„Der Mythus des Staates“


Der deutsche Philosoph und Mathematiker Ernst Cassirer, dem die Tugendwächter Hitlers 1933 den Lehrstuhl in Hamburg entzogen, analysierte die gesellschaftliche Situation und prophezeite, dass mit dem aufkommenden Nationalsozialismus nach dem 1. Weltkrieg, das mythische Bewusstsein nicht überwunden, sondern lediglich durch „höhere (intellektuelle, moralische, ethische und künstlerische) Kräfte <gezähmt> werden kann.“ Er sah voraus, wenn  die bindenden Kräfte im sozialen Leben nachlassen, wie es in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg, im Übergang von der Monarchie zur Republik und in der Wirtschaftskrise der Fall war, so wird das Chaos sich wieder erheben und gleich einem mythischen Ungeheuer das Denken der Menschen und deren kulturelles und soziales Leben durch dringen.

In solchen aufgepeitschten Zeiten sind die Menschen hochgradig empfänglich für die Überhöhung von Helden und Dämonen, für die „Personifikationen kollektiver Wünsche“ und Ängste. Der Ruf nach Führerschaft und Diktatur ist dann am lautesten, wenn die Mythenbildung am weitesten voran geschritten ist. Wenn Held und Dämon, Opfer und Täter, wie Aktion und Reaktion miteinander verknüpft sind.

Heinrich August Winkler zitiert in seiner Rede zum 70. Jahrestages des Endes des 2. Weltkrieges Cassirer:

„In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein. In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher. In diesen Momenten ist die Zeit für den Mythus wieder gekommen. Denn der Mythus ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die bindenden Kräfte im sozialen Leben der Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen Kräfte zu bekämpfen.“

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