Sag mir wo die Männer sind, wo sind sie geblieben?

„Das Rollenverständnis der meisten Väter ist heute von einer gewissen Widersprüchlichkeit geprägt: Väter wollen weiter Haupternährer der Familie und gleichzeitig vollwertige Bezugs- und Erziehungspersonen für ihre Kinder sein. Dieser Anspruch setzt auch Väter zunehmend unter Druck.

Wir gedenken in diesem Jahr dem Hundertjährigen Ereignis des Beginns des 1. Weltkrieges. Die ersten Zeilen (etwas modifiziert), des hier unten folgenden Artikels, stammen aus einem Lied, einem Protestsong gegen den Vietnamkrieg, er hätte auch nach dem ersten Weltkrieg geschrieben sein können. In dessen Folge starben Millionen von Männern – Söhne, Brüder und Väter auf beiden Seiten. Nach dem zweiten Weltkrieg schrieb Alexander Mitscherlich sein Buch über die vaterlose Gesellschaft und ich hielt vor 10 Jahren einen Vortrag „Wege aus der vaterlosen Gesellschaft“. Das Thema der neuen Väter ist latent aktuell, aber politisch ohne jegliche Resonanz. Es gibt keine einzige Väterberatungsstelle in Deutschland. Doch das Klagen über die Defizite der Männer & Väter ist laut und nachhaltig, oft genug auch zu recht. Denn der Mann im 21 Jahrhundert ist, ob seiner Rolle unsicher und oft genug auch überfordert, er würde gerne Partner sein und macht oft genug die Erfahrung, wie er durch die Zeiten und Wirrnisse des Berufslebens, in die alten, traditionellen Rollenbilder zurück gedrängt wird, wenn er erfolgreich sein will. Und noch etwas: Frauen, die neuen Frauen finden staubsaugende Männer keinesfalls sexy. Sexy ist der Mann der Macht und Geld hat, Atribute einer Männlichkeit die andererseits heftig bekämpft werden. Es herrscht Kampf zwischen den Geschlechtern, wenn man z.B. Alice Schwarzer und der sog.aufgeklärten Linken Sozialpolitik folgt. Und in den Alkoholkliniken sind Väter und Männer auf Entzug, auch eine Folge des nicht Hinschauenwollens und einer verfehlten, allein auf Verbandsinteressen basierenden Geschlechterpolitik.
Zum Thema empfehle ich den folgenden Artikel von Wolfgang v.der Rydt.

Vom verschwinden der Männlichkeit

Sag mir wo die Männer sind! Wo sind sie geblieben? Sag mir wo die Männer sind! Was ist geschehen? Sag mir wo die Männer sind – wegerzogen schon als Kind – wann wird man je verstehn? Wann wird man je verstehn?

Früher haben die Kriege ganze Generationen vom Männerüberschuss gereinigt – heute übernimmt diesen Part die Genderpädagogik. Zuviel Männlichkeit ist in jeder Gesellschaft rein fortpflanzungstechnisch betrachtet nicht besonders sinnvoll, um die Art zu erhalten benötigt es vor allem viele Frauen, da sie maximal nur alle neun Monate ein Kind zur Welt bringen können – während ein Mann in dieser Zeit unzählige Kinder zeugen kann. Theoretisch käme die genderbereinigte Gesellschaft von Morgen sicher mit einem Männeranteil von weniger als 10 % aus. Mit der Männlichkeit hat auch gleich der Krieg ausgedient – weg mit dem überflüssigen Testosteron. Verstümmeln wir die kleinen Schwanzträger doch gleich zu Beginn ihres zu 90 % überflüssigen Lebens – nur seelisch, psychisch, emotional versteht sich. Das sieht immer noch besser aus, als die abgetrennten Gliedmaßen und entstellten Gesichter der armen Veteranen, die solch ein barbarisches Gemetzel unglücklicherweise überleben. Männlichkeit hat in unserer Mediengesellschaft ihren Platz nur noch in ihrer überzeichneten Form, beispielsweise in Gestalt eines Dieter Bohlen im Trash TV und hat nur noch reine Alibifunktion.

Schwanz ab!Wir reden von Homosexuellen in Deutschland und ihrer ach so schlimmen Benachteiligung in der Gesellschaft, als Schwuler kann man höchstens Außenminister oder Oberbürgermeister von Berlin werden, wir reden von Frauenquoten in Unternehmen, weil Frauen dort noch immer unterrepräsentiert seien. Vielleicht sind Frauen aber nur einfach klüger als Männer und verzichten gerne auf einen Managerjob ganz oben, weil sie einfach nicht bereit sind, den Preis dafür zu bezahlen. Bei all der Gleichmacherei und dem Benachteiligungsgejammere wird eine Gruppe stets überhört – die Männer, insbesondere vorwiegend heterosexuelle Männer mit Kindern, die unglücklicherweise getrennt leben. Was gibt es nicht alles für Hilfsangebote und Initiativen für alleinerziehende Mütter, staatlich gefördert und stets in den Medien präsent, besonders wenn die Sozialpolitikerinnen mal wieder Wählerstimmen benötigen.

Wer engagiert sich für die Väter? Wann wurde je in einer Talkshow über die Düsseldorfer Tabelle geredet, über die gängige Rechtssprechung, die ganz augenscheinliche Benachteiligung der Väter durch Jugendämter und Justiz wenn es um Sorgerecht und Unterhalt geht? In der Regel sind es die Väter, die nach einer gescheiterten Beziehung Unterhalt zahlen müssen und ihre Kinder, wenn es gut läuft nur noch alle 14 Tage sehen können. Doppelt und dreifach bestraft – Beziehung gescheitert, Kinder weg und an eine neue Existenz ist so schnell nicht mehr zu denken. Ist das gerecht? Wo bleibt der Aufschrei? Wer hört ihnen zu? Haben wir mal über Männerquoten in sozialen Berufen geredet? Geredet, ja, aber gehandelt? Pflege und Pädagogik sind seit jeher die Domäne der Frauen, das Pendant zur Front im Männerkrieg. Da fällt der Genderwahn von heute auf fruchtbaren Böden. Wir sind und haben alle gleich zu sein trotz deutlich erkennbarer Unterschiede. Wenn auch aus den Familien durch Trennung die Väter verschwinden, dann mangelt es an männlichen Vorbildern, die gerade in der prägenden Kindheit so wichtig sind.

Wo bleibt der Aufschrei, wenn Jungs, die raufen wollen, das nicht dürfen, weil die Erzieherinnen in der KiTa ein Problem damit haben? “Wann ist ein Mann ein Mann?” singt Herbert Grönemeyer auch heute noch – von wem redet er? Es gibt keine Männer mehr, der Aufschrei bleibt aus – der Schwanz ist ab!

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Fatherhood: my son is amazing but

kornelis_breastfeeding banner 2.jpgFoto: Reuters

Guest Post: It may be the healthiest choice for a baby
but not necessarily for sleep-deprived parents.

via theAltanic

My son is amazing.

Thomas is practically reading Oh, Daddy! to me, and he’s only 23 months old (almost two, for those of you without kids). He’s off the charts in height, and he’s well above average for weight-enough to be strong, but, you know, not an overweight child. Not Thomas.

He helps me unload the dishes. He helps my wife fold the laundry. He’s even more incredible when you consider that he’s accomplished all this, at such an early age, in spite of his troubled upbringing. Thomas grew up on formula, the stuff Michael Bloomberg is trying to keep away from mothers and infants in New York’s hospitals.

Betsy really wanted to breastfeed. She tried. Really hard. It wasn’t easy. There were problems with the „latch“ and with Thomas getting enough to eat. We went to a lactation consultant, rented a pump, and were up every two hours for a hazy routine of turning on the machine, attaching the tubes, applying the supplemental nipple system, and trying to feed a crying baby. There wasn’t much milk, but there were plenty of tears.

Begrudgingly, we gave up—I’m owning the „we“ because it was a team effort—and bought a Costco-sized pack of Enfamil. We brought it home, shook up a batch, and noticed the comforting words placed prominently across the front of the box: „Experts agree breastfeeding is best.“ Thanks. We needed that. Betsy really needed it. She already thought she’d failed.

I’ve never seen a sticker on the outside of a box of frozen chicken nuggets that says „experts agree, feeding your child chicken that’s definitely chicken and not covered in breading is best.“ Our pediatrician told us it was no big deal to switch to formula. Do you think he’d say the same for a steady diet of fast food?

Thomas has always been a good sleeper (he excels at everything, remember?). When he was an infant he was kind enough to go at least three hours between meals. When Betsy was breastfeeding, that meant we ONLY had to get up every couple hours to heat up the pump, and try and extract a few drops before his second midnight snack. Some friends had it much worse. One baby in our circle needed to be fed every hour. To give her child the „ideal,“ his mom didn’t sleep for days.

When we switched to formula, everything changed. Only one of us got up. That meant that I could get up on my own and feed Thomas while his mom went for six hours of sleep. The advantages extended beyond quality REM sleep. I got to bond with my son. I got to sing him songs and tell him stories. Those hours of father-child bonding were a good thing. I got to take him to my parents‘ house for the day—without worrying about having enough milk or keeping it cold—and give Betsy an afternoon to rest. Betsy and I got to go away for a long weekend-to be together, to work on our marriage, something that was not just good for us, but good for the baby, too.

Experts may agree that breastfeeding is best. But experts will also tell you that mistakes happen when people are exhausted. What’s better: a baby who’s formula-fed and driven to story time by a mom who’s had six hours of sleep, or a parent who hasn’t had that much in a week?

The American Academy of Pediatrics says breastfeeding is the „ideal method of feeding and nurturing infants.“ Fine. I get it. So, what’s the ideal car for teenagers to drive? What’s the safest? Is it the used Civic or the new Volvo? Why is it that when it comes to being pregnant and raising babies there’s no middle ground between „ideal“ and shaken baby syndrome? Do divorce counselors guilt parents into staying together because it’s „the ideal way to raise children“? I sure hope not.

Not long before his daughter was born, a friend of mine who doesn’t live with his baby’s mother told me that he didn’t want to settle for making the best of the situation. He wanted to find the advantages that his daughter would have growing up with parents and families in two different homes. How refreshing. That’s a line of thinking can be brilliantly extended to the formula debate.

Unfortunately, there isn’t much debate to speak of. There’s discussion of what medical professionals believe is the ideal—a group, it must be said, that changes its rigid positions, and once insisted that all babies sleep on their bellies, anathema to today’s prescribed wisdom—and anxious parents trying to check every box on the list. I’m not seeing the kind of judgment from my peers that Hanna Rosin experienced (and wrote about at length in „The Case Against Breastfeeding“ in The Atlantic in 2009). I’m seeing exhausted parents who are told there’s only one right way.

What’s missing in the conversation is perspective. Instead of focusing solely on the „ideal“ way to feed a baby, people should be talking about the healthiest option for the family. That’s in the best interest of the child.

Paternity

„What does it feel like to grow up without a father figure in the family?“ this is a question we discus on Quora since the eraly 2010, there are many very sophisticated answers  (read more)

Igor KholkinDespite not having a father figure around, I never felt it was missing while growing up. After hitting my early 20s it became apparent to me how things could have been different with a father around.

– I could have used some advice on how to approach girls when I was a teenager.
– I could have used a lesson in how to handle myself in sticky situations, both mentally and physically.
– I could have used some tutelage on basic home improvement skills.
– I could have used a smack when I did stupid things.

But this all came to mind in retrospect. Thanks to my amazing mother, I never felt the lack of anything growing up.

Brith Milah vs. „Sohn intakt“

Guest Post:
PRIMITIVE GEWALTRITUALE

 Auch ohne Beschneidung ist der Sohn intakt

Von Gil Yaron – TEL AVIV, 28. Juni via  Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2012, Nr. 149, S. 33

        Nicht nur das Kölner Landgericht, auch manche Israelis lehnen die jahrtausendealte Tradition der Beschneidung (Brith Milah) jüdischer Jungen ab und befürworten die unblutige Form (Brith Shalom). Noch sind sie eine Randgruppe, die gegen ein gesellschaftliches Tabu ankämpft. Aber sie wächst.

Zuerst war Eran Sadeh völlig klar, dass er dasselbe tun würde wie alle seine Bekannten. Er wollte seinen Sohn beschneiden lassen, erzählt der Rechtsanwalt aus Nordisrael. Zwei Tage vor der geplanten Beschneidung jedoch hatte er eine Offenbarung: “Ich suchte im Internet Informationen über den Arzt, der die Prozedur durchführen sollte. Plötzlich erfuhr ich Dinge, von denen ich vorher keine Ahnung gehabt hatte. Ich war schockiert, las die ganze Nacht.” Am Morgen stand fest, dass er seinen Sohn nicht beschneiden lässt.

Das war vor sieben Jahren. Eran Sadehs Entschluss erforderte starke Nerven. Denn in Israel gehörte er damals zur absoluten Ausnahme. “Früher gab es im ganzen Land vielleicht dreißig Familien, die sich dazu durchrangen, keine Beschneidung auszuführen”, schätzt Jonathan Enosch, der Gründer des Vereins “Ben Schalem” – intakter Sohn -, der seit fünfzehn Jahren gegen die Beschneidung kämpft: “Immer mehr Juden entscheiden sich in Israel gegen diese Tradition”, sagt er. Inzwischen sind es rund zwei Prozent der jüdischen Eltern, die sich weigern, ihre Söhne beschneiden zu lassen. Das sind mehrere tausend Familien, schätzen israelische Medien. Sadeh, der eine Website über die “potentiell negativen Konsequenzen einer Beschneidung” eingerichtet hat, berichtet von monatlich fünfzehn Besuchen.

Das ist freilich noch immer eine kleine Minderheit. Für die meisten Israelis ist die Beschneidung etwas Selbstverständliches. Als Ben Schalem 1998 klagte, um Beschneidung aufgrund bestehenden Rechts als kriminelles Vergehen zu ahnden, reagierten die Richter ungläubig: “Meint der Kläger es tatsächlich ernst, dass ausgerechnet in Israel, dem einzigen jüdischen und demokratischen Staat, die Beschneidung verboten werden soll, die seit Generationen eine der wichtigsten Glaubensgebote im Judentum ist?” Sie wiesen die Klage ab.

“Meinen Sohn zu beschneiden war für mich kein Dilemma”, erzählt Tom Franz. Dabei kennt der Kölner Rechtsanwalt tatsächlich beide Seiten. Bis zu seiner Einwanderung nach Israel und seinem Übertritt vor wenigen Jahren war er unbeschnittener deutscher Christ. Doch vor wenigen Monaten, sein erstgeborener Sohn war acht Tage alt, war Franz “immens stolz”, als im Beisein von Freunden und Familie das Kind in einer Synagoge in Tel Aviv beschnitten wurde.

“Das Beschneiden gehört zum Judentum wie das Glockenläuten zum Christentum”, findet auch der Rabbiner Yehoram Mazor, der zugleich Präsident des Rabbinischen Gerichtshofs für Reformjuden in Israel ist. Die Richter bezeichneten das Ritual in ihrer Antwort auf den Antrag von “Ben Schalem” als den “ersten und grundlegendsten Ausdruck für den Beitritt eines Individuums zum Judentum”. Von Kindesbeinen an lernt man alles hierzulande über die zentrale Bedeutung des “Brith”, wie Beschneidung auf Hebräisch heißt. “Brith” bedeutet Bündnis und symbolisiert die besondere Beziehung zwischen Juden und ihrem Gott: “Ihr sollt die Vorhaut eures Fleisches beschneiden. Ein Zeichen des Bundes zwischen mir und euch”, heißt es im Ersten Buch Moses. In Schulen wird den Kinder vom Seleukidenkönig Antiochos Epiphanes und Roms Kaiser Hadrian erzählt – Inkarnationen des Bösen. In der Antike verboten sie die Beschneidung, um das Judentum auszulöschen, und lösten Volksaufstände aus.

Wer sich nicht beschneiden lässt, “dessen Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, weil es meinen Bund unterlassen hat”, warnt die Bibel. Die Drohung wirkt tatsächlich bis heute: “Hauptsächlich soziale Ängste bewegen viele Eltern dazu, ihre Söhne beschneiden zu lassen”, sagt Sadeh und stützt sich dabei auf Gespräche mit verunsicherten Eltern sowie auf informelle Erhebungen. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2006 ließe ein Drittel jüdischer Eltern lieber vom “Brith” ab, rang sich aber trotzdem dazu durch, gut die Hälfte wegen des “gesellschaftlichen Drucks”, etwa zehn Prozent, “weil es den Großeltern wichtig war”. “Freunde sind das größte Problem”, weiß Sadeh. “Sie verurteilten uns für unsere Weigerung.”

Das Urteil des Kölner Landgerichts löste im offiziellen Israel Empörung aus: “Es ist, als würden wir jeden Priester verhaften, der eine Glocke läutet, weil er damit die öffentliche Ruhe stört”, begründet dies Rabbiner Mazor. Auch Tom Franz hält das Urteil für eine “verfehlte Einmischung in die Religionsfreiheit”. Befürworter der Beschneidung zitieren gesundheitliche, psychologische und religiöse Beweggründe, die von den Gegnern des Eingriffes freilich bestritten werden. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge sollen beschnittene Männer seltener an Infektionen des Geschlechtsapparats erkranken. Doch da dies selten sei und die Krankheiten zudem behandelbar seien, will die Organisation eine routinemäßige Beschneidung nicht empfehlen. Kondome etwa seien der weitaus effektivere Schutz als der unumkehrbare chirurgische Eingriff. Die Angst, Kinder mit Vorhaut würden ausgegrenzt, können Eltern unbeschnittener Israelis nicht bestätigen: “Mein Sohn hatte nie deswegen Probleme”, sagt Enosch. Es sei ein “Teufelskreis: Eltern beschneiden ihre Kinder, damit sie nicht anders sind, was dazu führt, dass es alle weiter tun.” T., ein Offizier in der Armee, der anonym bleiben will, bestätigt im Gespräch, dass er viele Soldaten kennengelernt hat, die nicht beschnitten waren – “das kümmerte niemanden”. Seinen Sohn will er nun auch nicht beschneiden lassen: “Wozu?”, fragt der Offizier.

Rabbiner propagieren Beschneidung fast ausnahmslos, dennoch ist die jüdische Religion nicht so drakonisch wie das Erste Buch Moses: Zwar heißt es im Talmud, ein Mensch sei nicht perfekt, bis er nicht beschnitten werde. Rabbi Ben Jaakov Ben Asher, ein Gelehrter aus dem dreizehnten Jahrhundert, warnte indes: “Wer sich nicht beschneidet, kommt nicht ins Paradies, auch wenn er die Tora studiert und gute Taten vollbringt.” Dennoch gesteht Mazor ein: “Wer als Jude geboren wird, aber nicht beschnitten wurde, ist trotzdem ein vollwertiges Gemeindemitglied. Die Religion macht da keinen Unterschied.” Nur beim Übertritt ist der “Brith” obligatorisch.

Für den israelischen Autor Meir Schalev bleibt der Ritus ein Rätsel: “Warum bestehen freie, säkulare Juden darauf, ausgerechnet dieses brutale, grausame und primitive Gebot einzuhalten?” Auch Sadeh findet es absurd: “Meine Freunde essen Schweinefleisch und halten den Schabbat nicht ein. Aber sie sind überzeugt, dass sie ein Stück vom Penis ihres Sohnes abschneiden müssen, damit ihr Sohn Jude ist.” Dabei habe sich das Judentum in vielen Fragen angepasst: Vor zweitausend Jahren wurde der Opferdienst eingestellt, im Mittelalter die Polygamie verboten. Sadeh schlägt daher vor, auch die Beschneidung in einen symbolischen Akt zu verwandeln. Die heutige Beschneidung unterscheidet sich ohnehin vom “Brith”, wie ihn Abraham an sich selbst vornahm. Der Stammesvater trennte einen kleinen Teil seiner Vorhaut ab. Nachdem zur Zeit des Zweiten Tempels Juden daraufhin begannen, die verbleibende Vorhaut wieder zu verlängern, wiesen die Rabbiner an, alles zu entfernen: “Das ist ein masochistischer und barbarischer Brauch, der nichts mit dem ursprünglichen Brauch zu tun hat”, findet Enosch.

Reuven Rivlin bezog als einer der wenigen israelischen Politiker Stellung: Die Religionsfreiheit einzuschränken, findet der israelische Parlamentspräsident, stehe “im Widerspruch zu jeder demokratischen Verfassung”, und er forderte den Bundestag auf, die Beschneidung in Deutschland gesetzlich zuzulassen. Kommentatoren verglichen den Berichtsbeschluss mit den hasserfüllten Edikten Antiochos’ und Hadrians. Aktivisten wie Eran Sadeh und Jonathan Enosch begrüßten den Richterspruch: “Endlich wird das Recht auf körperliche Unversehrtheit über Religionsfreiheit gestellt”, sagt Sadeh. “In Israel kann man dieses Tabu kaum brechen”, meint Enosch. Das Urteil in Köln “gibt mir Mut, aufs Neue zu versuchen, mit einer Klage auch hier im Land Ähnliches zu erreichen”.

Gil Yaron, Jahrgang 1973, lebt in Tel Aviv und ist Mediziner und Publizist. Demnächst erscheint “Lesereise Israel/Palästina: Zwischen Abraham und Ibrahim”. In drei Monaten wird er Vater und steht selbst vor dem Dilemma der Beschneidung seines Kindes.

Interview mit Jonathan Enosch (Ben Schalem Bewegung in Israel) in der „taz“ –Ein Akt der Vergewaltigung, 17.07.2012

Die Hintergründe zum Urteil des Landgerichts in Köln siehe FAZ vom 15.07.2012, Das Urteil

Jews Against Circumcision