Bieder statt proletarisch


Es ist der 13. Mai, die FAZ lässt den ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde, mit der Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, zu Wort kommen. Er schreibt am Ende seines Beitrages das Folgende:

Die globale Kennzeichnung der DDR als Unrechtsstaat ist nicht nur falsch, sie kränkt auch die Bürger und Bürgerinnen der ehemaligen DDR. Seit der Wiedervereinigung vor fünfundzwanzig Jahren wächst zusammen, was zusammengehört. Zum Zusammenwachsen gehört die sorgfältige, differenzierte und unideologische Wahrnehmung der anderen, ihrer Vergangenheit, ihrer Prägung. Die globale Abqualifizierung der DDR als Unrechtsstaat hilft dabei nicht weiter. (FAZ)

Wie ich mich erinnere, sprach Damals, in West-Deutschland, niemand vom Unrechtsstaat. Wir akzeptierten den Zustand, des geteilten Deutschlands, als Resultat des Kriegsendes und der Machtverteilung zwischen den Siegermächten. Wir kannten die Präambel des Grundgesetzes, mit den Versprechen einer deutschen Verfassung, wenn die Teilung überwunden und die beiden Staaten wiedervereinigt sind, aber mehr auch nicht!

Die Erfinder der DDR selber sprachen vom Aufbau einer Diktatur des Proletariats, doch was sie bekommen haben war bestenfalls eine Diktatur der Biedermänner, in Gestalt des Politbüros.

Wir kritisierten den Schießbefehl, die fehlende Pressefreiheit, die Beschränkungen der Reisefreiheit und dabei blieb es letztendlich. Der Status Quo – die Teilung stand nicht ernsthaft zur Diskussion. Auch nicht der Sturz des Diktators, die Regierungen suchten den Kontakt zu Honecker & Co, sie strebten die Normalisierung der Beziehungen, zwischen den beiden Staaten an; hofften, mit dieser Politik der Annäherung und Koexistenz, die alliierte Teilung abzufedern.

Das Politbüro waren nicht länger mehr Schmuddelkinder, ganz im Gegenteil, die Westdeutsche Politprominez reichte die Hand, kaufte ausreisewillige Häftlinge frei, machten Geschäfte mit dem ZK. Sie sprachen im Westen nicht vom Diktator Erich Honecker, wie sie heute vom Diktator Assad in Syrien sprechen.

Wir waren nicht wirklich umfänglich über das Wie im Alltagsleben der DDR  informiert. Wie auch, wir sahen kein Ostfernsehen, keine Spielfile „Made in GDR“, das war a priori uninteressant und deshalb auch überflüssig. Wir wussten von Bürgern in der DDR, die ihre TV-Antennen in den Westen ausrichteten und mit westlichen Devisen in HO-Märkten Westprodukte kauften.

Bei meinem ersten Besuch in Ostberlin, Ende der 70iger Jahre realisierte ich, die Drüben waren über unser Alltagsleben bestens informiert, besser als wir es umgekehrt waren. Wir sprachen vom Aufstand in Ungarn, vom Prager Frühling, von Dissidenten in der Tschechoslowakei, der Sowjetunion, von Bürgerrechtlern in der DDR, die Hausarrest hatten und Literaten, deren Bücher nur im Westen verlegt wurden.

Politikwissenschaftler prägten den Begriff des realexistierenden Sozialismus, weil eine klassenlose, kommunistisch-proletarische Gesellschaft das Ziel war, aber längst nicht vollendet, weil die aktuelle Menschenbildung den Zielen hinterher hinkte.

Heute reden wir vom Unrechtsstaat, von der Diktatur! Heute findet eine Neudeutung statt, die Teilweise Formen an nimmt, die mich bedenklich stimmen, wenn übereifrige Zeitgenossen die Herrschaft des Politbüros, mit der NS-Diktatur gleich setzen.

Ich bezweifele, dass die Mehrheit der DDR Bürger, 1989 die DDR als Unrechtsstaat bezeichnet hätten oder gar als eine Diktatur. Sie kritisierten sie, sie kannten ihre Pappenheimer, sie wussten damit umzugehen, sie arrangierten sich und als sich Lücken im Eisernen Vorhang auftaten, begann eine einzigartige Abstimmung über den Fortbestand der DDR mit den Füßen. Eine Flüchtlingswelle, die den Niedergang des Selbstversuchs, des Aufbaus einer proletarische Diktatur einläutete. Die Lücken in den Vorhang rissen andere, östlich der Oder und jenseits der Donau.

Mit Labels, wie Unrechtsstaat und Diktatur wird Stimmung geschürt. Böckenförde’s Einlassungen in der FAZ überzeugen, seine Analyse ist plausibel, ich kann seiner Bewertung zustimmen. Ich finde, in dem Maße, wie wir pauschalisiert vom Unrechtsstaat reden, behindern wir eine differenzierte Betrachtung der DDR Geschichte. Einer 40jährigen Geschichte, die im globalen Kontext, nur eine Fußnote bleiben wird, wie Stefan Heym es formulierte.

Für mich stellt sich die DDR im Kern, als ein biederes, engstirniges, kleinbürgerliches, paranoides Staatswesen dar – eher eine „biedere statt proletarische Parteidiktatur“, ohne eine freie Presse, ohne eine relevante parlamentarischen Opposition. Die Meinungsbildung fand in Hinterzimmern und in Cliquen statt.

Mit dem Blick eines „Wessis“, der im Rhein-Main-Gebiet sozialisiert wurde, lernte ich die DDR, als ein Sperrgebiet kennen, als ein riesiges Gehege für staatliche Angestellten und eine Insel für Parteifunktionäre, – alles verwoben, mit einer Melange von Biedermännern und Frauen, Kleinbürgern, die die Jagd lieben, die Hausschlachtung und das Tauschgeschäft beherrschen, es sich eingerichtet haben, am Gängelband der Parteigenossen.

Die Provinz sollte eine Idylle sein, so lange man die Gängeleien der Parteigenossen und Stasioffiziere auf Abstand halten konnte und viele konnten es. Eine Idylle, wie wir sie auch im Westen, in der Eifel, im Sauerland, in der Heide oder im Schwäbischen kennen, eine Idylle mit privaten, nebenberuflichem, bäuerlichen, bzw. handwerklichen und nicht gewinnorientierten Unternehmungen.

Und ein Satz, den man mit Blick auf Diktaturen verabscheut, wird beim Erinnern, an die kurze Episode der biederen Parteidiktatur bleiben, „es war nicht alles verkehrt“, z.B. die poliklinische Gesundheitsfürsorge und die Nachbarschaftshilfe. Hier war die Gesellschaft gerecht und frei.

„Zu DDR Zeiten hatten wir keine Wahl, welchen Autoreifen, wir uns kaufen konnten, das haben wir heute und heute, haben viele, viel zu viele Leute, nicht das Geld, sich neue Reifen zu kaufen. Damals war mehr miteinander statt gegeneinander; mehr sharing statt competing unter den Nachbarn.“ (ehemaliger DDR Bürger,1949 geb.)

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