Er ist wieder in aller Munde


Er war nie wirklich fort. Als ich noch ein Kind war, an einem fernen Ort, in einer anderen Republik, dachte ich, so wie man über diesen Bösewicht spricht müsste es eigentlich überhaupt keinen Zweifel darüber geben, dass dieser Mensch aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt gehört, verbannt in die hinters Ecke des Universums.

Das Gegenteil ist der Fall – der Tyrann ist so present, dass man getrost sagen kann, er war nie weg und so kann der aktuelle Hype um die kommentierte Neuausgabe seines politischen Manifestes, meines Erachtens nicht als Beitrag zur Aufklärung verstanden werden, sondern als ein wiederkehrender Marketingcoupe. Es geht darum das Tyrannenbekenntnis mit blutigen Anmerkungen jetzt auch im neuen Deutschland marktfähig zu machen, d.h. die Marke des Diktators, mit den Mitteln des akademischen Diskurses moralisch aufzuwerten. Für mich kann es nur eine Absicht geben, die Marke des  Tyrannen zu dekonstruieren und nicht neu zu erfinden.

Die Herausgeber des kommentierten Manifestes – es sei angemerkt, ausschließlich Männer – reklamieren für sich, die Schrift mit den Anmerkungen zu entmystifizieren, sie von einem Geheimnisse umwitternden Flies entkleidet zu haben. Das ist anmaßend und nichts anderes als der Ausdruck eigener Selbstüberschätzung, aber wie sollte man auch diese Neuedition, 70 Jahre nach dem Tod des großen Diktators anders rechtfertigen, als mit solchen Versprechungen, dabei ist sie so überflüssig wie ein Kropf, weil sie nichts wirklich Neues hervor bringt. Es gibt längstens kluge Erwiderungen und Kommentare zu der Bekenntnisschrift. Beachtenswert finde ich die Arbeit von zwei Autorinnen – Eine von ihnen hat schon früh einen wichtigen Beitrag zum kritischen Diskurs geliefert, während andere noch vom Tyrannen schwärmten.

Da wären zu nennen die Streitschrift von Irene Harand aus dem Jahr 1935, mit dem Titel „Sein Kampf“ und die Kommentierung von Barbara Zehnpfenning aus dem Beginn des Milleniums, Hitler Mein KampfDie neueste vom Institut für Zeitgeschichte editierte Ausgabe präsentiert uns letztlich jedoch nur alten Wein in einem neuen Fass. 

Dem Manifest des Tyrannen fehlt es keinesfalls an Aufmerksamkeit. Mit wenigen Klicks hat man sein politisches Bekenntnis auf dem Bildschirm und man kann sich der Sprache des Despoten hingeben und wird merken, dass es fraglos unnötig ist, den Text Wort für Wort zu lesen, es reicht sich ihm kursiv zu nähern, um die wichtigen Passagen, seines politischen Geschäftsmodells zu erkennen – die haben es dann aber auch in sich, auch weil sie an Aktualität nicht eingebüßt haben und fortgesetzt als Blaupause der politischen Propaganda dienen. Hierin verbirgt sich das toxische seines Bekenntnisses, wenn er messerscharf und systematisch darstellt, wie er seiner Bewegung empfiehlt Meinung zu machen. Er versteht, wie man Meinung als Herrschaftsinstrument nutzt, um gegen die praktischen Vernunft an, die Massen für seine Ziele zu mobilisieren, wie man ein Feindbild aufbaut, Verhalten beeinflusst, um den eigenen Größenwahn zu rechtfertigen.

Das Tyrannenmanifest hat eine breite, weltweite Leserschaft, gerade auf dem indischen Subkontinent wird er gerne gelesen, von Berührungsängsten kann keine Rede sein. Das Interesse an „Mein Kampf“ ist jenseits des europäischen Kontinents ungebrochen. Amazon vertreibt munter das Bekenntnis, er kennt keinen Bann, wie sehr wohl die Streitschriften des deutschen Autors Akif Pirinçci fortgesetzt verbannt bleiben.

Wer Geld und Aufmerksamkeit sucht und des Erzählens mächtig ist, kann mit den Initialen und dem Konterfei des Tyrannen seine Finanzen sanieren. Der Tyrann ist eine sichere Bank, denn der, der jawohl in der Hölle schmort, kann sich über die allgemeine Aufmerksamkeit, die ER genießt, nicht beklagen, während mit der Zeit alle seine Kritiker in Vergessenheit geraten – Die Medienmacher wissen, dass der Bösewicht immer eine pekuniären Wert hat, egal was man von ihm erzählt. Selbst wer aus dem Hut einen Fingernagel des Tyrannen zaubert, wird sich einer breiten Aufmerksamkeit sicher sein, er muss es nur gut erzählen. Timus Vermes hat es vorgemacht – er kann sich wohl kaum über sein Geschäftsmodell beklagen.

Wer aber spricht von Irene Harand, der Österreicherin die 1975 in New York verstorben ist und eine mutige und beherzte Kritikerin war, die sich nicht scheute zu Lebzeiten des Diktators eine Streitschrift gegen sein Manifest zu formulieren. Es ist lesenswert und gehört zum Besten, was ich in dieser Hinsicht zu lesen fand. Sie entmystifizier bereits 1935 den Narrativ ihres Landsmannes und findet einen passenden Titel dazu. Sie hat klug erkannt, dass schon sein Titel eine Farce ist und antwortet ihm mit „Sein Kampf“, um seinen, in der Festung zu Landsberg fabulierten Größenwahn zu demaskieren.

Schon der erste Satz seines Traktates ist eine Offenbarung – „Als glückliche Bestimmung gilt es mir, dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies“ – Was für ein verbogener Satz, es fehlen ihm Perspektive und Abstraktion zu gleich, sie kommt pathetisch daher, während sich die Welt um ihn herum, in den „goldenen 20iger Jahren“ der neuen Sachlichkeit, in allen Lebensbereichen stellt.

Während ich den ersten Satz verdaue, sehne ich mich nach dem messerscharfen Realismus von Gustav Courbet und denke an zwei Bilder, an „L’Origine du monde“ und sein Selbstbildnis(Le_Désespérémit den weit auf gerissenen Augen.  Realismus statt Pathos.

Was wohl seine Mutter, ihrer ziemlich besten Freundin, über die Umstände der Geburt des späteren Tyrannen zu erzählen hatte? Was? War es eine schmerzhafte, dauernde Geburt, hat sich mit den Wehenwellen ihr Enddarm entlastet? – Wo war der Vater, saß er mit Freunden in einer verauchten Eckkneipe? Wer half der Mutter in den Stunden, die uns den selbsternannten Heiland bescherte? Können wir diese Geburt rückblickend als ein Fest begreifen oder als Heimsuchung, als Menetekel der Weltgeschichte verstehen? Das Baby A.H. ein Wonneproppen? Was wäre uns erspart, wäre diese Kind an seiner eigenen Nabelschnur erstickt. Es wäre ein Segen gewesen – zweifellos.

Auch ein Dämon muss erst geboren werden! Leider gibt es noch kein Verfahren, welches uns hilft schon zu diesem Zeitpunkt den Dämon vom Heiland zu unterscheiden. Man wird zum Despoten, die Tyrannei ist das Ergebnis eines Prozesses – jeder Mensch ist potentieller Heiland und Tyrann zugleich.

Wir wissen nicht, welche Umstände die Mutter veranlasste in Braunau ihr Kind zur Welt zu bringen, ob die Wahl des Ortes schicksalshaft war oder der ganz praktischen Vernunft folgte. Aber schon im ersten Satz seines Traktats erkennen wir den Narrativ des Tyrannen, er ist nicht frei von okkultischem Denken – der Mann hat es nicht so mit dem Realismus, was sich ja dann auch in seinem ganz Wirken offenbart, denn welcher Wahn ritt ihn, dass er meinte mit einem Höllenfeuer die Welt zu neuen Ufern führen zu können.

Die Frage ob es Deutschland genutzt hat, dass die Edition des politischen Manifestes 70 Jahre verboten war und ob jetzt die Neuedition uns klüger macht, hat sich für mich erledigt, weil wer das Bekenntnis des Despoten lesen wollte konnte es zu jeder Zeit. Er war ja nie wirklich weg, auch weil er letztendlich wöchentlich in Funk und Fernsehen, in den Printmedien präsent blieb.

Wie sollte man unter dieser medialen Dauerbefeuerung den Tyrannen vergessen, wohin gegen seine Kritker allesamt vergessen wurden. Ab und zu flammt ein Licht auf, dann erinnert man sich an den einen oder anderen Kritiker – „Sein Kampf“ von Irene Harand sollte nicht vergessen werden.

Und so kommen mir die von Marcel Reich-Ranicki viel zitieren Zeilen von Bertold Brecht in den Sinn – „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Offene Fragen  bleiben z.B., was macht einen Tyrannen zum Mythos? Wieso geben wir dem Tyrannen und seinen Schriften mehr Aufmerksamkeit, als seinen Kritikern, die allesamt gerne vergessen werden. Wieso fühlen sich immer wieder Männer berufen uns die Welt zu erklären, wieso geben 4 Zeitgeschichtler die Neuedition heraus, wurden Historikerinnen überhaupt gefragt?

Das Buch ist nicht die Blaupause für die Herrschaft des Nationalsozialismus, es ist die Bekenntnisschrift eines Tyrannen, womit er sich erfolgreich in den öffentlichen Diskurs der 20 Jahre einbrachte und somit seine Anhängerschaft hinter sich versammelte.

Ein Vorgehen, eine Praxis die heute jeder Kandidat beherrscht, der höchste Ämter anstrebt – Wir werden überflutet mit politischen Heilsversprechen und keinem dieser Traktate fehlt es an Feindbildern und Erlöserphantasien – so wie einst dem Tyrannen – einem Meister der Finsternis, als er aus der Haft in Landsberg sein Bekenntnis fabulierte – Offen bleibt für mich, ob die Neuedition, das vom Tyrannen praktizierte Prinzip der bösen Absicht demaskiert?

Es wäre wünschenswert die kommentierte Edition würde in common license online ins Netz gestellt, damit sich jede kommerzielle Nutzung des politischen Bekenntnisses nicht mehr rechnet – denn mir wird übel, wenn ich sehe, wie schnell sich mit der Marke des Tyrannen Aufmerksamkeit generieren und damit auch Geld verdienen lässt.

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