Siebzig Jahre weiter, aber kein bisschen weiser


Wir sind siebzig Jahre weiter, sind wir auch weiser?

Ich habe mir die obige Rede angehört und mich beschleicht wieder so ein Unbehagen, wie ich es auch nach der Rede des Bundespräsidenten zum vierzigsten Jahrestages erlebte. Wer hat da nicht alles applaudiert und wer soll heute applaudieren?

Keine Rede ohne ein Auditorium! Oder kennen die Reden gar keinen Adressaten, weil sie nur der Selbstdarstellung einer politischen Elite dienen, die uns auf diese Weise erzählt, wie sie selbst gelesen werden wollen, in ihrem ureigensten Geschichtsverständnis?

Jede freie Rede braucht einen Adressaten. Wer sollte mit dieser Rede angesprochen werden?

Die, die den Krieg noch leibhaftig erlebt haben sind mehrheitlich tot. Die überlebenden Zeitzeugen werden immer seltener und in zwanzig Jahren sind all ihre Stimmen verstummt. Wer spricht hier mit wem? Eine Rede an die Deutschen, an die Parlamentarier? Wem galt die Predigt oder die Geschichtsstunde?

Ein Selbstbekenntnis eines Historikers war es auf jeden Fall nicht! Was vom Pult verkündet wurde fand den ungeteilten Applaus des hohen Hauses, doch wie es jenseits der Mauern des Reichstagsgebäudes aufgenommen wurde bleibt unbeantwortet.

Winkler sprach als Patriot für sein Vaterland. Ein geschätzte Haltung an diesem Platz. Die Worte sind rein gewaschen, nicht mehr vom Ungeist der Diktatur kontaminiert, so jedenfalls will es das neue Deutschland und seine Historiker. Im Staatsverständnis des politischen Establishments gehört der Patriotismus zum gesunden Selbst einer Nation.
Unser Selbst musste sich davon nicht befreien, nur von seiner braunen Einfärbung.

Winkler irrt wenn er meint, die Alliierten hätten die Deutschen von sich selbst befreit, die Alliierten haben eine Diktatur beendet, einen perfiden und brutalen Polizeistaat, der sich, aus sich selbst heraus, nicht mehr befreien konnte, so wenig wie die Norweger, die Dänen, die Polen, die Franzosen, die Niederländer und die Österreicher, das aus sich selbst heraus konnten.

Heute ist der Patriotismus wieder schwarz-rot-gold, sauber, nicht mehr gebräunt und damit ist dann auch alles wieder in Ordnung, dann gehören wir wieder dazu, zu all den anderen Nationen, mit ihren patriotischen Mythen.

Die Korrelation ist von der Kausalität getrennt, das eine hat eben mit dem anderen nichts zu tun, das zu mindestens ist die Botschaft, die zu hören ist. Was sich bedingt und wie es mit einander verknüpft ist, in welchem Kontext es steht, wird dabei bewusst ausgeblendet.

Doch Fakt ist, die Schreckensherrschaft des Diktators gründet auf dem Mythos der Superiorität einer Elite gegenüber den anderen Nationen und deren Eliten. Aus Geschichte lernen, hieße sich von Mythen z.B. der Idee der Superiorität und der Idee vom Patriotismus zu verabschieden.

Doch das ist keinesfalls das Ziel, viel mehr werden die Mythe „re-framed“, jetzt heißt es Verfassungspatriotismus und die Superiorität gilt jetzt im Wettbewerb um Marktanteile im Exportgeschäft. Das Re-Framing hat funktioniert, der Waschvorgang ist abgeschlossen, die Bluse wieder weiß! Das haben wir in den sieben Jahrzehnten dazu gelernt.

Die Diktatur hat die deutsche Kultur gründlich kontaminiert, so dass wir auch an diesem Tag die vergessen, die die ersten Opfer dieser Willkürherrschaft waren. Menschen, die Deutsch sprachen und schrieben.

Menschen die in Frankfurt geboren wurden und gleich nach 1933 von selbsternannten Tugendwächtern für un-deutsch erklärt wurden, weil sie nicht so malten, schrieben, musizierten und glaubte, wie von diesen Tugendwächtern bestimmt, weil sie sich in erster Linie als freie Individuen und nicht als Teil einer Masse verstanden.

Die ersten die verfolgt und vernichtet wurden, waren die Städter, die politischen Gegner, die Feingeister, die aufgeklärten Deutschen, die toleranten Bürger, die nicht in Uniform die Straßen besiedelten, die nicht der Idee anhingen, alles gleich machen zu müssen, um wirklich stark zu sein. Die nicht dem Mythos von einem Ideal, einer Rasse anhingen und ihrer Überlegenheit.

Diese demokratischen Deutschen wurden gezielt vertrieben, für un-deutsch erklärt und vernichtet. Das Herzstück des eigenen Selbst der Deutschen Nation. Die Exilanten, wie Walter Mehring und Willy Brandt wurden nach 45 nicht willkommen geheißen, sie wurden als Vaterlandverräter gebrandmarkt und verunglimpft.

Die Rede Winklers thematisierte nicht die siebzigjährige Geschichte, seit dem 8.Mai 45, vom Umgang mit den Überlebenden, sie klammert sie regelrecht aus. War das Absicht oder Unvermögen? Die Geschichte „Danach“, war nicht Thema der Rede des Historikers.
Was die Alte Dame uns zu sagen hätte, ist mehr als was ich heute zuhören bekam.

Es bleibt viel Ungesagtes auch an diesem Tag. Es fehlte u.a. die Erzählung aus den besetzten Ländern; dem Leid der Zivilbevölkerung; von den Frauen und Kindern auf der Flucht nach dem Kriegsende; vom nachsichtigen Umgang mit den Tätern; vom Umgang mit den überlebenden Opfern im Inn und Ausland.

Die Regierung verpasste es, an diesem Tag, mit einer starken Geste, sich, im Namen aller Deutschen, vor allen Opfern der Tyrannei des Diktators, zu verneigen.

„Unter solch eine Geschichte lässt sich kein Schlußstrich ziehen!“

Sagt Winkler, doch was, wenn es aber schon längst geschehen ist? Den ersten Schlußstrich zog die CDU Konrad Adenauers, als sie Täter in Justiz und Verwaltung vor der Strafverfolgung schützte, weil sie den Bock zum Gärtner machte. Es sollten weitere Schlußstriche folgen, bis in die heutige Zeit, wenn z.B. Mitglieder der  Regierung sagen „es gebe keine offene griechische Reparationsfrage“.

Wer die Opfer abspeist und sie betteln lässt, demütigt sie fortgesetzt und verleugnet die bösen Anteil im System. Er hat nichts gelernt, nichts über die Anteile, die erst diese unmenschliche Herrschaft möglich gemacht haben. Der Staatsapparat ist in den sieben Jahrzehnten nicht dekontaminiert worden, d.h. darauf hin bereinigt worden, was diese Schreckensherrschaft erst möglich gemacht hat.

Historiker-Kommission durchforsten Archive und klären die Verstrickungen in den Ministerien und der Verwaltung. Wieso dem Historiker diese Aufarbeitung der Schreckensherrschaft keine Erwähnung wert war, die in die Zukunft weißt, bleibt mir ein Rätsel, auch weil wir es den Befreiern, den Müttern aus Übersee und jenseits des Urals schuldig sind, zu belegen, dass ihre Söhne nicht umsonst gestorben sind, als sie an traten und das Hitlerregime militärisch in die Knie zwangen.

Beschämend bleibt, wie Opfer der Hitlerdiktatur in Amtsstuben um Anerkennung und Hilfe bitten mussten und um die Rückgabe gestohlenen Eigentums stritten, während andere Zeitgenossen ihre eigene Rolle beschönigten und das Schicksal der Opfer, frech und ungeniert, als Kulisse für die Darstellung der eigene Grandiosität instrumentalisierten.

Die Rede Winklers war lückenhaft, nicht seelengroß, kein Aufbruch, der in die Zukunft weist, die Rede hat nicht mit Mythen aufgeräumt, sondern eine „political correctnes“ wiederholt. Die Rede nutzte nicht die Chance Neues von der Politik zu fordern. Wie z.B. eine Wiedergutmachungskultur auf den Weg zu bringen, für Verbrechen und Gräuel die nicht wieder gut gemacht werden kann. Es bleibt Einzelnen überlassen, ihre eigene Weg der „Wiedergutmachung“ zu gehen.

So ein Lehrer aus Köln, weil er es so will, stolpern wir über Namen der Opfer, gehen in die Knie, um zu lesen, wer hier seine letzte Meldeadresse hatte und wo er ermordet wurde. Wir stolpern nicht über die Namen der Täter und nicht über die Freisprüche und milden Urteile. Wieso nicht, ist das unzumutbar? Die Steine sollen erinnern, das wir sie ehren. Aber ist es im Sinne der Opfer, wenn ihre Namen am Boden liegen und mit Füßen getreten werden können? Ob so gedacht, eine angemessene Form des Umgangs mit der Geschichte der Opfer gefunden wird? Steht es zur Diskussion? Wenn nicht, wieso; sind denn die Stolpersteine sakrosankt?

Was haben wir in den vergangenen sieben Jahrzehnten aus dem Erinnern gemacht?
Wir sind siebzig Jahre weiter, aber kein bisschen weiser.

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