„Das Gerücht über die Juden“


Because of 2015 hat der neue Premier von Kanada auf die Frage geantwortet, weshalb er sein Kabinett so besetzt hat, wie er es besetzt hat. Ich mag diesen Satz, weil er mich darin bestärkt zu betonen, in welcher Zeit ich lebe und was mich von anderen Zeiten unterscheidet.

Ich lebe in einer Zeit, wo Diskurse wieder hitziger und totalitärer geführt werden, wo sie zur Glaubensfrage stilisiert werden. Ich denke an den Zauberberg, an einen Artikel von Frank Schirrmacher, an die „große Gereitzheit“ des Jahres 1913, als es bei Thomas Mann hieß: „Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigen Wortwechseln, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen und ganzen Gruppen,(..)“.

In Zeiten in denen Moralapostel den Ton bestimmen und Gesinnung abgefragt wird, ist das Bedürfnis nach klaren Definitionen – was ist was – nur verständlich.

„Ich bitte an dieser Stelle mal um eine bzw. differenzierte Antisemitismus- Definition!“ Sabine v.Lieven auf FB

Es sind Vorurteile die Gerüchte speisen, wie, wenn es heißt, die Franzosen laufen mit einem Baguete unterm Arm durch die Straßen und tragen ein Barett; die Russen sind melancholisch und tragen Bärenmützen; die Spanier temperamentvoll und lieben den Stierkampf; die Deutschen sind pünktlich und  essen am liebsten Bratwurst – Jeder kann diese Liste der Vorurteile und Mythen für sich ergänzen. Gemeinsam ist allen, es sind Unterstellung und nährt die Gerüchteküche.

Ich hab mich dafür geschämt, dass die Deutsche Fussballnationalmannschaft, heute „Die Mannschaft“ genannt, nach dem Gewinn der WM, einen hämischen Tanz aufführte und dabei den argentinischen Gegner verhöhnten – Ich hätte mir gewünscht die Öffentlichkeit hätte sich von diesem Gehabe distanziert, es ist unsportlich, abschätzig und selbstgerecht.

Vorurteile zeichnen sich überhaupt dadurch aus, dass derjenige, der sie vollmundig propagiert sich selbst für großartig und überlegen hält. Solche Art von Selbstlob, Lobpreisung gelten heute viel und werden gerne mit Selbstbewusstsein verwechselt. Mich erinnert diese Haltung an einen Satz meiner Großmutter – „... wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.“ Ich hab mich als Kind immer gefragt, wie das funktioniert? Heute verstehe ich diesen Satz als Kōan, als Paradoxon.

Am Anfang steht das Gerücht!

Antisemitismus ist „das Gerücht über die Juden“, sagt Theodor W. Ardorno. Ich halte das für die präziseste und gleichzeitig freieste Antwort auf die Frage: Was ist Antisemitismus? Und wenn mir was zu Ohren kommt, dann frage ich zu erst, ist das ein Gerücht?

Für mich ist Antisemitismus die Gesamtheit aller feindseliger Interaktionen gegen die Kultur des Judentums, gegen die jüdische Lebensart. Ziel ist deren Diffamierung, Verunglimpfung, Verdrängung, bis hin zur totalen Eliminierung aus dem nicht jüdischen Alltagsleben.

„Aber es gibt diesen feinen bürgerlichen Antisemitismus und den können Sie verschiedenerorts erleben.“ Götz Aly

Deutschland diskutiert in diesen Tagen die Frage, ob das Zuckerbergbashing ein Ausdruck von latentem Antisemitismus ist. Auch ich habe mich dazu hier geäußert, d.h. auf den offenen Brief des Herausgebers der FAZ Jürgen Kaube reagiert. Die Diskussion hat im Deutschlandfunk eine  Fortsetzung erfahren. Götz Aly antwortet hier auf die Kritik an seiner Kritik – hörenswert.

Die Frage lässt sich für mich nicht beantworten, wenn ich mir nicht auch die Gegenfrage stelle. Was ist kein Antisemitismus? Ist ein Altersgedicht von Günter Grass, die Politik der EU Kommission antisemitische oder nicht? Die Kritik an politischen Verhältnissen ist für mich kein Antisemitismus.

Die Politik israelischer und jüdischer Politiker ist nicht sakrosankt bzw. unfehlbar.

Michel Friedmann, der MP Netanyahu, wie auch der Zentralratsvorsitzenden Schuster sind Politiker, denen ich politisch begegne. Es waren jüdische Mitbürger, die sich für den Parlamentarismus und gegen die Monarchien, für die Gewaltenteilung und gegen den Totalitarismus aussprachen. So ist es nur logisch gewesen, dass der neugegründete Staat Israel sich 1948 eine demokratische Verfassung gab und sich als parlamentarische Republik definiert.

Der Umgang, die Wechselwirkung entscheidet.

Jeder kann sich selbst in den Schritt greifen und einem Test unterziehen, sich selbst befragen – wie weit geht meine Wertschätzung und wo hört sie auf? Ist meine Haltung von Vorurteilen geprägt oder realen Erfahrungen, sind es Unterstellungen und Gerüchte, die meine Kritik bestimmen oder konkrete Erfahrungen? Wir alle sind Menschen, niemand ist unfehlbar – auch die Kultur ist nicht unfehlbar, auch nicht eine religiöse Kultur.

Vielmehr noch ist für mich die Kulturkritik selbst Teil der jüdischen Kultur, wie die Kultur der Bildung, des Lesens, des Übersetzens, des Verstehenwollens, des Hinterfragens – Die Aufklärung ist Teil der jüdischen Kultur, wie die Pflege der Traditionen, die unverfälschte Transkription der Schriften – Die Liebe zur Musik ist Teil der jüdischen Kultur, wie auch der Gedanke der Toleranz, der Meinungsfreiheit und Gesetzestreue.

Bin ich ein Antisemit, wenn ich mich gegen die Verlegung von Stolpersteinen ausspreche?

Ich lehne Stolpersteine als eine Kultur der Erinnerung an die Ermordeten der Shoa ab. Selbstverständlich toleriere ich die Verlegung, aber ich halte sie für eine unwürdige Form des Erinnerns. Ich teile die Kritik Charlotte Knoblochs an dieser Form der Erinnerung. Doch würde sich meine Kritik an dieser Stolpersteinkultur darin erschöpfen, dem Kölner Initiator Gewinnsucht zu unterstellen und niedere Beweggründe, streute ich ein Gerücht über seine Motive, dann ist meine Kritik sehr wohl antisemitisch. Es heißt, in jedem steckt ein Antisemit! Deshalb prüfe sich, wer dazu Stellung bezieht.

Gerüchte und Unterstellung sind das Schmiermittel aller Vorurteile und insofern liegt mir die Adornosche Definition – das Nomen ist in der Aussage austauschbar und das erinnert mich an Kants kategorischen Imperativ.

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