, wie er atmet, achten sie auf die Schultern, wie bei jedem Atemzug sie hochzieht und das im Sitzen:

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