Tucholsky – Herr Krieg, du bist unsere Zuflucht


Zum ersten August
Herr Krieg, du bist unsre Zuflucht für und für.
Ehe die Berge wurden und die Länder und die Welt geschaffen wurden, warst du, Krieg, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Der du die andern Menschen lässest sterben und sprichst: Hinweg, Menschenkinder!
Denn vier Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.
Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sie sind zum Glück wie ein Schlaf; gleichwie ein Gras, das doch bald welk wird.
Das machet dein Zorn, dass sie so vergehen, und dein Grimm, dass sie, sie, sie so dahin müssen.
Denn ihre Missetaten stellest du vor dich, ihre Sünden ins Licht vor deinem Angesichte.
Ihr Leben währet zwanzig Jahre, und wenns hochkommt, so sinds fünfundzwanzig, und wenns köstlich gewesen ist, so ist es schnell dahingefahren, als flögen sie davon.
Wer glaubts noch nicht, dass du so sehr zürnest? und wer fürchtet sich noch nicht vor solchem deinem Grimm?
Lehre sie bedenken, dass sie sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Ehre ihren Kindern.
Und der KRIEG, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände; ja, das Werk unsrer Hände wolle er fördern!

Theobald Tiger (Die Weltbühne, 01.08.1918, Nr. 31, S. 110.)

Es ist bald 100 Jahre her, das „Kurt“ diese Lehren zog u. sie so prägnant auf den Punkt brachte. Wieder und wieder begegne ich seinen Texten, gerade in diesen unsicheren Zeiten, wo alles möglich und das Glück und die Liebe am unwahrscheinlichsten sind. Dass es besser werden würde mit dem Leben, die Widersprüche aufgelöst, die Heucheleien beendet würden, — würden, würden. Schon lauert das nächste Pradoxon, kommt unversehens und schreibt Geschichte.

Höchstwahrscheinlich ist der Tod, das Leben wird immer unwahrscheinlicher, jeden Tag werden wir daraufhin programmiert uns sicher zu fühlen… Sicherheit ist eine Suggestion, die nur mit aller Gewalt und schwer bewaffnet realisiert werden kann.

Wieder und wieder lass ich mich auf Texte von Tucholsky ein und begreife die Vergeblichkeit allen Schreibens, so sehr er auch auf den Punkt bringt, was aus dem Gleichgewicht geraten ist, kann er doch, mit all den Worten nichts gerade rücken bzw. wieder ins Lot bringen.

Schreiben wird zur Tortour, das Niederschreiben der eigenen Realitäten, das Worte in den Raumstellen, das Teilen der Gefühle mit dem andern, wenn man eine Botschaft hat. Schreiben ist das Buhlen um das Verstehen – und auch das muss man fühlen, weil es substantiell sein will, sich materialisiert, immer auch molekularbiologisch – es gibt immer ein stoffliches Äquivalent für das Fühlen. Wie soll ich aber dem andern verständlich sein, wenn ich mich nicht zu erkennen gebe, mein Fühlen nicht in Worte kleide, ihnen nicht die Freiheit gewähre sich auszudrücken, wenn ich alles tue sie unterm biedermeier’schen Gebälk meines Hauses zu verbergen? Worte sind, wie Noten, wie die Farbe Statthalter des Fühlens. Worte erklingen in uns, wenn wir sie erfühlen.

Alles Schreiben ist vergeblich, alles auf den Punkt bringen versandet, wie die Wellenreliefs im Sand der Brandung. Kaum hab ich ein Gefühl in Worte gefasst, wird es vom nächsten Fühlen umspült und verwischt.

Lesen ist Form des Erinnern, sich erinnern an das Fühlen, längst vergangener Tage.
Schreiben ist Vergeben, vergebenen Fühlens. Alles Fühlen heißt fühlen, wie Leben und Sterben in uns, sich, im Mikrokosmos jeder einzelnen Zelle, die Waage hält, bis letzteres den Ton angibt und immer schwerer wird. Schreiben ist eine Tourtour, die Transkription des Fühlens und wir genießen es, wenn uns verkündet und erzählt wird, wenn wir es als Offenbarung erleben, wie der Anbruch des neuen Tages. Schreiben ist eine Zuflucht des Fühlens.

Der Krieg die Zuflucht, die Offenbarung, der rücksichtslosen Unmittelbarkeit des Fühlens….. (bis dahin, Fortsetzung folgt)

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