Post-Österlich

Guest Post: Was gesagt werden muss

Leitgedicht – die dichterische Antwort der FTD, vom 10. April 2012.

Warum schweigen wir,
verschweigen zu lange,
was offensichtlich ist
und in Planspielen geübt wurde,
an deren Ende als Lesende wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das Recht auf den Tiefschlag,
der das von einem Maulhelden verfasste Gedicht
zum organisierten Aufschrei lenken will,
um das israelische Volk aufzumischen,
in dessen Machtbereich er nun nicht mehr einreisen darf.
Doch warum untersagen wir uns,
jenen Alten beim Namen zu nennen,
der doch seit Jahren – wenn auch geheim gehalten ,
über ein schwindendes poetisches Potenzial verfügt,
aber außer Kontrolle, weil er keiner Prüfung zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich unser Schweigen untergeordnet hat,
empfinden wir als Belästigung,
weil wir wieder so viel schreiben müssen
über alte Themen und Rituale, nur weil Opa dichtet,
das Verdikt „Altersstarrsinn“ ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus unserem Land,
das von sehr vielen Gedichten,
die mit und ohne Reim sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Fehde gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig,
wenn auch mit flinker Lippe als Gedicht deklariert,
ein weiterer Textauswurf nach Israel geliefert wurde,
dessen Spezialität darin besteht, verquaste Sätze mit
komischen Umbrüchen dorthin lenken zu können,
wo die Existenz des Satzendes nach so viel Kommata völlig unklar ist,
haben wir auch gerade vergessen, was gesagt werden muss.
Warum sagen wir jetzt erst, erholt und mit frischer Tinte:
Der Günter Grass, er nervt, und mit ihm aller Populismus, der folgt?
Nun, es war Ostern, und wir haben Eier gesucht,
es war schön und etwas kalt, auch weil wir – als FTD belastet genug
mit anderen Themen wie Euro-Krise – wieder schweigen wollen,
weil wir der Heuchelei dieser Debatte überdrüssig sind;
zudem ist zu hoffen, dass der Verursacher und sein Gedicht
bald wieder vergessen sind. Nur so ist allen zu helfen.
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Leon de Winter

Der Günter schenkt den Juden ein Gedicht

Jetzt hat der niederländische Schriftsteller Leon de Winter in Versform Günter Grass geantwortet.

Der Günter konnt‘ sich nicht bezwingen,

die alte deutsche Wahrheit sollt erklingen:

Die Juden sind an allem schuld!

Warum bloß verlor Günter die Geduld?

Wo blieb sein Verstand, was hat ihn beseelt?

Okay …

Hier wird die ganze Geschichte erzählt!

Günter Grass hat ein politisches Gedicht publiziert,

und alle Zeitungen haben es ausführlich zitiert.

Journalisten und Denker geraten sich nun ins Gehege,

als brächte das Gedicht so viel Großes zuwege.

Dabei ist Günters Pamphlet ein reimloses Gedicht,

trockene Lyrik, ganz ohne Gewicht.

Warum lässt er nicht die Wörter tanzen?

Warum nur hinter Prosa verschanzen?

Wer reimt, der geht stets hin und her,

der geht vor und auch wieder Zeilen zurück,

so wie der Tänzer in seinem Lieblingsstück.

Der Dichter aber, der reimlos dichtet, was wünscht der?

Da bin ich rasch am Ende, zum Glück!

Günter dichtet reimlos über die israelische Gefahr,

Literatur scheint ihm lässlich, denn es ist wahr!

Doch Frieden ist es, was die Juden wollen,

für Günter Grass ein Grund zum Grollen?

Warum wollen die Juden leben im eigenen Land,

lieber in der Wüste, in der Hitze, nur mit Sand,

als bei Günter mit seinem scharfen Verstand?

Da sind doch iranische Führer, die freiheraus sagen:

Das jüdische Krebsgeschwür woll’n wir entfernen.

Was das bedeutet, müssen die Juden nicht fragen.

Sie kennen die Fakten – sie hatten die Zeit zu lernen.

Sie sagen: Wir warten nicht, sondern attackieren.

Denn tun wir das nicht, können wir nur verlieren.

Wie unsere Vorfahren, die (obwohl von Günter verteidigt …

– Pardon, von Günter als Waffen-SSler beleidigt),

trostlos getötet; wir kennen das Schicksal,

die Pein und die Qual

wie sie einsam und schweigend und nackt und kahl,

hungernd nach Brot und dürstend nach Wasser,

knien mussten vor dem Judenhasser.

Günter sieht diesen Zusammenhang nicht.

Er rät zu warten, völlig gelassen,

bis Iraner die Bomben fallen lassen.

So der Ton, der aus seinen Zeilen spricht.

Nicht den Koreanern, nicht den Chinesen,

nicht den Syrern oder den Sudanesen,

nein, den Juden schenkt der Günter ein Gedicht!

Denn Günter meint, es sei nun genug gewesen,

mit dem Gewicht der Geschichte aus jüdischer Sicht.

So sind die Juden denn die weltweit größte Gefahr,

folgt man den Gedanken unter Günters grauem Haar.

Hat er recht? Oder ist er verwirrt momentan?

Die Juden träumen vom Ende des Iran?

Nein, das ist Günters Erfindung, nicht Tel Avivs Plan.

Nie haben die Juden mit der A-Bombe gedroht,

es sind die Iraner, die reden von Vernichtung und Tod.

Doch darüber macht Günter sich keine Sorgen,

ihm ging’s um die Juden, die seine Ruhe stören jeden Morgen!

Zu viele Jahre schon hört er beim Erwachen

die Juden mit ihrem marternden Gewissen.

Schluss damit! Schluss mit dem hebräischen Lachen!

Die sind ja irre, die haben verschissen!

Es war fast zu spät:

Aber jetzt war’s genug mit jüdischen Ängsten,

jüdischer Moral und Superiorität!

Die wollen doch die Palästinenser schmoren,

durch sie ist der Nahe Osten verloren!

Nicht besser als die Nazis sind sie!

Günter Grass ist tief überzeugt:

Die Juden werden die Welt vernichten.

Da ward es Zeit für Günter, reimlos zu dichten.

O mein Gott, hat er gedacht, ich schreibe es!

Sollen ruhig alle davon berichten,

mir doch egal, was die Folgen sind.

Ich mach es, ich, Günter, ich bin kein Kind …

Die Juden sind an allem schuld!

So, das ist meine Meinung: Schluss mit der Geduld!

Günter wollte es schon lange schreiben.

Jetzt ist es raus, muss nicht mehr im Geheimen bleiben.

Jetzt geht es um in der ganzen Welt.

Er hat nicht mehr diese schreckliche Bange.

Günter hat endlich die Frage gestellt:

„Warum schweige ich, verschweige zu lange?“

Jetzt ist er ein Held.

Ja, ein Held,

so klingt es von Teheran

bis Frankfurt am Main.

Endlich Ruhe, er hat es getan!

Punktum: Er ist kein Tropf,

sondern ein Held,

sagt man in Riad im königlichen Zelt.

Und daheim erst, in Schleswig-Holstein:

Ein Held! Ein Held

Endlich Schluss mit der Pein,

endlich Ruhe im Kopf,

endlich herrlich judenrein.

Wir sind am Ende angekommen.

Dank an Herrn Grass für den unschönen Anstoß,

für das dumme Zeug, das er von Hassern übernommen.

Nach Verlust des Verstands, das scheint wohl klar.

Seine Blechtrommel bleibt, und die ist groß.

Für die sind wir ihm wirklich dankbar.

Geschrieben von Leon de Winter auf Deutsch, bereichert von der Übersetzerin Hanni Ehlers und veröffentlich in der Welt im April zu Ostern 2012.

Leon de Winter, vielfach ausgezeichneter niederländischer Schriftsteller, lebt in Amsterdam und Los Angeles, von wo aus er zurzeit für die „Welt“-Gruppe über die USA berichtet. Der 1954 geborene Winter stammt aus einer jüdischen Familie, seine Eltern überlebten den Holocaust in einem Versteck.

Günter Grass

Was gesagt werden muss

Günter Grass SZ 4.April 2012

Warum schweige ich, verschweige zu lange,

was offensichtlich ist und in Planspielen

geübt wurde, an deren Ende als Überlebende

wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,

der das von einem Maulhelden unterjochte

und zum organisierten Jubel gelenkte

iranische Volk auslöschen könnte,

weil in dessen Machtbereich der Bau

einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,

jenes andere Land beim Namen zu nennen,

in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –

ein wachsend nukleares Potential verfügbar

aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung

zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,

dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,

empfinde ich als belastende Lüge

und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,

sobald er mißachtet wird;

das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,

das von ureigenen Verbrechen,

die ohne Vergleich sind,

Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,

wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch

mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,

ein weiteres U-Boot nach Israel

geliefert werden soll, dessen Spezialität

darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe

dorthin lenken zu können, wo die Existenz

einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,

doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,

sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?

Weil ich meinte, meine Herkunft,

die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,

verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit

dem Land Israel, dem ich verbunden bin

und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,

gealtert und mit letzter Tinte:

Die Atommacht Israel gefährdet

den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

Weil gesagt werden muß,

was schon morgen zu spät sein könnte;

auch weil wir – als Deutsche belastet genug –

Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,

das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld

durch keine der üblichen Ausreden

zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,

weil ich der Heuchelei des Westens

überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,

es mögen sich viele vom Schweigen befreien,

den Verursacher der erkennbaren Gefahr

zum Verzicht auf Gewalt auffordern und

gleichfalls darauf bestehen,

daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle

des israelischen atomaren Potentials

und der iranischen Atomanlagen

durch eine internationale Instanz

von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,

mehr noch, allen Menschen, die in dieser

vom Wahn okkupierten Region

dicht bei dicht verfeindet leben

und letztlich auch uns zu helfen.

Was Günter Grass uns sagen wollte, eine Kritik von Frank Schirrmacher in der FAZ, quasie eine Deutschstunde zum Thema Gedichtinterpretation. Über das „Gedicht“ ist eine heftige und bissige Diskussion in der K-Woche entstanden. (SPIEGEL-Online, Interview in der Kulturzeit SAT3, Tagesthemen ARD).

Sollte Günter Grass auf Applaus aus gewesen sein, dann war seine sprachliche Bildhauerei ein künstlerisches Happening, der zu einem medialen Shitstorm mutierte oder marketingtechnisch ein Flop war, denn unisono -„orchestral“- ist die Kritik an seinem Text. Für mich ist das Gedicht eine sehr persönliche Empörung des Künstlers Grass, ob er dabei eine weit verbreitete Stimmung anspricht, die verschwiegen wird, bezweifele ich.

Denn was muss denn endlich mal gesagt werden, was ein himmelschreiendes Unrecht ist, was in allen Maßen unserer aller Empörung erregen sollte? Israels Atompolitik, die islamische Diktatur im Iran, die Diktaturen im Nahen Osten, die ihre Zivilbevölkerung von der eigenen Armee massakrieren lässt?

Günter Grass ist empört, ganz im Sinne eines Stèphan Hessel und er konfrontiert uns mit seinem persönlichen Eifer, seinem sprachlich auf den Tisch hauen, seiner schnellen wörtlichen Skizze, die doch so plakativ bleibt und hinter den sprachlich Möglichkeiten unserer Sprache. Es ist keine wortgewaltige Streitschrift – hier bin ich enttäuscht und hier setzt meine Kritik an, das Gedicht überzeugt mich sprachlich nicht, ich will mehr Lyrik, aller Hölderlin, so ist es mir zu platt.

Meinen Grass kennend, gehe ich davon aus, dass der Künstler Grass das so beabsichtigte, hier wollte er keine sprachlichen Eitelkeiten zu lassen. Was also wollte er? Wir sollen über die Atompolitik Israels reden? Gut, das ist sicherlich ein wichtiges Thema. Also Günter Grass wird zum Themensetter, er fordert uns auf, zu einem Thema seiner Wahl, Stellung zu beziehen, er ergreift die Initiative, weil er nicht erst über Israels Atompolitik im Kontext einer Katastrophen-Berichterstattung die Rede führen will. Das ist sein gutes Recht und eine gute Praxis des politischen Diskurses, den wir all zu gerne vernachlässigen, bei der boulevarisierung von Nachrichten, deren Themen setting von ihrem Grad an Sensation bestimmt wird. Hier überzeugt Grass, denn die atomare Aufrüstung im Nahen Osten ist keine Banalität und die Politik jeder Regierung in dieser Region bedarf einer kritischen Öffentlichkeit. Leider ist die heutige und sind die vergangenen israelischen Regierungen nicht bereit ihre Atompolitik einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, jede Diskussion wird verboten und die Atompolitik zur Geheimsache der israelischen Landesverteidigung erklärt. Das ist nicht richtig, denn im Falle eines atomare Einsatzes im Nahen Osten ist der ganz Globus betroffen und gefährdet und die Folgen bleiben nicht auf eine Region begrenzt. Hier ist jede Empörung berechtigt und die Kritik des scharfzüngigen Sarkast Broder wenig überzeugend – viel Lärm sonst nichts!

Doch wieso der Shitstorm? Hat Günter Grass womöglich ein Tabu gebrochen und wenn ja, welches? Wenn ich mir die Entwicklung der Nachrichtenkultur der letzten 30 Jahre anschaue, dann ist mir klar geworden, dass sich stillschweigend und klamm heimlich eine Nachrichtenwirklichkeit etabliert hat, deren Wichtigkeit von Faktoren des Entertainments, der marktschreierischen Sensation bzw. der Katharsis geprägt wird. Also, wer bestimmt das Thema des Tages, was ist eine Nachricht, die auf die erste Seite darf? Günter Grass hat sich das Recht raus genommen, sein Thema, mit der Veröffentlichung seines Gedichtes, auf die erste Seite zu stellen, er hat bewusst ein Thema forciert und das als Künstler und Literat und das ist meiner Ansicht nach der Tabubruch, dem ihm die orchestrale Kritik übel nimmt. Günter Grass, der Bildhauer, der Grafiker, der Literat hat manipuliert, hat sein Thema promoviert, im Gewand seines Gedichtes, vorbei an den Hütern der poltical correctness.

Er tat es in Deutsch, in Spanisch und im Italienischen und er hat Erfolg, sein Gedicht hat ohne Zweifel eine politische Wirkung und dafür gilt mein Applaus.  Was er wollte hat er in seinem Interview gegenüber Kulturzeit SAT3 erklärt. Er will, dass wir seine Empörung teilen. Knüpft Grass über dies hinaus an die Tradition eines Kurt Tucholskys an?Sprachlich suche ich die Wortgewaltigkeit und die Lyrik zum Gedicht, das dann doch, irgendwie gar kein Gedicht ist. Eher dann doch ein Brandbrief, der von Israel spricht und die Regierung von Bibi meint! Ein Gedicht fragt nach einer Melodie und dieses Gedicht, ist doch so stumm. Ich kann mich dem Text nicht nähern, es ist kein weites Feld, auf dem ich mich ausbreiten darf – was geht, was passiert – wäre doch die richtige Frage. Soll es ein Aufruf zum Frieden sein? Wieso diese halbherzige Kritik an den Konfliktparteien im Nahen Osten? Die einfachen Menschen darben und leiden, hungern und sind in ständiger Angst und wissen nicht, was ihnen die Zukunft bringt. Und Israel will Heimat sein und sitzt auf einem Pulverfass umringt von Diktatoren, die ihre Zivilbevölkerung von den eignen Armeen und Sicherheitskräften massakrieren lässt und hat immer wieder Regierungen, die nur überleben können, wenn ihre Doktrinen der Sicherheitspolitik  den finalen Holocaust denken.

Ich denke, die Staaten im Nahe Osten sollten abrüsten, statt weiterhin den Doktrin der Aufrüstung Vorrang zu gewähren. Die Mehrheit der Herrscher im Nahen Osten sind nicht in der Lage, der eigenen Bevölkerung ein menschenwürdiges und ziviles Leben zu ermöglichen. Und was endlich gesagt werden sollte ist, dass wir die fortgesetzte und stillschweigend geduldete Aufrüstung der Region, nicht weiterhin billigend in kauf nehmen dürfen, für unseren wirtschaftlichen Wohlstand in Europa.