Demnig’s Stolpersteine – Nein Danke


„Es gibt eigentlich keine bessere Form, um die Erinnerung kollektiv wegzutrampeln als Stolpersteine.“

Ein Nachmittag in Trier. Ich war verabredet mit  einer Freundin. Wir trafen uns nach vielen Jahren wieder. Wir liefen zu einem der Kaffees in der Altstadt. Meine Freundin stolperte, nicht physisch, über einen spitzen Stein, sondern gedanklich, über ein Messingschild, das auf dem Weg, vor der Tür eines Geschäftes, in die Pflasterung der Straße eingelassen war.

„Was für ein Unsinn“ und sie wies mit dem Finger auf das Schild. Ihre Empörung war reines Gefühl und ihr Anstoß aus dem Gesicht abzulesen. Ich war überrascht, weil bis dahin unser Gespräch dahin plätscherte, ohne Gefühle und starke Emotionen. Das hatte sich damit schlagartig geändert, sie war empört, aufgebracht und fühlte sich genötigt. Wir haben lange darüber geredet, über die Provokation und darüber sinniert, was Sinn und Zweck dieser Form der Erinnerung ist bzw. sein kann.

„Wir sollen also über die Opfer stolpern?“, frage sie. Warum stolpern, ich hatte gelernt aufzupassen, wo ich hintrete, damit ich nicht stolpere. Es sei „ein Stein des Anstoßes“, gab ich zu bedenken. Sollten wir wirklich Anstoß nehmen, an den Namen der Opfer? Sie wiegelte ab, ich hatte sie nicht überzeugt. „Gehören nicht die Namen der Täter auf die Messingtafeln?“, fragte sie. Sollten wir nicht besser darüber stolpern, über die Täter in den eigenen Reihen?

Kaum hatte ich das Gefühl der Empörung ausgeatmet, fing ich an ihre Kritik zu verdauen.

  1. Wieso eigentlich über die Namen der Opfer der Shoa stolpern?
  2. Was ist das für ein Kontext?
  3. Wohin führt er uns?
  4. Dürfen die Namen vor den Türen reduziert werden auf ihre Opferrolle?
  5. Wie gehen wir mit den Opfern um, was ist ethisch verantwortlich und
    wo überschreiten wir Grenzen?
  6. Was steckt hinter dieser Erinnerungsform?
  7. Wer hat sich das ausgedacht, der Enkel eines Überlebenden?

Ich hatte ein Gefühl, das Gefühl provoziert und genötigt zu sein.
Ich will nicht über Opfer stolpern – Punkt, Schluss, Aus!

Sie nicht mit Füßen treten, ihrer Gedenken, würdig Gedenken, in alter Tradition, vielleicht einen Stein hinterlegen, anzeigen, dass ich ihrer gedacht habe, mich vor ihnen verbeugen, auf gleicher Augenhöhe.

Ich fragte mich, wo erinnert man sich in meiner Heimatgemeinde an die vertriebenen, deportierten und ermordeten Mitbürger. An dem Platz der zerstörten Synagoge? Nein, fern ab am Bahnhof gibt es, seit seiner Renovierung vor zwei Jahren, ein namenloses Wandrelief, aus Stahl – ein Kunstobjekt, das daran erinnert – die darauf abgelegten Steine, liegen nicht lange, werden weg geräumt.

Wie sieht die Erinnerungskultur einer Nation aus, deren Geschichte mit der Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden untrennbar verbunden ist. Es gibt das zentrale Mahnmahl in Berlin, die lokale Mahnmahle vor Ort und seit Demnings Erwachen die Stolpersteine.

Ist das Erinnern an die Opfer Teil unserer Gründungsgeschichte, Teil der Staatsräson unserer Republik? Wäre es verkehrt, wenn in jeder Stadt ein Obelisk, ein Ehrenmahl an die vertrieben, deportiert und ermordet Einwohner der Stadt erinnert? An Jahrestagen der Befreiung erinnern wir uns, reden von Wiedergutmachung, von Restitution und meinen was, ganz konkret damit?

Es fehlt an einer Kultur der Wiedergutmachung dessen, was nicht wieder gut gemacht werden kann. Das aber bedeutet nicht auf eine Kultur der Wiedergutmachung und der Erinnerung zu verzichten.

Alle zerstörten Synagogen könnten wiederaufgebaut werden, könnten Stätten der lokalen Erinnerung sein, für die ermordeten Bürger. Bürger aus unseren Reihen, die zu Fremden zu Feinden erklärt wurden, Nachbarn, Kollegen, Schulfreunde, die Teil der Zivilgesellschaft waren, ob nun in Deutschland, Holland, Polen, Ungarn, der Ukraine und anderswo.

Lässt sich Deutschland von einem Lehrer belehren, die Stadt München zumindest nicht? Was treibt Demnig eigentlich an? Wessen Geistes Kind ist er? Was sagt es über seine Haltung aus, wenn er die Frage nach der Legitimation seines Tuns wie folgt beantwortet:

„Es wäre unbillig, zu verlangen, auf Teufel komm raus alle Angehörigen zu fragen.“

Zum Schluss, das Für und Wieder zu den Stolpersteinen ist auf dem Blog  „Schlamassel“ gut und übersichtlich zusammengefasst.

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