It’s a Boy

„Dieses Ritual widerspricht meinen jüdischen Werten -,
Tzaar Baalei Chajim“ Victor Schonfeld 

Der Dokumentarfilm über männliche Beschneidung des Regisseurs Victor Schonfeld, selbst Vater und Jude, untersucht innerhalb der jüdischen und muslimischen Communities in London die Auswirkungen des Eingriffs auf kleine Jungen als Frage der Kinderrechte.

Der Film wurde von “The Independent on Sunday” zum TV-Programm des Jahres gekürt und gilt nun als Standardwerk zur kontroversen Debatte über männliche Beschneidung.
Ursprünglich bei Channel 4 ausgestrahlt, zeigt IT’S A BOY Aufnahmen des Eingriffs und schildert seine Auswirkungen auf die Jungen. Regisseur Victor Schonfeld präsentiert die Diskussion als Frage der Kinderrechte und interviewt Experten jüdischen und muslimischen Glaubens, Mediziner und Familien. Seinen Schwerpunkt legt Schonfeld auf die aktuelle Situation der jüdischen Gemeinschaft in London und weltweit. (via Youtube It’s a boy) & (Haaretz, vom 12.10.2012, An end to the agony)

„Es wäre zutiefst beklagenswert, wenn die Beschneidung von minderjährigen Jungen in Deutschland legalisiert würde, sagt der jüdische Filmemacher Victor S. Schonfeld. Der Brite hat die Risiken des Rituals im Film „It’s A Boy!“ dokumentiert. Nun appelliert er an die Bundestagsabgeordneten, die Beschneidung ohne medizinische Gründe nicht zu erlauben.“
Ein Gastbeitrag in der SZ, vom 30.11.d.J. von Victor S. Schonfeld (full text)

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Ethikrat vs. Ärzteverband

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Die Empfehlung des deutschen Ethikrats zur religiösen Zirkumzision, steht im Gegensatz zu den Stellungnahmen internationaler Ethikkommissionen der Ärzteverbände in Norwegen, Schweden und den Niederlanden. Ein Vergleich lohnt sich: Die Ethikkommissionen des norwegischen und des niederländischen Ärzteverbandes, sowie der Verband der schwedischen Kinderärzte halten die Beschneidung jenseits einer medizinischen Indikation für unethisch und sprechen sich deshalb für ein Verbot des Eingriffs auf dieser Basis aus.

Bei diesen Kommissionen handelte es sich jeweils um Ethikarbeitskreise der Ärzteverbände der jeweiligen Länder. Beim Deutschen Ethikrat sitzen Experten, die wohl aus theologischer, philosophischer und juristischer Sicht die Fragen beantworten, aber eben nicht aus unabhängiger, fachärztlicher Perspektive. Nötig wären neben Theologen und Juristen Fachärzte, die insbesondere aus pädiatrischer und im speziellen, aus kinderurologischer Sicht, die Fragen zur frühen Zirkumzision bei Babys und Kleinkindern diskutieren. Die Komplikationen werden verharmlost oder gar in Abrede gestellt, obwohl der konkrete Fall aus Köln, wegen solcher Komplikationen, den Stein ins Rollen gebracht hat. Es fehlt die Stimme des Epidemiologen und es fehlen Studien, die die Praxis beleuchten, die Risiken benennt und jenseits der religiösen Tradition minimal invasive Techniken beschreibt.

Autoren, wie GREGORY J. BOYLE von der Bond University, Australia;  RONALD GOLDMAN  aus Boston, USA Circumcision Resource CenterJ. STEVEN SVOBODA aus Berkeley, USA Attorneys for the Rights of the Child und EPHREM FERNANDEZ aus Dallas Southern Methodist University, Dallas, haben sich mit den psychosexuellen Spätfolgen der Zirkumzision beschäftig, das war aber kein Thema im Ethikrat. 

Die Britische Gesellschaft für Kinderchirurgie schreibt:

Die Komplikationen umfassen Blutungen, lokale Sepsis, meatale Verkrustungen oder Meatusstenosen, Entfernung von zu viel oder zu wenig Haut, Harnröhrenverletzungen, Amputationen der Eichel und Inklusionszysten. 
Griffiths et al. berichten in ihrer prospektiven Untersuchung der Krankenhausbeschneidungen folgende Komplikationen: Nässende Wunden 36%, Unbehagen >7 Tage 26%, Infektionen, die Antibiotika erforderten 8.5% und Blutungen 1.5%. http://www.baps.org.uk/documents/Circumcision_2007

Der deutsche Ethikrat sprach ausgiebig über die Frage der Betäubung, ohne jedoch dazu einen Spezialisten der Anästhesie zu rate zu ziehen. Wie schwierig und auch riskant insbesondere die Anästhesie bei Säuglingen ist, wurde in diesem Zusammenhang nicht ausführlich diskutiert. Die Vollnarkose stellt ein hohes Risiko für den Neugeborenen dar und die Möglichkeiten der örtlichen Betäubung werden von Kinderärzten als überwiegend ineffektiv beschrieben.

Professor Tom de Jong, Kinderurologe, am UMC, Wilhelmina Kinderziekenhuiz in Utrecht äußert sich wie folgt:

Zelfs de verdoving mislukt vaak. „Het verdoven van een kinderpenis is erg moeilijk. Als ik het bij tien kinderen probeer, gaat het één of twee keer mis. Veel jongetjes krijsen dan ook als speenvarkens als ze worden besneden.

Selbst die Narkose gelingt oft nicht. „Die Betäubung eines Kinderpenis ist sehr schwierig. Wenn ich beispielsweise bei zehn Kinder probiere [eine Betäubung zu verabreichen],geht das bei einen oder zwei Kindern schief. Viele Jungen schreien dann auch immer wie Spanferkel, wenn sie beschnitten werden“

Quelle: Sander Becker: De besnijdenis: Grote gevolgen van een kleine ingreep. Trouw. 30.09. 2011

Die Funktion der Vorhaut aus der Sicht des Anatomen und Urologen:

Die menschliche Vorhaut ist in ihrem Aufbau einzigartig. Sie weist fünf Gewebsschichten mit einer ausgesprochen hohen Dichte an Nervenzellen auf und hat eine spezielle Funktion im Fortpflanzungsprozess.

…Die Vorhaut ermöglicht einen speziellen Gleitmechanismus im Rahmen des Geschlechtsverkehrs. Bei einer Zirkumzision werden 30–50% der Penishaut entfernt. Dadurch kommt es bei der Erektion zu einer Spannung der Penishaut und bei vaginaler Penetration zu einer erhöhten Reibung an der Scheidenwand. Dies kann, wie Untersuchungen zeigen, zu unangenehmen Sensationen bei beiden Sexualpartnern führen.

Bei beschnittenen Männern kommt es zu einer verstärkten Keratinisierung der Glans und dadurch mitunter zu einer verminderten Sensibilität, welche wiederum Einfluss auf die geübten Sexualpraktiken haben kann. Ein Plädoyer für die Vorhaut

Der Ethikrat verpasste die Chance, im Ergebnis offen miteinander über das, wie und was des Eingriffs zu diskutieren, geschweige denn über Alternativen als solche. Die Funktion der Vorhaut im allgemeinen und im speziellen kam auch nicht zur Sprache. So wurde auch kein unabhängiger Anatom dazu befragt. Die theologisch festgelegten Mediziner (Interessensvertreter der jeweiligen Religionen) erklärten sich selbst zu Experten zu all diesen Aspekten und reklamierten für sich die Deutungshoheit über alle Fragen zur Zirkumzision. Allein der Strafrechtler aus Hamburg, war frei von theologischen Festlegungen und wies auf die verfassungs- und strafrechtlichen Fragen hin.

Ausgiebig wurde im Ethikrat über den existenziellen Wert der Beschneidung für die beiden Religion geredet. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat zu recht, die Empfehlung des deutschen Ethikrats scharf kritisiert. (Presseerklärungen: BVKJ & DAKJ)

Die betroffenen Ministerien, der Rechtsausschuss und der Bundestag selbst werden sich nicht allein auf die Empfehlung des Ethikrates verlassen dürfen. Es braucht eine ausführliche parlamentarische Diskussion und auch eine öffentliche Anhörung von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen. Die Diskussion darf nicht den Theologen und Juristen überlassen werden.

Brit Mila III

Pro & Contra:
Brit Mila vs. Menschenrechtsfundamentalismus

    Viele junge Eltern sehen sich nach einer kinderärztlichen „Routineuntersuchung“ ihres Sohnes mit dem Vorschlag einer Beschneidung (Zirkumzision) ihres Sprösslings konfrontiert. Was hat es nun mit der Beschneidung auf sich? Welche religiösen und medizinischen Gründe gibt es? Was sind die Risiken und Chancen des Eingriffs? Antworten finde sich unter folgenden Links (hier) und wer sich an einer Petition beteiligen will (hier). Stellungnahme im Deutschen Ärzteblatt, vom 17.Aug.d.J., mit einem Verweis auf das Model in Schweden, Diskussion über religiöse Beschneidung. Berlin, den 21.Aug.d.J., die Stellungnahme des Oberrabbiners von Israel Yona Metzger, Bericht im Deutsches Ärzteblatt – „Medizinische Grundausbildung für  Beschneider, vom selben Tag.

    In der Presse wird vorrangig die weibliche Beschneidung diskutiert, die der Jungen wird merkwürdigerweise wie G’tt gewollt unkritisch hingenommen. Die „Beschneidung“ von Jungen ist der am häufigsten durchgeführte chirurgische Eingriff der Welt. Die Entfernung der Vorhaut ist ein nachhaltiger Eingriff, der das Aussehen und die Funktion des männlichen Geschlechtsorgans irreversibel verändert.

    Für das Judentum ist die Beschneidung am 8 Tag und für die deutsche Zivilgesellschaft nach 1945 das Grundgesetz identitätsstiftend. Ein Gesetz soll es jetzt regeln, was doch die Verfassung längsten geregelt hat. Mitnichten sind jene die Komiker, die die Unversehrtheit von minderjährigen höher schätzen als das Elternrecht und die Religionsfreiheit. Die Kanzlerin betreibt Populismus und die Diskussion hat in ihrer Polemik, Stichwort „Menschenrechtsfundamentalismus“ (FR Leitartikel Beschneidung& Holocaust, von Christian Bommarius) schon längsten das Wohl des Kindes nicht mehr im Fokus, es werden alte Rechnungen aufgemacht und alte Reflexe benient. Wir brauchen keine Sondergesetze für Moslems und Juden, unsere Verfassung reicht dafür aus und bietet allen Schutz und alle Freiheit.

     Das Landgericht Köln hatte weder das Judentum, seine Bräuche und auch nicht den Islam zum Thema gemacht, denn das Gericht hatte auch nicht die Absicht, über das Brauchtum beider Religionen zu urteilen. Das Landgericht Köln beurteilte vielmehr die ganz individuelle Situation eines minderjährigen, muslimischen Jungens, der nach seiner Beschneidung, durch einen Mediziner, aufgrund des Elternwillens, mit schwerwiegenden Nachblutungen um sein Leben fürchten musste. So waren zwei Operation nötig, um die Blutungen zu stillen, dabei hat die Mutter fast ihren Verstand verloren.

    Wer meint, dass das Urteil in einer Linie mit den politisch motivierten Pogromen vor 1945 steht, irrt. Er weigert sich zu differenzieren, denn der Unterschied ist entscheidend und stellt in der Tat für beide Religionen einen notwendigen Paradigmenwechsel dar, gegen den sich insbesondere die Traditionalisten beider Seiten nachvollziehbar wehren. Die Persistenz der handelnde Kräfte wird über Verstand und die Vernunft hinaus entscheiden, sowie aufzeigen, welche der beiden Seiten, die ausreichende Resilienz besitzt, mit der  notwendigen gesellschaftlichen Veränderung zu recht zu kommen.

Mehr von meine Kommentaren zum Thema gibt es auf der Seite der FAZ .(hier). Ein Video auf YouTube veranschaulicht den medizinischen Eingriff: the most sensitive part.