Ein „böser“ Flüchtling – TV-Kritik Maybrit Illner


„Ein böser Flüchtling, ein guter Flüchtling“

Um es kurz zu machen, der Talk war unerquicklich. Zu Gast waren, ein linker Ministerpräsident, ein zurückgetretener Vorsitzender des Bundestags-Innen-ausschusses, der Botschafter der Republik Ungarn in Deutschland, eine Anwältin, die 14 Jahre auf die Anerkennung als Asylantin wartete, der Ex Chefredakteur der Welt und Verleger Wolfram Weimer, im Publikum saßen der Syrer Feras, ein illegal eingereister Kriegsflüchtling aus Aleppo und der Chefreporter der Bild Paul Ronzheimer, der den Syrer von der Insel Kos, über die Balkanroute bis nach Deutschland begleitete . Das Thema: „Guter Flüchtling, böser Flüchtling“.

Fangen wir mit dem Syrer an. Er stellt, als Betroffener die richtige Frage, nach dem Wert unseres Asylrechtes:

Warum werde ich hier so freundlich aufgenommen, muss aber gleichzeitig diesen unheilvollen Weg über die Balkanroute nehmen, um in Deutschland anzukommen? Wieso muss ich meine junge Frau in Aleppo zurücklassen?“

In dieser Frage offenbart sich das ganz Dilemma der europäischen und deutschen Asylpolitik. Es gibt keine Landungsbrücken für politisch Verfolgte, für Kriegsflüchtlinge nach Europa. Wer dennoch den Weg nach Europa wagt, ist ein böser Flüchtling, ein guter Flüchtling, kann er gar nicht sein.

Das hätte gesagt werden können – Punkt, Schluss und aus. Die nächste Frage wäre gewesen, was machen wir mit den bösen Flüchtlingen? Die Kanzlerin meint statt mit deutscher Gründlichkeit jetzt mit Flexibilität auf die „bösen“ Flüchtlinge zu reagieren.

Aber dazu kam es gar nicht, weil ja niemand in der Runde wirklich die Frage beantworten wollte, wer hier der Böse und wer hier der Gute ist. Deutschland ist im Chor der Europäer aus Sicht der syrischen Flüchtlinge und des Chefreporters der Bild der gute und Ungarn der böse Polizist. Die Letten, das ganze Baltikum, Finnen, Slowaken, Tschechen, Dänen, Ungarn denken, die Deutschen, die spinnen doch.

Wolfgang Bosbach sah man an, wie weh es tat, dass er dieses Absurdum mit der neuen deutschen Flexibilität erklären sollte, die Politik seiner Parteichefin. Es viel ihm schwer. die neue Richtungsänderung der Kanzlerin glaubhaft zu vertreten. Er, der Mann der für Recht und Ordnung steht, soll illegale Einwanderung dulden, den Gesetzesbruch? Die Kanzlerin ist für Bosbach doch eine Zumutung, man muss sich ihn in seinem rheinischen Wahlkreis vorstellen, er – der Mann klarer Worte und rechtsstaatlicher Prinzipien.

Würde diese Kanzlerin nicht der CDU angehören, dann würde es von Seiten der CDU aber so was von Kritik hageln, die CDU würde es auch nicht unversucht lassen die Kanzlerin, mit einem Mißtrauensvotum vom Stuhl zu stoßen. Jetzt hieß es aber für Bosbach, den €-Rebellen, gute Mine zum bösen Spiel zu machen.

Wenn jemand Deutschland in einen Vielvölkerstaat und eine multikulturelle Gesellschaft verwandeln kann, dann eben die Kanzlerin, unter ihrer Rigide wurde die Wehrpflicht gekippt, der Atomausstieg in Stein gemeißelt und jetzt wird Deutschland so bunt, wie es sich eine Claudia Roth in besten Tagen nicht hat vorstellen können.

Bitte, wer hätte vor 2005 eine Wette darauf abgeschlossen, dass es unter der CDU- Kanzlerschaft zu solchen Paradigmenwechseln kommen würde, allein es fehlt noch die Ehe für alle, aber hier scheint dann doch die Pastorentochter, mit tief verankerten Wurzeln, an ältere Rechte gebunden zu sein. Schauen wir mal!

Das Asylrecht bekommt einen ganz neuen Schliff, unter dem Schlachtruf – we want you, holt sich Deutschland die Jugend der Welt ins Land, damit wir auch in 10 Jahren noch genügend Arbeitskräfte haben – eigentlich die politisch eindeutigste Willenserklärung, die in diesem Talk ausgesprochen wurde.

Menschen sind eben Objekte des Marktes, die man auf Vorrat einlagert und bei Bedarf einfügt – wir haben ja 5000 freie Ausbildungsplätze, als ob die Flüchtlinge keine freie Berufswahl hätten und wir könnten Menschen Arbeitsplätze per Dekret zuweisen. Man fühlt sich in DDR Zeiten zurückversetzt, wo staatlich angeordnet wurde, wer, was, wann werden darf.

Jetzt werden also die überwiegend männlichen Zuwanderer Bäcker, Fleischer, Koch, Maler und Verputzter, Krankenschwester und Kindergärter, Tierwirt und Gebäudereiniger – wissen das die arabischen, überwiegend muslimischen Buben, was sie hier erwartet und die Regierung von ihnen erwartet?

Der Syrer ist ein „böser“ Flüchtlinge, Schengen lässt Grüßen, denn der junge Mann hat gegen das Gesetz verstoßen, weil er nicht bereit war, sich in Ungarn registrieren zu lassen und das gesetzlich geregelte Prozedere zu durchlaufen, wie u.a. die biometrische Registrierung. Weil er selbst bestimmen will, wo er in Europa Asyl anfragen will, das aber sieht das europäische Recht gar nicht vor. Der Flüchtling bekommt Asyl in Europa, aber er kann nicht bestimmen in welchem Land.

Wer sich gegen die biometrische Erfassung wehrt, ist ein Sicherheitsrisiko, so heißt es bei Terrorismusexperten. Wenn der Syrer Feras das tut, dann nicht? In den USA würde er unmittelbar, ohne zögern, sofort in den nächsten Flieger gesetzt werden, schon weil er das Gesetz gebrochen hat, frei nach der Devise, wer solche Gesetze bricht, bricht auch andere Gesetze.

Ist das die neue Flexibilität die Angela Merkel meinte? Braucht es mehr Flexibilität, um der Humanität zu ihrem Recht zu verhelfen? Vielleicht aber ist das Gerede der Kanzlerin, auch nicht mehr als ein hohles Versprechen, wie des Altkanzlers „blühenden Landschaften“. Es kommt halt gut an, vor der Weltöffentlichkeit. „Germany is good!“

Flexibilität beim Prozedere, bei der Verfahrensdauer und hier sprach Bosbach erst, von wenige Wochen, um sich im weitere selbst zu korrigieren – es dauere eben solange, wie es eben dauert, 6 Wochen bis zu drei Monate, „wir sind ja von dem Flüchtlingsstrom überrascht worden“. Lesen Politiker keine Zeitung, der Krieg in Syrien dauert seit 2011.

Der Syrer würde gerne in drei Wochen seinen Status geklärt haben. Die Praktikerin in der Runde, verdrehte bei soviel Optimismus die Augen und warf ein, er würde sich noch wundern, wie lange es wirklich dauert, bis er alle Prüfungen durchlaufen hat – viele, sehr, sehr viele Monate, vielleicht sogar Jahre. Es ist ein langer Weg bis zur Anerkennung, die Balkanroute ist dagegen kurz.

Einig war man sich darin, dass die Verfahren, zur Anerkennung verkürzt werden müssten, der Verleger nannte Zahlen, in der Schweiz würde innerhalb von 48 Stunden entschieden, in den Niederlanden innerhalb von wenigen Tagen.

Bosbach ein Jurist, bis in die letzte Haarspitze, der nie um Klarworte verlegen ist, ließ das Rechtsverständnis des Syrers unkommentiert stehen – hat er bereits aufgegeben, gilt auch das nicht mehr, für die Partei von Law and Order?

Der linke Ministerpräsident und die Anwältin wollen pauschal alle Kriegflüchtlinge aus Syrien mit einem Wisch, ungeprüft und unkontrolliert anerkennen, im Schnellverfahren – schwuppdiwupp. damit sich die Kriegsflüchtlinge umgehend einen Job suchen können – als ob Europas Süden keine Jugendarbeitslosigkeit kennt.

Bei so viel selbstgefälliger Bräsigkeit, wird man sarkastisch und ertappt sich dabei selbst Lösungen zu denken. ‚Vielleicht sollte man erst einmal per Dekret Englisch und Arabisch zur zweiten Amtssprache Deutschlands erklären und die Deutschen in die Englischstunde schicken? Vielleicht aber auch arabische Amtsstuben einrichten, mit allem, was zu einer guten arabischen Verwaltung dazu gehört – Es lebe die Selbstorganisation und Selbstverwaltung. Alles ist möglich – so lange die Werteordnung Deutschlands – zwischen Mülltrennung, Eisbein und Schützenfest, nicht infrage gestellt wird. Optimismus muss kein Zeichen von Schwäche sein. Integration war noch nie so einfach, wie heute. Zu Gast in Deutschland heißt, wir erlernen eure Sprache, denn wir haben ja das Problem, euch nicht zu verstehen, dann läuft es auch mit der Verständigung besser – you are welcome.‘

Jetzt rekrutiert der linke Ministerpräsident pensionierte Rentner, um der Antragsflut Herr zu werden – als ob diese Damen und Herren in ihren Wohnzimmern Däumchen drehen und auf ihren Einberufungsbescheid warten würden. Die unterstellte Sehnsucht nach der Amtsstube, ist auch so ein deutscher Mythos. Die allgemeine Mobilmachung, so könnte man das auch nennen, was sich Bodo, da zusammen träumt.

Die ganze Geschichte erinnert an zwei Kinderbücher, an Pinocchio und seine Kinderschar, die sich ins Schlaraffenland verführen lassen und an die Raupe Nimmersatt. Nie war es so einfach, wie heute – Vergleiche mit anderen Ländern und ihren Zuwanderungsregeln, die ja auch nicht aus Jux und Tollerei so ausformuliert wurden, verhallen. Deutschland ist eine Insel und ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Der Einwand des Verlegers, wieso denn die reichen arabischen Golfstaaten ihren arabischen Brüdern nicht helfen blieb ungehört, wie auch der Hinweis, kein anderes Land in Europa und der Welt, sei bezüglich der Aufnahme von Flüchtlingen so großzügig wie wir.

Und wie war die Moderatorin? Ihre Moderation war schwach, weder spitzte sie zu, noch stellt sie bloß, was an Widersprüchlichkeit bloß zu stellen ein Leichtes gewesen wäre. Sie fasst nicht zusammen, verbindet nicht, schält nicht gemeinsames und trennendes heraus – die Diskussion wird unter ihren müden Blicken zum humorlosen Palaver – Struktur und Führung war gestern. Sie verpasste die Chance, die Praktikerin zu Wort kommen zu lassen, ihre mangelnde Eloquenz quittierte Illner mit Gesprächsabbruch.

Sie ließ sich vom Thema überrumpeln, wie die Politik angeblich von den fliehenden Menschen, weil nicht vorhersehbar sein darf, was nicht vorhersehbar sein soll – es hat nie die warnenden Unkenrufe des Club of Romes gegeben – die Vergesslichkeit und Verleugnung sollte in den Canon der Todsünden aufgenommen werden.

Maybrit Illner machte unter dem Makeup einen müden Eindruck, selber reif für die Insel zu sein – Ach was, Sommer war gestern, wir Deutschen streben und eilen unter Merkel frostigen Zeiten entgegen und die nächste große Welle kommt bestimmt und der Syrer Feras kann froh sein, wenn er in 12 Monaten anerkannt ist und seine Frau nachholen darf, wenn sie bis dahin den Krieg überlebt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s