Marlene, Nicole, Helene – Deutschland im Bann seiner Schlagerstars


Gastbeitrag von Wolfgang van der Rydt

Kein bißchen Frieden, die ewige Nazikeule
und Schmidt und Strauß

Veröffentlicht am 13. Oktober 2015
auf opposition24.de

Das kleine Mädchen hinter der viel zu großen weißen Dreadnaught Gitarre, das 1982 mit „Ein bißchen Frieden“ den ersten Sieg für Deutschland beim Europäischen Schlagerfestival gewann, ist heute immer noch genauso so klein, aber erwachsen geworden.

Nur wenig älter als ich, traf die damals 17-jährige den Nerv der Zeit und begeisterte Millionen mit dem schlichten Lied aus der Schmiede von Ralph Siegel.

Die Achtziger, das war das Jahrzehnt der Friedensbewegung, die Angst vor dem Atomkrieg brachte Millionen Menschen auf die Straße.

Die heile Schlagerwelt konnte sich diesen Realitäten nicht verschließen und machte wie immer ein glänzendes Geschäft mit der Sehnsucht der Menschen nach Geborgenheit.

Nichts daran ist anrüchig, Kunst muss eben nicht immer einen hohen Anspruch und besonderen Tiefgang haben oder, wie einst Goethes Werther, zum Selbstmord anregen.

Damals wie heute waren die Musikfans in mehrere Lager gespalten – Schlager, das war etwas für spießige Feuerwehrfeste und Fernsehabende der Durchschnittsfamilie. Trotzdem konnte niemand diesem Hit entgehen, ob Popper oder Punk, Metaller, die man damals noch Hardrocker nannte, die letzten Hippies oder Tante Emma von nebenan mit dem Radio auf der Ladentheke.

Und irgendwie waren sich auch die meisten Leute einig, dass der Song irgendwie richtig oder berechtigt war, eine gute Botschaft beinhaltete angesichts der ungewissen Zukunft und deshalb ausnahmsweise mal nicht als „uncool“ zu gelten hatte, was auch damit zusammen hing, dass diese Vokabel noch nicht in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch eingezogen war.

Dasselbe gilt auch für andere neudeutsche Vokabeln, wie „Hurensohn“, „Ich schwör“ oder „ich fick deine Mutter!“ – das gab es nur in amerikanischen Filmen über Straßengangs, und wenn, dann auf Englisch: „Motherfucker!“

Trotz der großen Bedrohung durch Nato Doppelbeschlüsse und Tschernobyl war die Welt in dieser Blase der alten Bonner Republik gegenüber heute noch unglaublich übersichtlich und geradezu paradiesisch.

Niemand ahnte den Mauerfall, sondern fürchtete eher zusätzlich zum Krieg noch das Ozonloch und das Waldsterben.

Man hasste Franz-Josef Strauß so sehr, dass man seinen Namen am Ende mit den zwei Sigrunen der SS schrieb und ihn für die Reinkarnation des Führers höchstpersönlich hielt. (red.Anm.: Anachronistischer Zug) Man trug Palästinenser Tücher, weil man sich nicht mehr an das Blutbad während der Münchner Olympiade erinnerte und manche auch klammheimlich oder sogar offen mit der RAF sympathisierten.

Dennoch waren Krieg und Terror weit weg, der Klassenfeind hatte sich ja selbst hinter dem „antifaschistischen“ Schutzwall eingemauert.

Nichts von all den damaligen Ängsten ist so eingetroffen wie befürchtet, das Ozonloch ist weg, der Wald lebt wieder und immer noch reichen die „fossilen“ Brennstoffe aus, um Millionen Autos zu bewegen.

Niemand hätte es damals geglaubt, wenn man ihm das Jahr 2015 in Deutschland, so wie es heute ist, auf einer Videokassette vorgespielt hätte.

Entweder wären wir vollständig ausgelöscht, so dachten wir, wie in den Mad Max Filmen oder John Carpenters Die Klapperschlange oder 2001 hätte der erste Kontakt mit Außerirdischen stattgefunden, wie in Stanley Kubricks Odyssee im Weltall.

Stattdessen ist der Krieg in der Mitte der Gesellschaft angekommen, während der Russe das Weite gesucht hat.

All die Massendemonstrationen gegen die atomare Aufrüstung haben nichts gebracht.

Noch immer steht der Atomraketenwald (red.Anm.;Hunsrück & Taunus) der Amerikaner in Deutschland und ich frage mich, wie wäre es wohl ausgegangen, wenn der alte Franz Josef Strauß sich mit seinen Plänen zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr durchgesetzt hätte?

Hätte sich Deutschland innerhalb der NATO ganz anders positionieren können, wären die USA gegenüber Deutschland weniger dominant?

Hätten „wir“ heute ein ganz anderes Bündnisgeflecht und Deutschland könnte seine eigenen Interessen besser durchsetzen und sich nicht unnötig in kriegerische Konflikte verwickeln lassen?

Wer weiss das schon? Wir wissen nicht mal das nahe liegende und man lässt es uns auch nicht wissen.

Strauß hasste man damals aus Prinzip, weil er ein dicker alter Mann mit einem feisten Biergartengesicht war, genauso wie man sich „Atomkraft – Nein, Danke“ auf die Jutetasche heftete. Die Dinger bekam man von irgendjemanden der älter war als man selbst und der deshalb auch längere Haare trug.

Die Propaganda war langsamer, weil ohne Netz und Handy, aber sie folgte denselben Regeln. Es wurde skandalisiert, gelogen, betrogen, verharmlost, überspitzt, vereinfacht und die Nazikeule geschwungen, was das Zeug hielt, gegen solche wie Franz Josef Strauß, als wäre er für Auschwitz verantwortlich gewesen.

Dabei war er nicht mal in der SS wie dieser Heuchler Günther Grass, dessen Blechtrommel ich nur als Film ertragen konnte, der mich seltsam in Bann zog, ihn aber als abstoßend empfand, wie fast das gesamte Werk der deutschen Filmemacher dieser Epoche.

Schlöndorff oder Fassbinder Filme schaute man sich nur wegen der zu erwartenden Nacktszenen an – schließlich gab es noch kein Youporn und man musste sich damit begnügen, das bißchen sexuelle Revolution als etwas Abartiges zwischen alten behaarten Ex Nazis in Unterhemden, schmierigen Berliner Kleinganoven und Hanna Schygulla serviert zu bekommen.

Strauß ist tot, sein politischer Gegenspieler, Altkanzler Schmidt dagegen lebt trotz oder vielleicht auch wegen seines Kettenrauchens noch immer. Der ehemalige Hitlerjunge – heute gilt er als der Großheilige der Sozialdemokraten – hat nie die Nazikeule zu spüren bekommen

Warum eigentlich nicht? Wieso wagt es kein Journalist den alten Herrn zu fragen, wie viele Menschen er im Zweiten Weltkrieg erschossen hat? Wurde nicht auch unter seiner Kanzlerschaft der Polizeistaat der alten BRD geschaffen im Kampf gegen den Terror der RAF? Waren das keine Nazi Methoden, die Rasterfahndung zum Beispiel?

Es hat sich vieles geändert, während wesentliches gleich geblieben ist. Das muss der Lauf der Dinge sein, so wie meine spätere Einsicht mich zu anderen Urteilen über die damalige Zeit bringt.

Heute singt Helene Fischer als Megastar am Schlagerhimmel einem Millionenpublikum für viel Geld und wenige Stunden bei ausverkauften Konzerten die Depressionen weg. (red.Anm.:bei Youtube ist ihr Video von 2014 fast 25 Millionen Mal angeklickt worden)

Auch wenn „Atemlos“(3:07) nicht dasselbe wie „Ein bißchen Frieden„(4:02) ist, so hat es doch dieselbe Funktion.

Vielleicht ist auch meine Furcht unbegründet, dass bald wieder ein anderes Lied gesungen wird, welches die Menschen, die sich gegenseitig umbringen, miteinander verbindet.

Lili Marleen“ (3:06) sangen im Zweiten Weltkrieg (1940) alle Soldaten in allen Sprachen – Sehnsucht ist eben weltweit ein und dasselbe!

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