„Hier find ich meine Zuflucht“ – zwischen Schweinshaxe, rheinischen Sauerbraten und Mülltrennung


Je trouve ici mon asile.
„Hier finde ich meine Zuflucht“

Vor der Höhe, eine kleine barocke Dorfkirche, nach Osten ausgerichtet, hinter und über dem Altar, die hölzerne, taubenblaue Kanzel, mit roten Leisten, einer Taube, die auf einem Olivenzweig sitzt, über dem Fünf-Wort-Satz.

Sie prangt, unübersehbar an der Stirnseite der Kanzel, wie ein Markenzeichen, wie der Slogan einer Werbe-Kampagne Bilder schmückt. Kein christliches Kreuz, eine Taube, eine Aussage – ganz unmissverständlich. Die Kreativen von JvM könnten es nicht besser. Der Kirchgänger kann sich den Zeilen nicht entziehen, er muss sie zur Kenntnis nehmen.

jetouve_Altar_Kanzel

Kein Bekenntnis, eine Botschaft aus einer anderen Welt. Keine hole Phrase einer Absichtserklärung, für eine ersehnte Wirklichkeit. Ein Statement, aus der Zeit des Landgrafen, nach den Wirren des 30 jährigen Krieges, dem Lessing ein literarisches Denkmal setzte, ob verdient oder unverdient, sei dahin gestellt.

Weiter talwärts steht heute ein Obelisk, roter Mainsandstein, aus der wilhelminischer Epoche, der auch an das politische Credo des Fürsten zur Flüchtlingsfrage erinnert: „Lieber will ich mein Silbergerät verkaufen, als diesen armen Leuten die Aufnahme versagen“. Sicherlich, auch dieser Fürst ist nicht uneigennützig, verfolgt ein von wirtschaftlichen Gesichtspunkten getriebenes Eigeninteresse. So what – es ist legitim, wir nennen es heute eine Win-Win-Situation (Quelle).

Asylpolitik hat in dieser Region Tradition, weil sich hier die Wege kreuzen, zwischen Nord und Süd, zwischen West und Ost, weil hier die Verbindungen zu den Küsten im Mündungsdelta und zur Mitte des Kontinents gleich weit sind, weil sich in den Tälern, an den Ufern, von Rhein und Main viele Landsmannschaften niederließen.

Denn auch wir Deutsche sind bekanntlich das Produkt historischer Völkerwanderungen. Unserer Herkunft nach sind wir zumindest ein Mischvolk aus germanischen, keltischen und slawischen Bestandteilen. full text (Peter Vonnahme, Richter a.D. Bay.Verwaltungsgericht)

Flüchtlingspolitik ist immer auch Siedlungspolitik, immer mit wirtschaftlichen Fragen verbunden und es wäre eine Heuchelei anzunehmen, die Antworten seien von Uneigennützigkeit geprägt.

Seit mehr als 10 Jahren und mit zuspitzender Tendenz, bestimmt die offene Flüchtlingsfrage die politische Agenda Europas. Wie am vergangenen Montag greife ich einen Gedanken von Gabor Steingarten auf, den er seinem Morning Briefing voran stellt.

„Unsere Demokratie kann manches ertragen,
nur keine Sprachlosigkeit:Wo vieles unsagbar bleibt,
kommen die Unsäglichen.“

… kommen die unsäglichen Ressentiments in den Menschen auf. An die Stelle einer sachlichen Diskussion, die vom Zuhören bestimmt ist, verschlagen sich die Protagonisten zu persönlichen Angriffen. Proletendeutsch wird ministrabel.

Gabor Steingarten spricht Klartext, wenn er unter anderem sagt: „Die Wirklichkeit ist nicht politisch korrekt. Viele derer, die wir Flüchtlinge nennen, sind in Wahrheit illegale Einwanderer. Sie sind das Opfer von Schlepperbanden, aber nicht von politischer Repression. Sie wurden verführt, aber nicht verfolgt. Wer allen – ohne Ansehen von Herkunftsland und Motiv – großzügig Kost und Logis zur Verfügung stellt, startet ein Bonusprogramm für Menschenhändler.(..) Wir fühlen uns als große Humanisten – und sind in Wahrheit die nützlichen Idioten der Schlepper“

„Die Wirklichkeit ist nicht politisch korrekt“, denn wenn die Politik selbst ohnmächtig ist, bei gleichzeitiger, verbaler Aufgeschlossenheit, dann ist sie selbst Sklave und muss sich kritisch hinterfragen und aufhören das gemeine Volk zu beschimpfen.

Wer, wenn nicht die Politik ist gefragt – die Bürger tragen vernünftige Politik mit – und dies bedeutet aber auch uns einzugestehen, dass wir nur integrieren können, wenn Integration als Wechselspiel zwischen eingrenzen und ausgrenzen verstanden wird.

Mal ganz „braun“ gesprochen, weiß der gemeine Einwanderer, dass er auf eine Zivilgesellschaft trifft, die „fanatisiert“ Müll trennt und jeden anschwärzt, der hier die Regel bricht. Reden wir erst gar nicht über das Steuerrecht. Dem Migranten muss klar sein, dass er auf Schweinshaxe und rheinischen Sauerbraten trifft, weil hier ist die Wirklichkeit nicht politisch korrekt sein kann.

Es müssen Fragen erlaubt sein und Antworten eingefordert werden dürfen wie: Welche Perspektiven die Migranten hier erwarten und darüber, ob wir alle bereit sind eine Exilgesellschaft mitzutragen und was das konkret auf kommunaler Ebene, in den Wohngebieten und den Stadtzentren bedeutet.

Was für Möglichkeiten der wirtschaftlichen Betätigung bleiben den neuen Mitbürgern? Wer nimmt da wessen Platz ein, wer wird da, in unserer „killer“ Ökonomie im städtischen Raum verdrängt?

Andererseits kommen Kriegsflüchtlinge nicht um eingedeutscht zu werden, sondern, die dereinst wieder, in ihr befriedetes Heimatland, z.B. nach Syrien zurück kehren wollen. Werden sie eine Exilkultur aufbauen und wie organisiert sich diese, in der Käseglocke der deutschen Zivilgesellschaft?

Bevor also ein Minister sein eigenes Volk beschimpft, sollte er und seine Regierung seine Hausaufgaben machen. Minister sind keine Schulmeister, dies sollte man denen überlassen, die davon mehr verstehen. Wer Versäumnisse anklagt, muss sich sicher sein, seine eigenen Versäumnisse zu kennen. Ein bräsiger Minister, der lauthals und pauschal Bürger als „Pack“ beschimpft, wie proletenhaft ihre Ansichten auch sind, macht keine gute Figur, ist überflüssig – aber vielleicht ist das ja auch Absicht, weil man eine Lösung der Flüchtlingsfrage gar nicht anstrebt, sondern die damit einhergehende sozialen Verwerfungen braucht, um in deren Schatten rigide Regeln zu installieren, Gesetze und Kontrollen zu verschärfen.

… „vieles unsagbar bleibt“, wie z.B. der Tatbestand, dass die offene Flüchtlingsfrage nicht im Bundestag diskutiert, sondern der Diskurs auf der Straße ausgetragen wird, mit polemischen Parolen und Anfeindungen und nicht erst in den letzten Tagen, sondern seit Beginn des Jahres.

Wir brauchen keine Politik, die sich darin erschöpft Zeichen zu setzen. Wie auch Heute wieder, wenn die Kanzlerin, mit Auftritten auf der Straße glänzt, sich echauffiert statt mit einer ernsthaften Initiative der Regierung die Diskussion im BT zu führen. Wo bleibt das „Integrationsbeschleunigungsgesetzt“, wo das „Hilfsprogamm für Flüchtlinge“? Wie so wird das 10 Punkte Programm von Steinmeier und Gabriel gar nicht diskutiert, ist es doch nur eine Presseerklärung um Eindruck zu schinden? Der Text und seine schwammigen Formulierungen lassen einen das sehr wohl vermuten.

Mehr Schein als Sein, oder ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Da bleibt viel Raum für Spekulationen statt für Antworten. Wer hat da Angst, vor wem? Angst Klartext zu sprechen, wie es Steingarten in seinem Morning Briefing, wie es Broder in der Welt und Seifert in der NZZ tat.

Der Blick zurück zeigt uns, wir können auf eine gute Tradition, bei der Lösung der Flüchtlingsfrage zurück schauen. Lassen wir uns nicht von unreflektierten Reflexen leiten, sondern vom reflektierenden Verstand.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s