Helau und Alaaf


Wer hat Angst vorm Karneval? Niemand und wenn, dann laufen wir! Wer kennt das Spiel nicht? Wir spielten es regelmäßig in den unteren Klassen der Mittelschule zum Schluss der Sportstunde.

Es ist mir nicht klar ob im Sengal oder Nigerdelta ein ähnliches Spiel gespielt wird – Wer hat Angst vor dem weißen Mann und wenn, dann laufen wir. Doch es wird ihnen kaum geholfen haben, weil die Häscher der europäischen und arabischen Sklavenhändler sie zu Pferde, mit Schwert und Schießgewehr jagten.

Die Kinderspiele auf der Welt sind ein weites Feld für Studien der Kultur-Anthropologie. So kennen sie in Syrien und im Irak auch das Spiel „stille Post“, hier heißt es dann bloß „kaputtes Telefon“, das Ergebnis ist das Gleiche. Was kommt dabei heraus, wenn man eine Nachricht verschickt? Wie und durch was verändert sie sich? Das Spiel ist ein Lehrstück zur Theorie der Kommunikation. Wir hier halten die Lautstärke und die Arabischen Muttersprachler den technischen Defekt für die Ursache der entstellten Information. Sie schauen auf das Objekt und wir auf das Subjekt!

Es ist immer eine Frage der Perspektive, eine Frage des Point-of-View, was wir sehen und meinen erkennen zu können. Wahrnehmung hat sehr viel mit Illusion zu tun (Rubber hand illusion); sie ist ein Rechenprozess in unserm Kopf, der uns Auskunft darüber gibt, was wir aller Wahrscheinlichkeit nach erwarten. Auch Ängste sind das Ergebnis eines Rechenprozesses, es sind Annahmen, für wie wahrscheinlich wir halten, das bestimmte Ereignisse eintreffen – ob uns nun einer bedroht oder ob er uns Möglichkeiten eröffnet.

Die Zuwanderer aus dem Orient haben keine Angst vor Europa, sie haben Angst vor den Despoten in den eigenen Reihen und sie laufen in Scharen davon und die neue griechische Regierung hält sie nicht davon ab, anders als die spanischen Kollegen in Ceuta und Melilla auf dem afrikanischen Kontinent.

Die Scheinheiligkeit der EU in der Flüchtlingsfrage offenbart sich gerade an diesen Orten. Ist das nun eine europäische oder eine spanische Grenze? Spanien macht, was die Griechen verweigern. Wer ist dann aber hier der böse Mann? Von wem sollten wir Angst haben? Spanien wird nicht länger mehr von einem Parteifreund Schäubles, sondern demnächst von einem Parteifreund von Alexis Tsipras regiert. Wir werden sehen, was sich in den nächsten Monaten ändert! Europa könnte wieder afrikanischer werden, wie vor 10 Tausenden Jahren.

Für die Menschen jenseits des europäischen Kontinents muss Europa das gelobten Land sein, wo Milch und Honig fließen, zu mindestens schon deshalb, weil sie hier auf verlässliche Rechtsstrukturen treffen, befreit vom Einfluss korrupter Administrationen.

Who is afraid of Germany, könnte der Buchtitel eines europäischen Bestsellers ein. Geschrieben von einer Politikwissenschaftlerin, die als aufgeklärte Cosmopolitin das Neue Deutschland den europäischen Nachbarn und der Welt erklärt. Das Buch muss noch geschrieben werden und seit den Tagen der einsamen Entscheidungen der Administration Merkel, wird es wohl immer schwerer werden zu erklären, warum die Nachbarn keine Angst haben müssen, vor einen starken Neuen Deutschland.

Jussuf, ein Syrer, mit einer guten Asylprognose schüttelte in der Deutschstunde den Kopf  darüber, wie kompliziert Deutsch ist. Warum heißt es die Tür und nicht das? Es heißt doch auch das Dach, das Fenster, das Bett, das Haus und heißt es nicht, der bestimmte Artikel Das ist sächlich? Wieso heißt es das Wasser, das Kind, sind sie denn sächlich? Wieso ist der Tisch männlich und die Taste weiblich? Wieso heißt es das Glas und die Brille, gibt es denn dar gar keine Logik? Es handelt sich bei dieser Zuordnung um eine grammatikalische und nicht um eine biologische Zuordnung. Der, die, das sind grammatikalisch Begleiter, ein Konstrukt zur sprachlichen Unterscheidung von Worten, sie beschreiben keine Seinszustände. Worte haben kein Genom, wie lebende Zellen, besitzen kein Geschlechtschromosom. Die Artikel beschreiben einen immateriellen, sprachlichen Sachverhalt.

Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Jussuf macht ein fragende Handbewegung und hebt seine Augenbrauen. Ja, Himmel Herrgott Sakrament, Kreuztürken noch einmal, wieso heißt es die Schule, das Schulhaus und der Schüler? Wir sagen Almanach, Algebra und Alkohol, die arabische Herkunft ist unverkennbar. Das „al“ geht uns leicht von den Lippen. Wir sagen Elexier – der Stein der Weisen und das heißt im arabischen al-iksir. 

Ja, vielleicht sollten wir im Rahmen der Genderdiskussion auf Der und Die verzichten und stattdessen al bzw. de sagen, unisex eben! Ein Artikel für alles!

Könnten wir die Befreiung der Deutschen Sprache von den bestimmten und unbestimmten Artikel als einen Fortschritt deuten? Es könnte eine Maßnahme zur Integration sein. Die Zuwanderer würden es sicher dankbar goutieren – Es wäre aus ihrer Sicht ein kleiner Schritt für die Deutschen und ein großer Schritt für die Menschheit.

Es verläuft eine imaginäre Grenzen durch Deutschland, sie trennt den katholischen vom protestantischen Teil. Eine Kulturgrenze zwischen denen, die am Rosenmontag die Sau raus lassen und jene, die angewidert über die Maskeraden der Nachbarn, nur den Kopfschütteln und die dann lieber im Mai und Juni, mit viel Brimbamborium, in grüner Schützenuniform ihre Schützenkönige küren.

Wer hat Angst vor Karneval? Die Hälfte der Deutschen verabscheut die Maskerade und macht auch nicht mit! Doch wie kann man vor etwas unspezifischen wie dem Karneval Angst haben? Die Angst ist ein Gefühl, ihre Deutung eine Projektion die verunsichert. Die einen Antworten auf die Verunsicherung mit Neugierde, die anderen mit Abschottung. Der Identitätswechsel stellt die eigenen Identität infrage. Wer Angst vor dem Fremden hat, hat Angst vor dem Fremden in sich selbst. Wir wollen wissen, wie wir uns dazu zu verhalten haben. Die Angst erhöht unsere Aufmerksamkeit und wir suchen ein Verhaltensmuster für den Umgang mit der allgemeinen Verunsicherung, ausgelöst durch den Fremden.

Ich will verstanden werden – Was muss ich tun, wenn es nicht so ist? Wie gehe ich damit um unverstanden zu sein; soll ich dann schreien oder weglaufen?

Nicht anders verhält es sich mit der Angst gegenüber fremden Menschen. A priori jeden Fremden gleich zum Freund zu erklären ist untypisch und eher eine Ausnahme als die Regel. Es wäre nicht unsinnig über die befremdlichen Gefühle, die Vorbehalten und offenen Fragen zu reden. Wieso kommt ihr, wieso zu uns, was erwartet ihr und was ganz konkret von mir und was habe ich davon? So eine Haltung gipfelt in der Frage: Was hast du hier zu suchen? Und ist jedem vertraut, der schon einmal versucht hat in den abgelegnen Weiten der Eifel, des Ostharzes, der Deutschen Provinz Fuß zu fassen. Es sind die fragenden Blicke der alt eingesessenen Bürgerschaft, die wissen will: was suchst du hier, was willst du von uns?

Nichts anderes sind die fragende Blicke, die mir in der Deutschstunde entgegen blicken – wenn Jussuf versucht den Sprach-Code zu erlernen, der ihn Teil dieser Gesellschaft werden lässt, damit er am 50. Breitengrad sein Glück findet, vorübergehend oder für immer? Wir sind, wen wir schützen; wir sind, wem wir nützen.

Ich für meinen Teil habe Angst vor dem Handeln von Politikern, wenn sie im Namen des Gemeinwohls Prozesse provozieren, die mir das Gefühl vermitteln in den Fluten eines reißenden Stroms nur ein Baumstamm zu sein, hin und her geworfen, darauf hoffend zwischen irgend einem Felsen, an irgend einem Ufer zur Ruhe zu kommen.

Die aktuelle Migrationspolitik der Administration Merkel ist nicht erst seit den Spätsommertagen 2015 ein Alptraum, sie ist es seit mehr als 10 Jahren, weil sie systematisch eine Antwort auf die soziale Frage des Nord-Süd-Konfliktes verweigert. Einem Konflikt der immer drängender wird, der ein umdenken erfordert, beginnend bei uns selbst, bei der Frage wie wir mit den Unterschieden umgehen, zwischen arm und reich, gesund und krank. Sind wir nicht alle Menschen mit den gleichen unveräußerlichen Rechten?

Den Karneval muss niemand fürchten, er ist wie ein Ventil auf einem Druckkessel, er lässt die Wut raus, die aufkocht, wenn wir wieder einmal mit erleben, wie sich die Überheblichkeit – besser noch, der Größenwahn Einzelner breit macht und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht – Wahrlich ein Alptraum, insbesondere dann, wenn dieser Größenwahn zum Geschäftsmodell des Erfolgs erklärt wird und nur der zählt der laut und auffällig ist. Heute zählen im Alltag die Lauten.

Meine Abneigung schwillt an, wenn mir einer mit seiner fanatisch vorgetragenen Überzeugung weiß machen will, dass er den einzigen richtigen Weg kennt, wenn sein Handeln alternativlos ist; wenn mir erklärt wird, wie ich zu sein habe und was ich zu denken habe, dass ich ohne dies und jenes nichts bin, wenn mir einer meine unverwechselbare Einzigartigkeit abspricht, meinen Fingerprint, meine unverwechselbare DNA meines Verhaltens.

So auch, wenn mich einer danach beurteilt, ob ich Helau oder Alaaf im Karneval brülle, wie es jetzt die fabulöse Krawallnudel Caroline Kebekus tut. Ganz sicher eine begnadete, aber nicht unfehlbare Entertainerin. Der Inhalt ist kacke, die Perfomances perfekt und zum Schmunzeln ihre Parodie auf Helene Fischer.

In mir schwillt ein mulmiges Gefühl an, wenn einer mich, ob meiner Gewohnheiten oder äußerlichen Attribute verhöhnt, weil ich keine gerade Nase habe, weil ich einen Schwimmring trage, weil ich untersetzt bin, weil ich „Gell“ hinter jeden Satz hefte, um mich der Zustimmung meines Gegenübers zu versichern. Also, eine Kebekus und Raab wäre nicht meine bevorzugte Gesprächspartner, ich fürchtete ihr vernichtendes Urteil, ihre demütigende Bissigkeit.

Überhaupt ist es eine Unart der Comedieans sich über den gemeinen Menschen lustig zu machen. Eine Wohltat wäre, wenn Kebekus und Raab über sich selbst lachen könnten, wie z.B. ein Heinz Erhart oder ein Carl Valentin. Ja, ich hab Angst vor solchen Leuten, weil ich ihnen nicht gewachsen bin, ihrem Zynismus und ihrer selbstgerechten Großschnäuzigkeit. Gießt Häme und Spott über die Mächtigen aus, über ihre unverfrorene Gier, dass sie sich mehrere Gehälter einstreichen und das normal finden, wie unsere Politiker von Claudia Roth bis zum Bundespräsidenten. Sie verdienen ob ihrer Arroganz und Nutzlosigkeit für das Gemeinwohl die bissigste Polemik!

Aber Menschen wie Stefan Raab und Caroline Kebekus machen sich lieber über den gemeinen Mann und die gemeine Frau lustig – karnevaleske Selbstironie ist ihnen fremd. Heißt es nicht jeder Jeck ist anders, egal ob er Helau oder Alaaf brüllt?

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